Kultur
06.01.2018

Dänische Liebesgeschichte in Wien

Der dänische Oscarpreisträger Bille August drehte TV-Serie in Österreich.

Es ist eine der schönsten Kulissen Wiens: Das Palais Liechtenstein. Stattlich, neu renoviert, aber auch verlassen steht es im 9. Wiener Gemeindebezirk herum und erinnert irgendwie an ein Geisterschloss. Denn an vielen Tagen im Jahr sieht man dort keinen Menschen ein- oder ausgehen. Nachdem der Museumsbetrieb 2012 eingestellt wurde und laut Besitzer, der Stiftung Fürst Liechtenstein, "der Fokus auf Veranstaltungen und gebuchte Führungen durch die Ausstellungen der Fürstlichen Sammlungen" liegt, herrscht hier meistens gähnende Leere.

An einem Nachmittag im vergangenen Spätherbst fühlte man sich aber in alte, in diesem Fall wirklich bessere Zeiten zurückversetzt. Kutscher zogen auf ihren Pferdekutschen am Vorplatz des Palais ihre Kreise. Vor dem Eingang standen Männer und Frauen in historischen Gewändern herum und warteten auf ein Zeichen, während Bille August sich erstmal in den prunkvollen Räumen des Palais umschaute. Warten will gelernt sein. Der dänische Oscarpreisträger und zweifache Cannes-Gewinner ("Pelle, der Eroberer", "Das Geisterhaus", "Fräulein Smillas Gespür für Schnee") nutzte die Pause bis zum nächsten "Action" sinnvoll – und machte für sein neues Projekt "A Fortunate Man", das er u. a. in Wien umsetzte, Werbung.

Es handelt sich dabei um eine TV-Adaption des Romanzyklus "Lucky Per", den der dänische Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, Henrik Pontoppidan, um die Wende des vorigen Jahrhunderts veröffentlichte. Das monumentale Werk zählt heutzutage zu den Klassikern der dänischen Literatur. "Es ist eine aufregende, lebensbejahende, epische Liebesgeschichte, die es verdient, einem breiten Publikum vorgestellt zu werden", sagt Bille August im KURIER-Interview.

Die Romanvorlage erzählt von Per, "einem sensiblen jungen Mann, der gegen seinen patriarchalischen, frommen und religiösen Vater rebelliert und von zu Hause ausbricht, um Ingenieur zu werden. Er ist intelligent, aber auch extrem egoistisch und manipulativ, und sein ganzes Leben ist davon geprägt, dass ihn seine Kindheit immer wieder einholt. Ich mag diese Hauptfigur des Romans deshalb so gerne, da sie sehr modern ist", sagt der 69-jährige Regisseur, der die Geschichte von Pontoppidan aber nicht eins zu eins umsetzen wollte. "Das Wichtigste bei Romanverfilmungen ist es, die Vorlage zu vergessen. Der Film muss als Film funktionieren. Das beste Beispiel dafür ist ,Der Pate‘. Keiner spricht mehr über den Roman von Mario Puzo, sondern über den Film, den Francis Ford Coppola daraus gemacht hat", sagt August.

Ruhe

In der als vierteilige Serie angelegten Produktion übernehmen zwei dänischen Jungschauspieler die Hauptrollen: Julie Christiansen und Esben Smed Jensen. Sie sind zwar noch teilweise unerfahren, aber genießen das volle Vertrauen des Regisseurs. "Beide spielen großartig." Dieses Kompliment kann Jensen nur zurückgeben: "Mit Bille August zu arbeiten ist fantastisch. Er ist sehr konzentriert und gelassen. Er gibt den Stress, den es oft am Set gibt, nicht an die Schauspieler weiter. Das schätze ich sehr an ihm", sagt der 33-Jährige. Für den Regisseur ist dieses unaufgeregte Klima die Voraussetzung dafür, dass man gut arbeiten kann und sich alle voll und ganz auf die Sache einlassen können. Die Beziehung zwischen dem Regisseur, den Schauspielern und der Crew müsse auf Augenhöhe stattfinden.

Es ist nicht die erste Serie, die Bille August fürs Fernsehen dreht. In den 1990er-Jahren hat er etwa "Die besten Absichten" umgesetzt – ein TV-Mehrteiler, dessen Drehbuch Ingmar Bergman (selig!) geschrieben hat. Könnte er sich vorstellen, eine Serie für einen Streaminganbieter wie Netflix zu produzieren? "Klar, man kann sich dem Serienzeitalter nicht verschließen. Serien sind eine neue Möglichkeit, Geschichten zu erzählen. Und genau darum geht es mir auch", betont August.

INFO: „A Fortunate Man“ - eine dänische Serie mit Österreichbezug
Entwickelt wurde die Serie von den ROMY-Gewinnern der Satel Film gemeinsam mit Nordisk Film. Es ist die erste TV-Produktion mit Unterstützung des Fernsehfonds Austria, die von einem Oscarpreisträger realisiert wird: Bille August.
Der Regisseur konnte neben dem Palais Liechtenstein noch das Lusthaus, den Servitenplatz und die Zacherlfabrik in Döbling als Kulisse nutzen. Die Winteraufnahmen wurden in Salzburg und in der Steiermark gedreht. In Dänemark soll die vierteilige Serie zu Jahresende gezeigt werden. Für Österreich gibt es noch keinen Termin. In der Hauptrolle sind Esben Smed Jensen und Julie Christiansen zu sehen. Der Österreicher Karl Fischer hat eine Nebenrolle.