Kultur
27.06.2017

90 Jahre Justizpalastbrand: Blutende Wunde der Ersten Republik

Der ORF zeigt am Donnerstag eine Doku über den Schattendorf-Prozess und dessen Folgen.

"Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Republikanischen Schutzbundes und der Frontkämpfervereinigung im burgenländischen Ort Schattendorf am 30. Jänner 1927 wurden zwei unschuldige Menschen getötet. Die Täter wurden freigesprochen. Im Zuge einer gewaltsamen Demonstration gegen dieses Urteil wurde der Justizpalast in Brand gesetzt. Die Polizei erhielt Schießbefehl, und 89 Personen kamen ums Leben. Die Ereignisse dieser Zeit, die schließlich im Bürgerkrieg des Jahres 1934 mündeten, sollen für alle Zeiten Mahnung sein."

Diese Zeilen stehen auf einer Gedenktafel, die der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer vor zehn Jahren im Justizpalast enthüllte. Damals jährte sich der Brand des Justizpalasts vom 15. Juli 1927 zum 80. Mal.

Zehn Jahre danach erinnert der ORF an dieses tragische und historische Datum in der Geschichte Österreichs mit einer "Menschen & Mächte"-Doku, die Medienvertretern gestern Abend präsentiert wurde und am Donnerstag, 29. Juni, um 21.05 Uhr in ORF2 zu sehen ist.

Zwei-Klassen-Justiz

"Republik in Flammen – 90 Jahre Justizpalastbrand", so der Titel des unter der Regie von Fritz Kalteis entstandenen Films, stellt den Schattendorf-Prozess akribisch nach: Die Rollen von Richter, Staatsanwalt und Verteidiger übernahmen österreichische Top-Juristen – darunter Friedrich Forsthuber, Präsident des Landesgerichtes für Strafsachen Wien. Man will damit die Beweisführung im Prozess zeigen und klarstellen, wie es zum Freispruch kam. "Wir haben es mit einem überaus umstrittenen Urteil zu tun, bei dem das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen und die juristische Gerechtigkeit weit auseinandergeklafft sind", so Forsthuber über den Prozess. Die Sozialdemokratie sah in den Freisprüchen vom 14. Juli 1927 einen Beweis für die Zwei-Klassen-Justiz in Österreich. "Die Arbeitermörder wurden freigesprochen" titelte am Tag nach dem Freispruch die Arbeiter-Zeitung.

Die Wiener E-Werke schalteten daraufhin den Strom der Straßenbahnen ab, um Massenproteste auszulösen. Der Regisseur Kalteis und Jurist Forsthuber orientieren sich am historischen Prozessakt, der 1025 Seiten umfasst. Die mit Archivaufnahmen, Protokollen von Zeitzeugen, Interviews mit Experten und nachgespielten Prozessaufnahmen angereicherte Dokumentation blickt zurück auf eine Zeit, die enorm aufgeheizt war. "Wir können uns heute kaum vorstellen, wie locker damals Fäuste und Taschenfeitel gesessen sind und wie gewaltsam die politische Auseinandersetzung war", sagt Kalteis.