Festwochen-Ausstellung: Testen Sie Ihre Frustrationstoleranz!

Eine Schau will die Grenzen von bildender und darstellender Kunst überwinden – und zementiert sich ein.
Ein leuchtendes Schild mit der Aufschrift: „Wait here I have gone to get help.“

Im Hauptraum der Wiener Secession wälzt sich derzeit während der Öffnungszeiten ein Akteur bzw. eine Akteurin am Boden: Ein sicheres Zeichen dafür, dass der angesagte Künstler Tino Sehgal hier seine Duftmarke hinterlassen hat. Und ein Signal, dass man sich hier mit dem neuen heißen Scheiß in der Kunstwelt auseinandersetzt: Darstellende und bildende Kunst beschäftigen sich neuerdings in solch einer Intensität miteinander, dass die Begriffe von „Theater“ und „Performance“ nicht mehr ausreichen, um die neuen Formen adäquat zu beschreiben.

Unruhe der Form: Ein Überblick über die Festwochen-Ausstellung

Ein rosa Glasobjekt mit Federn in einer durchsichtigen Vitrine an einer weißen Wand.

Eine Frau steht auf einer Bühne vor einer Tafel mit der Aufschrift „Again Audience“.

Ein Mann mit Glatze und schwarzem Hemd blickt zur Seite.

Menschen demonstrieren mit roten Fahnen und Klebeband mit der Aufschrift „Keine Stimme“ über dem Mund.

Das Gesicht von Margaret Thatcher mit Kritzeleien und einem Hitlerbart darauf.

Eine Projektion zeigt Text und eine schemenhafte Figur auf einer Bühne.

Eine Frau steht an einem Rednerpult und gestikuliert.

Ein Mann mit Brille und Schal vor einem Industriegebäude mit hohem Schornstein.

Eine Frau kniet auf dem Boden und schreibt mit Kreide Wörter auf Niederländisch.

Ein Mann sitzt vor einer Wand mit Texten und hört Musik über Kopfhörer.

Ein rotes Neonlicht an einer Wand sagt: „Wait here, I have gone to get help.“.

Ein handgeschriebener Zettel mit der Aufschrift: „Bin weg, die Revolution zu starten.“.

Das Gesicht einer weinenden Frau mit Reiskörnern und einer Klinge darauf.

Alles Banausen

Eine Nebenwirkung dieser Entwicklung ist, dass sich sowohl im Feld der Kunst als auch im Bereich des Theaters sozialisierte Kulturfreunde gleichermaßen als Banausen fühlen dürfen.

Das Ausstellungsprojekt „Unruhe der Form“, das im Rahmen der Wiener Festwochen Räume der Secession, der Akademie der bildenden Künste und des MuseumsQuartiers bespielt (bis 16.6.), macht dies leidvoll spürbar.

Mit einem Hilfsbüchlein erwandert man hier nummerierte Kunstwerke, die allesamt wie Fußnoten zu einer nie gehaltenen Ästhetikvorlesung anmuten. Die Hoffnung, dass sich zwischen den Werken Bezüge entfalten und der Untertitel „Entwürfe des politischen Subjekts“ sich verdeutlichen möge, stirbt zuletzt – bis dahin testet man seine Frustrationstoleranz.

Die Geduld wird dabei bereits dadurch strapaziert, dass die Werke fast durchgängig auf einem sehr spezifischen Gerüst von Verweisen aufbauen und ohne „Vorgeschichte“ kaum lesbar sind.

Alles Politik

Als Statements eines „politischen Subjekts“ sind die Exponate wiederum nur vor dem speziellen Blickwinkel des Kuratorenteams (und mit viel gutem Willen) verständlich. Wer schafft etwa den Sprung von Ad Reinhardts monochromem Gemälde von 1953 zur Geschichte des Malers als politischer Karikaturist und linker Aktivist? Dabei war das noch eine der leichteren Aufgaben.

Kniffliger ist da schon die Installation von Jeronimo Voss, die vom Versuch des Regisseurs Erwin Piscator erzählen will, „Anna Seghers Novelle ,Aufstand der Fischer von St. Barbara‘ in einen antifaschistischen Film zu übersetzen“ (Begleittext).

Der Glas-Dildo von Banu Cennetoğlu und Shiri Zinn, der mit Asche einer Artilleriebaracke gefüllt wurde (Achtung, politischer Gehalt!) kommt da nachgerade populistisch daher.

Alles Rigips

Nun gehört es zum Wesen der Kunst, komplexe Geschichten in Objekten zu verdichten – auch wenn diese sich nicht erschließen, können die Werke doch erhellen. Bei „Unruhe der Form“ fehlt aber die richtige Dosierung: Die Schau, ideell an Kunstbiennalen angelehnt, teilt mit diesen zwar die Überforderung der Besucher, wiegt sie aber nicht mit Erkenntnis auf.

Wenn dann selbst noch die als Hängeflächen verwendeten, unverputzten Rigips-Wände (die Firma ist übrigens Sponsor) im Katalog als „Dispositive des Sichtbarmachens“ geadelt werden, muss man eigentlich schon aus Trotz die Rolle des Banausen einnehmen. Die Schuld am Nicht-Verstehen tragen natürlich immer die Betrachter selbst – doch sie kommen als „politische Subjekte“ eigentlich nicht vor.

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