Kultur
05.12.2011

66. Bregenzer Festspiele eröffnet

Bundespräsident Heinz Fischer bezog sich in seiner Eröffnungsrede auf die "Schöpfung" als Motto der heurigen Festspiele.

Bundespräsident Heinz Fischer hat am Mittwoch die 66. Bregenzer Festspiele für eröffnet erklärt. In seiner Rede widmete sich Fischer vor allem dem Thema Schöpfung, dem heurigen Motto des Musikfestivals. "Ein enorm spannendes Thema", befand der Bundespräsident. Auf dem Spielplan der Bregenzer Festspiele 2011 steht unter anderem Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andre Chenier", die am Mittwochabend Premiere auf der Seebühne feiert. Zudem eröffnet das Auftragswerk "Achterbahn" der Britin Judith Weir den bis 2013 dauernden Reigen der Uraufführungen im Festspielhaus (Premiere 21. Juli). In vier Wochen werden bis zu 200.000 Besucher erwartet.

Das Motto "Schöpfung" biete Anlass, über die Errungenschaften der menschlichen Erkenntnis nachzudenken, aber auch über die sich verändernden Theorien zum Ursprung des Lebens und des Universums, sagte Fischer bei der Eröffnung. Die Frage nach der Entstehung des Universums sei eine Zentralfrage der Naturwissenschaften und vieler Religionen, die die Menschen seines Erachtens für immer faszinieren werde. Der Schöpfungsakt liege in jedem Fall jenseits der menschlichen Ratio. Dies sei der Grund, weshalb die Schöpfung seit jeher Künstler zu bildnerischen, literarischen oder musikalischen Auseinandersetzungen mit dem "Anfang aller Dinge" inspiriert habe, so der Bundespräsident.

Im Rahmen einer Weiterentwicklung des Kunstverständnisses sei Kunst "nicht mehr brillantes handwerkliches Schaffen, das die Natur abbildet, sondern Kunst wird durch die Interpretation des schöpferischen Geistes zu etwas Neuem, zur Creatio: "Was als 'künstlerisch' oder 'kreativ' gelten will, muss oder soll über das Altbekannte und Tradierte hinausweisen", sagte Fischer. Das Neue werde zu einem bestimmenden Kriterium der Kunst. Über diesen Anspruch der Kunst lasse sich im Einzelfall streiten, man sei sich hier aber wohl einig, dass Andre Chenier als Hauptdarsteller des heutigen Abends diesen Anspruch erfülle. Umberto Giordano habe dem Dichter mit der Oper ein Denkmal gesetzt.

Unterhaltsam gestaltete Eröffnungsfeier

Fischer bedankte sich bei den Festspiel-Verantwortlichen "für ihr Engagement und ihre Kreativität, die für die Zusammenstellung eines so erstklassigen und vielschichtigen Programmes erforderlich ist" und gratulierte zum Abschluss dem Vorarlberger Landeshauptmann Herbert Sausgruber (ÖVP) zu seinem bevorstehenden 65. Geburtstag.

Bei der von Intendant David Pountney unterhaltsam gestalteten Eröffnungsfeier dominierten Auszüge aus dem Programm des Festivals. So waren etwa zu den Wiener Symphonikern Solisten aus " Andre Chenier" zu hören, ebenso "Hassans Arie" aus der Hausoper "Achterbahn". Passend zum heurigen Festspiele-Motto wurden Teile aus Haydns Oratorium "Die Schöpfung" präsentiert. Die zeitgenössische Schiene der Festspiele "Kunst aus der Zeit" war mit einem Auszug aus dem Auftragswerk "Der Beschwerdechor Bregenz" von Jorge Sanchez-Chiong vertreten. Nach dem Festspiele-Trailer war weiters Berlioz' "Hymne des Marseillais" zu hören.

Rhomberg träumt von "drittem Pionierschritt"

Der Bregenzer Festspielpräsident Günter Rhomberg betonte in seiner Eröffnungsrede die Notwendigkeit der Weiterentwicklung des Musikfestivals: "Wenn ich heute einen Blick in die Zukunft der Jahre bis 2020 wage, dann habe ich die Vision eines notwendigen dritten Pionierschrittes", erklärte Rhomberg, der zuvor einen Rückblick auf die Gründungszeit ab 1946, als die Festspiele von ehrenamtlichen Funktionären aufgebaut wurden, und die "zweite Pionierphase" Anfang der 1980er-Jahre unternahm. Damals sei unter der Führung von Intendant Wopmann, Franz Salzmann und ihm selbst der "Durchbruch zu wirklich internationalem Renommee" gelungen.

