Kultur
14.04.2017

Die neuen Jobs "sind noch gar nicht erfunden"

Die Automatisierung bietet trotz Wegfall vieler Arbeitsplätze auch neue Jobchancen. Wie diese aussehen könnten, wird unter anderem beim Wiener Startup-Festival 4Gamechanger diskutiert.

Der technologische Fortschritt bringt nicht nur Segen. Bei vielen geht die Angst vor Kollege Roboter um, der über kurz oder lang noch mehr als bisher in den Arbeitsprozess eingreifen wird.

Beim Festival 4GameChanger in Wien (22. bis 25. April) wird unter anderem die Zukunft der Arbeitswelt beleuchtet. In einer der Podiumsdiskussionen geht es darum, ob durch die "Digitale Revolution" auch neue Jobs entstehen.

Einer der Diskussionsteilnehmer, Uber-Österreich-Chef Andreas Weinberger, zeigt sich davon überzeugt. Der Manager des US-Fahrtendienstes sagt im KURIER-Gespräch: "Durch die technologische Plattform, die wir bereitstellen, werden zusätzliche Jobs geschaffen. Wir arbeiten mit lizensierten Mietwagenunternehmern und auch Taxiunternehmern, die wiederum zum Teil angestellte Fahrer haben. Durch die Bequemlichkeit der App wird eine höhere Nachfrage generiert, die wiederum die Auslastung unserer Partner erhöht, und dadurch bei unseren Partnern weitere Mitarbeiter schafft."

600 Taxifahrer weniger in einem Jahr

Geld verdient Uber Austria, das seinen Service nur im Raum Wien anbietet, über die Provisionen für die vermittelten Fahrten. In der Zentrale selbst, habe man in kleinerem Rahmen ebenfalls Arbeitsplätze geschaffen. "Wir sind in Österreich mit zwei Mitarbeitern gestartet und halten derzeit bei zwölf Festanstellungen", erklärt Weinberger.

Wieviele Uber-Partner tatsächlich in Wien unterwegs sind, verrät das Unternehmen allerdings nicht. Die Wirtschaftskammer schätzt die Zahl für das vergangene Jahr auf rund 700 Fahrer. Die Uber-kritische Taxiinnung stellt dem gegenüber, dass im vergangenen Jahr die Zahl der Wiener Taxler um 600 zurückgegangen sei. 4.400 Taxifahrer seien noch in Wien unterwegs.

Selbstfahrende Autos

Sobald allerdings selbstfahrende Autos zur Selbstverständlichkeit werden, dürften auch diese Arbeitsplätze in Bedrängnis kommen.

Bei Uber sind selbstfahrende Fahrzeuge ein Thema. "Da arbeitet im Prinzip jedes größere Unternehmen daran, ob das jetzt Technologie-Unternehmen sind oder Automobilhersteller, das wird kommen", sagt Weinberger. Der Zeithorizont sei aber noch relativ unklar. "Das hängt ja nicht nur daran, ob die Technologie fertig ist, sondern auch an Regularien. Es wird sich über mehrere Jahrzehnte hinziehen, bis selbstfahrende Autos wirklich in allen Städten und im ländlichen Raum unterwegs sind."

Automatische Lkw auf Autobahnen

Der deutsche Futurist Gerd Leonhard, der am 4GameChanger-Festival einen Vortrag über die Zukunftsperspektiven hält, glaubt, dass es innerhalb der nächsten fünf Jahre selbstfahrende Fahrzeuge in begrenztem Umfang geben wird. "Alles, was nur in geringem Umfang Schaden zufügen kann, wird relativ bald kommen. In einem selbstfliegenden Auto unterwegs zu sein, was in Dubai geplant ist, wäre extrem risikoreich und würde zu vielen Toten führen. Wenn man hingegen mit 25 km/h in einem Kleinbus durch die Altstadt von Wien kriecht, wird keiner groß verletzt werden, selbst im Worst Case", sagt Leonhard im Gespräch mit dem KURIER. "Auf der Autobahn werden wir die Lkw automatisieren, das geht auch relativ einfach. Für den gesamten Verkehr kann ich es mir zunächst nicht vorstellen, da müssten die Maschinen wesentlich intelligenter sein. Die müssen auch Entscheidungen treffen können, die wir Menschen in Sekundenbruchteilen fällen".

Weniger Autos, mehr Raum

Weinberger lenkt den Fokus auf die Vorteile solcher Technologien: "Tagtäglich kommt es zu mehr als 3.000 Verkehrstoten auf der ganzen Welt. Ein Großteil ist auf menschliches Versagen zurückzuführen. Wir arbeiten also darauf hin, wesentlich sicherer unterwegs zu sein."

Der Uber-Manager spricht von einer deutlichen Effizienzsteigerung: "Man bräuchte weniger Autos auf den Straßen um dieselbe Menge an Leuten oder sogar mehr von A nach B zu bringen." Das bedeute: "Weniger Verkehr, weniger Stau, weniger Abgase und kein Parkplatzsuchverkehr. Durch höhere Effizienz kann man endlich Raum, den man an Parkplätze verloren hat, zurückgewinnen."

