Der Teufel trägt Cowboy-Hut
Im Golf-Krieg gaben die Amerikaner ihren Soldaten ein Kartenspiel mit Saddam Hussein als Pik-As und seinen Söhnen als Kreuz- und Herz-As. Auch bei Robert Lepage leuchtet der frühere irakische Diktator als Spielkarte auf, aber am Ende triumphiert die Show über den Krieg: „Playing Cards 1: Spades“.
Was zuletzt im Pariser Odéon Théâtre de l’Europe zu sehen war, kommt ab 11. Juni nach Wien. Pik, Herz, Karo, Kreuz: Für den Kanadier liefern sie Theaterstoff, den er einmal mehr mit einer Magie aus Hightech und Kinderstaunen umsetzt. „Spades“ (= Pik, eine stilisierte Lanzenspitze), der Auftakt für einen vierteiligen Zyklus über den Kosmos des Kartenspiels.
Kreisrunde Bühne
Die Bühne ist ein Star: Maximal wandlungsfähig wie ein Schauspieler. Und im besten Fall sieht man nicht, wie er sein Gewand und seine Rollen wechselt. Extrem wandlungsfähig ist auch diesmal die Rundbühne, ein Wunderwerk mit Drehkranz und Hebepodesten. Falltüren öffnen und schließen sich blitzschnell.
Verwandlungsshow
Die Akteure treten meist von unten auf und verschwinden auch wieder im Untergrund. Rundherum sitzen die Zuschauer im Kreis wie im Zirkus und blicken auf Dutzende Szenen, die sich wie Überblendungen beim Film überlappen.
Lepage sei „der überraschendste Regisseur des Welttheaters“, so Die Zeit, „ein unablässig Reisender, ein manischer Arbeiter, ein unerschöpflicher Fantast.“ Wie ein Zauberkünstler, der alle visuellen Taschenspielertricks aus dem Effeff beherrscht, zieht er ein As nach dem anderen aus der doppelbödigen Arena oder lässt Sessel von der Decke gleiten.
Der Riesen-Teller von Bühne verwandelt sich in null Komma nichts in ein Spielcasino, ein Hotelzimmer, einen dampfenden Pool, eine Bar, eine Kantine, eine Kaserne oder ein Irgendwo im Nirgendwo, über das der Wüstenwind fegt. Und wie die Karten am Spieltisch sind auch die Episoden durchgemischt und doch miteinander verwoben. Der Pastor in Las Vegas, ein Elvis-Imitator, lässt das Hochzeitspaar nachsprechen: „I will always love you tender.“ An der Bar streiken die Kreditkarten des Geschäftsmannes, über den wir dann erfahren: Er war spielsüchtig, ist pleite, wird von Gläubigern gejagt und wieder rückfällig. Marie-Eve hat Jeff geheiratet, aber lässt sich vom Teufel verführen, der in Las Vegas einen Cowboyhut trägt.
Der seltsame Typ, der bei dem jungen Paar erotische Verwirrung stiftet, taucht auch anderswo immer dann auf, wenn dort der dunkle Punkt, das Unbekannte berührt wird. Als Pfandleiher verkleidet, nimmt er auch dem heillos verschuldeten Spieler die Armbanduhr ab, der das Erinnerungsstück seit dem Tod seiner Mutter mit sich trägt, obwohl die Uhr im Moment ihres Todes zu ticken aufhörte.
Die Figur ist wie der Joker im Kartenspiel: Eine unberechenbare, fast allmächtige Größe. Er hat am Ende alles an sich gerissen, das Geld, die Herzen der Damen, die Jobs im Hotel.
Glück, Verlust, Betrug
Im Army-Camp demütigt ein Offizier Rekruten. Ein Soldat sucht den Tod und lässt sich im Hotel von einer Prostituierten erschießen. In der Wüste schaufelt ein Schamane manches Grab ...
Es geht ums Glück, um Verlust, Betrug, mentale Leere – unter Militärs, bei einem Hochzeitspaar, einem TV-Produzenten, der sich eine Hure ins Hotel bestellt, einem illegal arbeitenden mexikanischen Zimmermädchen
Wie schon „Lipsynch“, 2010 bei den Wiener Festwochen, lebt auch „Playing Cards 1: Spades“ vom Reiz des Verrätselns. Über knapp drei Stunden spannen sich mehrere Fabelstränge über einige Geschichten, die unverbunden nebeneinander stehen. Die Aufführung, so schön und tragisch, komisch und nachdenklich wie das Leben selbst, zeigt nur die Splitter, zusammensetzen muss sie jeder für sich selbst.
Neue Geschichten vom Bühnenzauberer
Zur Person: Der Frankokanadier Robert Lepage, einer der kreativsten Theatermacher der Welt, pro- duziert Kinofilme und technisch aufwendige Bühnenprojekte. In Wien waren u. a. „The Andersen Project“ (2009), „Lipsynch“ (2010), „The Far Side of the Moon“ (2011). An der New Yorker Met hat Lepage Wagners „Ring“ (2010–2012) inszeniert.
„Playing Cards 1: Spades“
11. bis 15. 6. (19.30 Uhr), Messe Wien, Halle D; Karten: 01/589 22 11
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