Retrospektiv habe sich von diesem Ort eine beachtliche Dynamik gebildet, "bedenkt man, dass sich dies alles aus einem Häuflein ideell gesinnter Künstler, ermöglicht durch gleicher Weise begeisterungsfähiger Vorarlberger Bürger entwickelt hat". Die weitere Entwicklung, die eine "genaue Analyse der heutigen Kunst- und Festspielszene" voraussetze und die Bedürfnisse der neu heranwachsenden Generation ernst nehmen solle, müsse getragen sein "von der Kraft einer neuen Führungsmannschaft", die über solide Kenntnisse des Funktionierens großer Kulturbetriebe verfüge, aber angetrieben sei "von Optimismus und hohem Kunstsinn sowie einem leidenschaftlichen Einsatz für diese Festspiele", erklärte Rhomberg, der seit 1981 den Festspielen vorsteht. "Die Erfolgsfaktoren der Vergangenheit werden nicht ausreichen, um auch in fünf, zehn Jahren noch erfolgreich zu sein", mahnte der Präsident.

Rhomberg bedankte sich bei allen Politikern, die in den Jahren 1995 und 2005 Investitionen in das Festspielhaus zustimmten, denn "es brauchte viel Überzeugungskraft, diese extrem hohen Finanzierungskosten gegenüber der Öffentlichkeit zu rechtfertigen". Die Festspiele dürften für sich in Anspruch nehmen, in den vergangenen 25 Jahren die Betriebsbudgets "niemals überzogen" zu haben und derzeit "völlig schuldenfrei" zu sein. Auch die Eigendeckungsrate von rund 75 Prozent habe man trotz sinkender realer öffentlicher Unterstützung stets erreicht, sagte Rhomberg. Der anwesenden Regierungsspitze legte der Festspielpräsident nahe, "dem kulturellen Geschehen im Lande mehr Aufmerksamkeit zu widmen, weil bei vielen Kulturschaffenden der Eindruck vorherrscht, ihnen werde zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt".

Schmied fordert Solidarität angesichts der Finanzkrise

Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) zog in ihrer Rede einen Vergleich zwischen der Zeit der französischen Revolution, dem Thema der Seeoper "Andre Chenier", und heutigen Revolutionen. Der "Geist des Widerstands" sei in Europa angekommen, so Schmied . "Wo viele junge Menschen ohne Arbeit und somit ohne Perspektive sind, ist der soziale Friede in Gefahr", befand sie. Darum sei es so wichtig, dafür zu sorgen, dass jeder in Österreich die Chance erhalte, zu lernen, sich zu bilden, zu arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. "Das ist unser klares politisches Bekenntnis", betonte die Ministerin.

Wie Andre Chenier mutig gegen das alte Regime auftrete, müsse man heute gegen die Finanzkrise ankämpfen, die in ihrer Substanz "eine Krise der Kultur und der Werte" sei. Bei allem marktwirtschaftlichen Bekenntnis sei es Zeit, sich "auf die Grundwerte unserer Kultur, auf Solidarität und Teilhabe" zu besinnen. Ein Umdenken auf breiter politisch-ökonomischer Ebene könne aber nur unter Einbeziehung der nächsten Generation gelingen. Unsere Kinder müssten ermutigt werden, voller Mut und Zuversicht in die Welt zu gehen. Elternhaus und Schule seien jene Orte, an denen das vorgelebt werden müsse, damit Kinder "immun gegen das Unmenschliche" würden. "Kunst spielt in der Persönlichkeitsbildung eine entscheidende Rolle", betonte Schmied. Die Ministerin gratulierte Intendant David Pountney zu seinem Mut, "niemals den allzu leichten Weg der bewährten Stücke zu gehen, sondern Auftragswerke und unbekannte Stücke nach Bregenz zu bringen".

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