Deutlich mehr Ärger wartet ohnehin in den kommenden Wochen hinter verschlossenen Türen. Heute, Montag, beginnt vor dieser Kulisse eine ziemlich historische Herbstlohnrunde. 9,3 Prozent beträgt die Inflation, das Ziel der Gewerkschaft die Reallöhne anzuheben, ist freundlich gesagt ambitioniert: Die Energiepreise (der wesentliche Treiber der Inflation), drohen nämlich auch die Wirtschaft langsam zu erwürgen. Oben drauf noch eine saftige Gehaltssteigerung zu packen, bringt das System an seine Grenzen. Die Gewerkschaft legt ihren Berechnungen zwar nur 6,3 Prozent Teuerung zugrunde, aber für einen erfolgreichen Abschluss wird man wohl auf die acht Prozent gehen. Willkommen im Match sozialer Frieden versus wirtschaftlichem Überleben.
Die soziale Frage ist virulent: Es geht nicht an, dass Geringverdiener spätestens mit der nächsten Stromrechnung deutlich unter die Armutsgrenze rutschen werden (um ein Gefühl für die Zahlen zu geben: Die Armutsgefährdungsschwelle liegt – Preisexplosionen noch nicht berücksichtigt – bei 1371 Euro monatlich).
Die Begleiteffekte der Armut ragen weit in die Zukunft: Wer sein ganzes Geld dafür aufwenden muss, einfach nur über die Runden zu kommen, hat kaum Chancen, für sich oder den Nachwuchs in Bildung zu investieren. In einem Land, das händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften sucht, ist das ein Zukunftsthema.
Wenn sich allerdings wegen steigender Energiepreise und Löhne bald die Brotherstellung in der Backstube nicht mehr lohnt, haben wir vom Gehaltszuwachs auch nichts mehr. Es gilt also kreativ zu sein – die Idee, in manchen Branchen Unternehmensbeteiligungen für Arbeitskräfte einzuführen, klingt da vielversprechend. Sie hat den Nebeneffekt, dass Gehalt und Unternehmensperformance auch mental verknüpft werden. Steuerbefreite Einmalzahlungen werden die Unternehmen auch nicht umbringen. Und: Das Thema Arbeitszeit muss endlich ohne Tabus gedacht werden. Die von Unternehmerseite ins Treffen geführte Lohn-Preis-Spirale wird von den Arbeitnehmern zwar in Abrede gestellt. Aber Hand aufs Herz: Noch mehr Inflation – diesmal hausgemacht – können wir uns wirklich nicht mehr leisten.
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