Kultur
14.07.2017

2raumwohnung: Alte Freiheiten und glückliche Hummer

Inga Humpe, die Sängerin des Duos im KURIER-Interview

"Und ich düse, düse, düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit von meinem Himmelsritt!"

Mit diesen Zeilen aus dem Hit "Codo" wurde Inga Humpe als Teil des Projektes DÖF (mit Manfred Tauchen, Joesi Prokopetz und ihrer Schwester Annette) 1983 hierzulande berühmt. 1993 gründete die Berlinerin, die mit Annette als Pionierin der NDW gilt, mit Tommi Eckart das Elektronik-Club-Projekt 2raumwohnung. Soeben hat das Duo sein neues Album "Nacht und Tag" veröffentlicht, für das jeder Song in einer Nacht- und in einer Tag-Version aufgenommen wurde.

KURIER: Wie kam es zu dem Konzept von "Nacht und Tag"?

Inga Humpe: Wir haben für eine Film-Szene einen Song geschrieben, in der Leute in einem Club sind und dann morgens ins Tageslicht rausgehen. Der Song ging dabei von der Beats- und Synthesizer-Welt in eine Hippie-Gitarren-Welt über. Er heißt "Energie Multimillionär" und schaffte es nicht in den Film. Aber für uns war es so faszinierend, zu hören, dass ein Lied zwei so unterschiedliche Stimmungen haben kann, dass wir das mit allen Liedern machen wollten.

Einer der Schlüsselsongs des Albums ist "1993". Das ist das Jahr, in dem Sie Tommi kennengelernt haben ...

Ja, aber der Song bezieht sich nicht darauf, sondern auf die Aufbruchsstimmung, die wir damals nach dem Fall der Mauer spürten. Berlin war unkontrollierbar und voller Freiräume. Wir dachten: Die Mauer ist gefallen, Glasnost, jetzt kommt der Weltfrieden, wir haben es geschafft! Wir dachten, dass Tanzen und positive Musik, die Club-Kultur auch ein Beitrag dazu sein kann. Damals konnte sich keiner vorstellen, dass heute wieder so viele Despoten an der Macht sein werden. Der Weltfrieden war ja lange nicht mehr so weit weg wie heute.

Das spiegelt sich auch in den nachdenklicheren Texten, und Sie sagen, dass dieses Album diesbezüglich ein Wendepunkt für Sie ist. Wann begann Ihr Glaube an die Kraft positiver Botschaften in der Musik zu bröckeln?

Ich habe nie damit aufgehört, das zu vertreten. Aber wir haben die Sachen, die am Leben gut sind, alle schon besungen. Außerdem gab es diese Schlagerwelle, wo alle nur über Liebe und wir gehen raus und feiern gesungen haben. Da ist mir das irgendwann auch auf die Nerven gegangen. Und jetzt kam mir so etwas einfach nicht mehr über die Lippen. So, wie ich die Welt zurzeit sehe, gibt es zu viele Menschen, denen es schlecht geht. Da kann ich nicht sagen, das ist mit egal, ich feiere trotzdem. Das geht einfach nicht.

Einer der Songs heißt "Lucky Lobster". Mögen Sie Hummer?

Also seit dem Song kann ich sie nicht mehr essen. Der Text entstand aus einem Vorfall, über den ich im Netz gelesen habe. Da ging ein buddhistischer Mönch in ein Restaurant und kaufte alle Hummer, um sie im Meer freizulassen. Dann sagte er, das sind "Lucky Lobster". Ich fand, dass das eine sehr gute Alternative dazu ist, sie zu essen.

Einer der Gäste auf "Nacht und Tag" ist Annette, mit der Sie in den 80ern die Band Neonbabies gegründet hatten, bevor Annette die legendäre Gruppe Ideal formierte. Schwelgen Sie oft in Erinnerungen, wenn Sie zusammen sind?

Ja, da fallen uns schon immer wieder Geschichten ein, auf die wir gerne zurückblicken. Aber was uns an einer Zusammenarbeit am meisten Spaß macht, ist die Tatsache, dass wir mittlerweile aus zwei doch ein bisschen anderen Welten kommen und die zusammenbringen können. Sowohl musikalisch als auch von der persönlichen Sichtweise her.

Woran erinnern Sie sich am liebsten, wenn es um die 80er-Jahre geht?

Daran, dass wir recht frech und biestig waren. Das war damals ja unheimlich wichtig. Manchmal sagen wir dann auch, mein Gott, waren wir schrecklich. Aber das war schon sehr lustig. Wir hatten gewisse Sicherheiten, konnten zuerst einmal alles auf den Kopf stellen, hoch schmeißen und sehen, was hängen bleibt. Junge Leute heute haben viel mehr zu verlieren und können sich das nicht mehr erlauben. Sie müssen eher etwas erhalten. Mein Neffe ist jetzt 25 Jahre alt. Er hat am Text für den Song "Hey Schmetterling" mitgearbeitet. Der beneidet Annette und mich um die 80er-Jahre. Denn in manchen Dingen waren wir sicher viel freier.

Ein anderer Gast ist Dieter Meier von Yello ...

Dieter habe ich in den 80er-Jahren kennengelernt. Wir haben uns gegenseitig geschätzt, dann aber aus den Augen verloren. Jetzt hörte ich, dass er in Berlin ein Restaurant eröffnet und probierte, ihm auf der alten Nummer eine SMS zu schicken. Und die Nummer hat tatsächlich noch funktioniert. So haben wir geplaudert, und ich habe ihn dann gefragt, ob er bei uns etwas singen will. Er sagte: "Sicher, das ist ja wie Freizeit für mich!"