Wir sind Überzeugungstäter
Die Torte ist sehr groß, sehr schokoladig und bereits zu gut zwei Drittel aufgegessen. Viel Zeit bleibt hier nicht in der ORF III-Redaktion, zwischen Recherchieren, Schreiben, Moderieren, Drehen, Schneiden und allem was sonst so anfällt. Doch im Vorbeihuschen zwischen Schnittraum und Büro, Studio und Außentermin schneidet sich Redakteur um Redakteur ein Stückchen des Geburtstagskuchens ab. Schließlich feiert ORF III am heutigen Nationalfeiertag. Genau vor einem Jahr ging der Spartensender für Kultur und Information auf Sendung.
Der Sender ist jung, das Team auch. Vor allem aber ist das Team eines: Sehr klein. Aus 23 Menschen besteht ORF III, und diese 23 gestalten einen gesamten Sender. "Wir sind Überzeugungstäter", sagt Ani Gülgün-Mayr, die gerade von der Aufzeichnung der Sendung "Kultur Heute" aus dem Studio kommt. "Idealisten, wenn man so will." Sie nimmt sich ein Stück Kuchen. Vor ihrer Zeit bei ORF III war die gebürtige Türkin jahrelang bei den ORF-Magazinen "Thema" und "Bürgerforum", Nun moderiert sie auf ORF III neben "Kultur Heute" auch die "Künstlergespräche" und "Mein Almanca", eine augenzwinkernde Mischung aus TV-Sprachkurs und Sitcom.
Das Radio unter den Fernsehsendern
In "Kultur Heute" ist jeden Tag eine andere Person aus der Kunst- und Kulturszene im Studio zu Besuch. Probleme, Gäste aus der Kunst- und Kulturszene für die einzelnen Sendungen zu finden, gäbe es sehr selten, meint Ani Gülgün-Mayr. "Bei uns fragt niemand nach den Quoten, wenn wir ihn oder sie in der Sendung wollen. Das ist mehr eine Prestige-Sache." Die Quote liegt übrigens bei 350.000 bis 450.000 Zusehern pro Tag, beim besonders angesprochenen kunst- und kulturinteressierten Zielpublikum erreicht ORF III mittlerweile gut 50%. ORF III baut dabei weniger auf den Vergleich mit ORF 1 oder ORF 2, sondern sieht sich als "Ö1 der Fernsehsender", erklärt ORF III-Geschäftsführer Peter Schöber.
Auch der Aufbau - flache Hierarchien und kaum vorhandene Bürokratie - des jungen Spartensenders hat wenig mit den seit Jahrzehnten gewachsenen Hauptsendern des ORF zu tun. Redakteure bei ORF III können maßgeblich das Programm mitgestalten, besitzen innerhalb der von der Kulturlandschaft vorgegebenen Schwerpunkte große gestalterische und redaktionelle Eigenständigkeit. Oft hat auch Peter Schöber spontan eine Idee, die er dann im Programm unterbringt: So lief vor einiger Zeit zwischen den einzelnen Sendungen das Video der russischen Aktivistengruppe Pussy Riot, mit Untertiteln, mehrmals über den ganzen Tag verteilt.
Herzblut, Spaß und wenig Freizeit
Diese Freiheit auf der einen Seite, bedeutet auf der anderen einen großen Aufopferungswillen. Überstunden macht hier jeder. Die Live-Übertragung der Parlamentsdebatte kann schon mal fünfzehn Stunden dauern, Kulturschwerpunkte große Teile des Feierabends verschlingen. Der Zeitausgleich, den Peter Schöber seiner ORF III Truppe im Gegenzug anbietet, ist zwar löblich, aber erscheint anhand der bescheidenen Größe des Teams eher utopisch.
Sind die ORF III-Redakteure etwa die Robin Hoods des Bildungsauftrags? Naja, nicht ganz. "Wenn es mir nicht solchen Spaß machen würde, dann würde und könnte ich es wohl nicht machen, " meint Andreas Heyer, Redakteur im Informations-Ressort."Ich finde, dass das unglaublich wichtig ist – ausführliche Berichterstattung neben Nachrichtensendungen wie der ZIB. Wir haben zum Beispiel den gesamten Breivik-Prozesses übertragen. So können sich die Menschen selbst ein Bild machen." Andreas Heyer isst auch schnell ein Kuchenstück zwischendurch. Und ärgert sich zwischen zwei Bissen, dass man ORF III oft als "Achja genau, dieser Kultursender …" bezeichnet. "Kultur UND Information", betont er.
Zukunftsmusik
Neben der Kultur plant man in Zukunft vor allem auch eben die Information auszubauen: Schwerpunkte zu Zeitgeschichte und Europageschichte sollen intensiviert werden. Auch eine eigene Sendung zur Aufarbeitung der österreichischen Identität ist geplant. Im kulturellen Bereich will man unter anderem ein neues Format mit André Heller starten, einen verstärkten Fokus auf den europäischen Art-Film legen und enger mit den österreichischen Festivals kooperieren.
Ebenfalls geplant: Eine Aufstockung der Räumlichkeiten und des Personals. Auch wenn dann beim nächsten Jubiläum vermutlich zwei Kuchen notwendig sein werden, um die Belegschaft kulinarisch zufrieden zu stellen, kann und darf man hoffen, dass sich der Sender seine Frische und Dynamik erhält.
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