„Game of Thrones“-Star Pilou Asbæk muss sich als dänischer Soldat vor dem Militärgericht für den Tod von Zivilisten verantworten

© /Constantin

"A War": Kriegsfront in der Heimat
04/21/2016

"A War": Kriegsfront in der Heimat

Tobias Lindholm stürzt dänischen Soldaten ins moralische Dilemma.

von Alexandra Seibel

Tobias Lindholm, Regisseur von "A War", zählt zu den unaufhaltsamen Aufsteigern des (dänischen) Filmgeschäfts. Der heute 38-jährige machte sich zuerst als Drehbuchautor einen Namen: In Dänemark für die beliebte Polit-TV-Serie "Borgen", international für seine Arbeit als Co-Autor von Thomas Vinterberg. Mit ihm schrieb er Bücher für Erfolgsfilme wie "Die Jagd" oder zuletzt "Die Kommune". Lindholm reüssierte auch wiederholt als Filmemacher. Für seinen zweiten Spielfilm "A War" erhielt er den Auslandsoscar.

In "Krigen" – so der dänische Originaltitel – macht er auf den ersten Blick nichts falsch. Im Gegenteil: Mit seinem fesselnden Drama über einen Soldaten, der beschädigt aus dem Krieg zurückkehrt, befindet er sich seit Kathryn Bigelows "The Hurt Locker" in bester Gesellschaft. Eine fahrige Handkamera stürzt sich irgendwo in Afghanistan ins Kriegsgeschehen. Hautnah klebt sie sich an die Körper dänischer Soldaten, die keuchend sandfarbene Hügellandschaften kontrollieren. Eine Mine geht los, ein Soldat stirbt, die Nerven liegen blank. Der Truppenführer Claus – konzentriert gespielt von "Game of Thrones"-Star Pilou Asbæk – kämpft darum, die demoralisierten Soldaten wieder aufzubauen.

Mit der gleichen bewegten Handkamera folgt Lindholm auch dem Alltag von Claus’ Ehefrau in Dänemark. Allein mit drei kleinen, oft schwierigen Kindern, steht sie stark unter Druck – und die gereizten Bilder erzeugen eine Kontinuität zwischen der Kriegsfront und der Front zu Hause. Der Vater fehlt, die Mutter ist überfordert, die Kinder renitent. Effektvoll bemüht sich Lindholm darum, den familiären Stress der Mutter gleichberechtigt mit dem ihres Mannes zu erzählen: Es findet eine Art Transfer der Affekte statt.

Hinterhalt

In Afghanistan gerät Claus inzwischen mit seiner Truppe in einen Hinterhalt. Nicht nur kann er einer afghanischen Familie den versprochenen Schutz nicht bieten. Er gibt einen militärisch nicht legitimierbaren Befehl, und elf Zivilisten sterben.

An diesem Punkt verdichtet sich "Krigen" zu einem intensiven Gerichtssaaldrama. Claus steht unter Anklage: Hat er richtig gehandelt?

Er selbst findet, nein, hat er nicht. Aber die Ehefrau setzt ihm zu: Er müsse seine Schuld ableugnen, sonst komme er ins Gefängnis. Das würde die Familie, die Kinder zerstören.

Ihr Anliegen, so berechtigt es ist, hat etwas Mitleidloses dem zermürbten Mann gegenüber. Nichts geht über die eigene Familie, und Afghanistan ist weit. Mitleidlos auch die Staatsanwältin: Sie verteidigt die toten Zivilisten, doch scheint es ihr vor allem darum zu gehen, einen Soldaten zu demontieren.

"A War" ist ein durchwegs hervorragend gespieltes, routiniert fotografiertes, bis zum Kalkül durchdachtes, packendes Arthouse-Drama.

Doch sind es gerade die Frauenfiguren, mit denen sich Lindholm schließlich verrät. Vorgeblich ausgewogen, erzählt er von einem moralischen Dilemma, das alle – Männer, Frauen, Kinder – betrifft; von der Schwierigkeit einer Kriegsgerichtsbarkeit; von der Asymmetrie zwischen Europa und einem Kriegsschauplatz. Aber tief im Inneren, während das Verfahren noch schwebt, hat er sich längst entschieden – für die Männer, für den Soldaten.

INFO: DK 2015. 115 Min. Von Tobias Lindholm. Mit Pilou Asbæk, Tuva Novotny, Charlotte Munk.

KURIER-Wertung:

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Wenn Brüste sprechen könnten...

Wenn Brüste sprechen könnten, dann würden sie sagen, ich hänge zu tief hinunter. Ich brauche keinen alten Still-Büstenhalter mit langen Trägern, sondern einen, der kürzer ist und mich höher hinaufhebt.