Routinejobs fallen weg

Aber was bedeutet das für den Arbeitsmarkt? Zukunftsexperte Leonhard sagt: "Was wir jetzt erleben werden, ist, dass in den nächsten 10-15 Jahren viele Jobs wegfallen, die einfach Routine sind, wie Taxifahrer oder Pilot, oder der Checkout im Supermarkt oder bei Fast-Food-Ketten. Routineaufgaben wie Buchhalter werden komplett von Maschinen übernommen werden. Fürs Zahlen-Zusammenzählen brauchen sie kein wirkliches menschliches Attribut, das können Maschinen recht gut, sie brauchen nur noch etwas Zeit, das zu lernen. Da wird eine große Welle an technologisch bedingter Arbeitslosigkeit auf uns zukommen."

Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat nun für Österreich eine erste umfassende Analyse zu dem Thema vorgenommen und gewisse "Schreckgespenste" entkräftet. Die IHS-Experten haben ermittelt, dass maximal 9 Prozent der Jobs in Österreich mittel- oder langfristig bedroht sind. Und das auch nur, wenn die Automatisierungspotenziale voll ausgeschöpft werden.

Durch die sogenannte vierte industrielle Revolution werden auch neue Jobs entstehen. Welche und wieviele - das lasse sich bisher schwierig prognostizieren.

Großteil der zukünftigen Jobs noch nicht erfunden

"Für die nächsten Jahre sind siebzig Prozent der Jobs noch gar nicht erfunden", sagt Gerd Leonhard. "Arbeitnehmer müssen neue Skills haben, unternehmerischer denken. Wir werden wahrscheinlich in den nächsten 20 Jahren sehen, dass die Hälfte aller Arbeitenden nicht festangestellt sein werden, sondern im Sinne der Gig Economy einfach dort mitarbeiten, wo's gerade geht und immer wieder dazulernen".

Die New York Times sprach erst kürzlich von den "falschen Versprechungen" des digitalen Wirtschaftszweigs. Dadurch, dass viele Mitarbeiter nur freie Vertragsnehmer sind, fehle es an sozialer Absicherung und gewerkschaftlicher Vertretung.

"Digitaler Feudalismus"

Leonhard sieht die Gig Economy amerikanischer Prägung als "vollkommen untauglich für Europa" und "eine Art von digitalem Feudalismus. Diese Jobs würde in Europa auch keiner machen, außer denen, die vollkommen verzweifelt sind. Wenn wir uns aber verabschieden von dem amerikanischen Modell, das im Grunde eine Art von Ausbeutung ist, müssen wir trotzdem sehen, dass die Art und Weise, wie wir in Zukunft arbeiten werden, sich ganz klar verändern wird: Wir werden vielleicht einmal sieben Monate bei dieser E-Commerce-Firma arbeiten, denen helfen etwas zu entwickeln, dann etwas Neues lernen, vielleicht eine Reise machen und dann wieder einen anderen Job machen."

Leonhard spricht von "Arbeit, die sich jeweils neu erfindet. Das kann natürlich zu einigen sozialen Problemen führen. Aber im Endeffekt wird es durch Technologie so weit kommen, dass wir weniger arbeiten müssen, weil Maschinen unsere Arbeit machen, und dass wir unsere Zeit mehr nützen können – fürs gleiche Geld, weil alles effizienter ist. Nur unser Sozialsystem ist nicht darauf vorbereitet. Die Vorteile dieser Errungenschaften müssen wir gerechter verteilen." Leonhard betrachtet ein garantiertes Mindesteinkommen als unabdingbar.

Die neuen Jobs

Aber wie könnten neu geschaffene Jobs aussehen? Leonhard: "Wenn es intelligente Maschinen gibt, die die Buchhaltung machen, dann wird mein Job nicht mehr sein, die Zahlen zusammenzuzählen. Aber vielleicht kann ich mir darüber Gedanken machen, wie ich für meinen Kunden Steuern sparen kann, oder wie ich das System warte, oder wie ich dem System erkläre, was es noch nicht versteht. Wenn durch selbstfahrende Autos viele Jobs wegfallen, werden dafür auch viele Arbeitskräfte dazukommen, die Weichenstellen besetzen, die Autos überwachen oder neue Technologien dazu entwickeln. Wenn ein Auto mehr Software braucht, wird es auch mehr Leute geben, die Software schreiben. Aber das werden vielleicht nicht die gleichen Leute sein. Die Leute, die jetzt Taxifahrer sind, werden nicht so einfach zum Designer werden."

Laut der IHS-Studie betreffen die gefährdeten 360.000 Arbeitsplätze zu zwei Dritteln Menschen, die maximal Pflichtschulabschluss haben. Das Institut sie für diese Gruppe permanente Schwierigkeiten.

Weg aus dem "Tal des Todes" gesucht

Um den Strukturwandel in den Griff zu bekommen, brauche es "eine vorausdenkende Politik und wahrscheinlich eine Art von Robotersteuer, die dazu verwendet wird, Leute wieder neu trainieren zu können", sagt Leonhard.

Der Futurist betrachtet die Zukunftsaussichten durch den technologischen Fortschritt grundsätzlich optimistisch, schränkt aber ein: "Wir haben jetzt, ich sage einmal, das Tal des Todes, in fünf oder sieben Jahren erreichen wir einen Punkt, wo es weniger Arbeit gibt aber noch nichts Neues und noch keine ausreichende Weisheit der Politiker. Und das müssen wir unbedingt angehen."

Infos:
4GAMECHANGER auf Facebook

Webseite von Gerd Leonhard