Das würden sie sagen, die Brüste, aber nachdem sie das nicht können, spricht Melissa McCarthy an ihrer Stelle. Und um zu demonstrieren, was sie meint, hebt sie immer eine der beiden Brüste, die sprechen würde (wenn sie könnte) hoch – allerdings nicht ihre eigene, sondern die ihrer ehemaligen Assistentin. Aber die ehemalige Assistentin lässt das nicht auf sich sitzen und überprüft im Gegenzug die Fallhöhe der Brüste von Melissa McCarthy. Und da stehen die beiden Frauen nun – übrigens angezogen – und heben und senken die Brüste der jeweils anderen. Das sieht sehr witzig aus – und wer jetzt nicht lacht, lacht in "The Boss" nimmermehr.

Berühmt für ihren Ganzkörper-Humor, macht McCarthy eine dürftige Handlung mit Slapstick-Einlagen wett, federt ihren korpulenten Körper an Zimmerwänden ab und prügelt sich mit Teenage-Girls und geifernden Müttern.

INFO: USA 2016. 99 Min. Von Ben Falcone. Mit Melissa McCarthy, Kristen Bell.

KURIER-Wertung:

Als die Götter wie Rübezahl unter den Menschen lebten

Es empfiehlt sich eine leichte Berauschung, ehe man Alex Proyas’ retardierte, im Computer schleißig animierte und jenseits der Kitschgrenze inszenierte Sandalen-Kostüm-Party "Gods of Egypt" ansieht. Die "Geschichte" spielt zu einer Zeit, als die Götter noch unter den Menschen lebten – leicht daran zu erkennen, dass sie wie Rübezahl die Sterblichen um einige Köpfe überragen. Das allein sieht lachhaft aus.

Die Götter sind Schotten (Gerard Butler) oder Dänen (Nikolaj Coster-Waldau), und die Frauen tragen alle eine BH-Größe zu klein. Geoffrey Rush tritt als Sonnengott Ra auf und bekämpft eine Staubwolke. Schlechter geht’s kaum, aber unterhaltsam ist es trotzdem. Irgendwie.

INFO: USA/AUS 2016. 127 Min. Von Alex Proyas. Mit Gerard Butler, Nikolaj Coster-Waldau.

KURIER-Wertung:

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Einbruch der Moderne mit Baggern und Wetterstationen

Weil eine junge, verheiratete Frau einen fremden Mann anlächelte, wurde sie von ihrer erzürnten Schwiegermutter in einen Vogel verwandelt. So weiß es die Legende – doch sogar für kirgisische Verhältnisse ist sie schon recht angegraut. Trotzdem erzählt sie die alte Frau gern – und ihre Schwiegertochter versteht die Botschaft. Zwar ist der Sohn der Alten – Ehemann der Schwiegertochter – längst bei einem Unfall verstorben. Trotzdem sollen seine Witwe und ihre Tochter im Zelt der Altvorderen wohnen bleiben. Wie auch schon die Generationen davor in der abgeschiedenen Bergwelt Kirgisiens.

Doch die Moderne bricht unaufhaltsam herein – in Form von Baggern und Wetterstationen. Sie bedroht die Nomadenfamilie mit Verlusten, bietet aber auch neue Lebensmöglichkeiten. Zartfühlend erzählt Regisseur Mirlan Abdykalykov von einer im Versinken begriffenen Welt – ohne Sentimentalität, aber in aller Schönheit.

INFO: Kirgisien 2015. 81 Min. Von Mirlan Abdykalykov. Mit Taalai Abazowa.

KURIER-Wertung:

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Wohngemeinschaft mit Seitensprung

Thomas Vinterberg erzählt im Vintage-Look von einer Kommunengründung im Schweden der 1970er. Ein Ehepaar mit Tochter bezieht eine Villa und eröffnet eine Kommune. Als jedoch der Vater seine Geliebte einziehen lässt, bricht die Hölle los. Trine Dyrholm als abgelegte Ehefrau zerbricht nach allen Regeln der Melodramenkunst, die Kommunarden bleiben blass im Hintergrund. De facto hätte Vinterberg die gleiche grausame Geschichte auch ohne Wohngemeinschaft erzählen können.

INFO: S 2016. Von Thomas Vinterberg. Mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene R. Neumann.

KURIER-Wertung:

Tobias Lindholm inszeniert ein bewegendes Drama über den ersten Auslandseinsatz der dänischen Truppen und die Frage, wie weit man im Kampf gegen den Terrorismus gehen darf.