Peer Gynt als Rockopa und Prospero als Koch

Irina Brook, Tochter von Theaterlegende Peter Brook, zeigt bei den Salzburger Festspielen zwei Produktionen: "Peer Gynt" und Shakespeares "Sturm".
Eine Frau in einem blauen Hemd sitzt mit anderen auf dem Boden.

Auf der Halleiner Perner Insel gehen gerade die Proben zu Ende. Schauspieler strömen aus dem dunklen Bauch der alten Saline in den sonnigen Innenhof. Es wird gelacht, eine Gitarre ausgepackt, getanzt, gesungen. Hinter ihrer Truppe kommt Regisseurin Irina Brook ins Freie. Eine zierliche, blonde, starke Frau. "Uff", sagt sie erst einmal, nimmt sich ein Fläschchen Mineralwasser, kämpft mit einer widerspenstigen Haarsträhne. Dann erzählt sie.

KURIER: Salzburgs neuer Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf will mit fremdsprachige Produktionen internationales Publikum ins Sprechtheater holen. Sie sind die erste, die er  einlud. Wie kam’s?

Irina Brook: Ja, die allerallererste! Es ist eine Ehre. Wie es dazu kam, das müssen Sie Sven-Eric Bechtolf fragen. Ich glaube, er mag einfach was und wie wir es machen. Wir reden seit zwei Jahren über eine Zusammenarbeit, wir haben einen ähnlichen Theatergeschmack – und mochten beide, was wir über einander hörten. Wir sprachen über Dinge, bei den Worte wie Märchen, Magie und "big show" fielen ...

Und so zeigen Sie heuer auf der Perner Insel als Neuinszenierung, als Eigenproduktion der Festspiele, " Peer Gynt" (Premiere: 30. 6.) in englischer und als Gastspiel "La Tempete" in französischer Sprache.(Premiere: 24. 8.). Beim Versuch, " Peer Gynt" zu inszenieren, kann man nur in Schönheit scheitern.

Ich hoffe, das tue ich. (Sie lacht.) Das gilt übrigens auch für Shakespeare. Vielleicht bin ich masochistisch, vielleicht liebe ich Herausforderungen; ich mag es einfach mich mit schwierigen Dingen zu beschäftigen. Da habe ich "Nahrung" für mich und meine Schauspieler, da erwacht mein kreatives Herz, das macht eine Probe doch erst aus, wenn man gemeinsam überlegt, wie man so eine Riesensache plausibel erzählen kann.

Bei " Peer Gynt" haben Sie 14 Schauspieler, Musiker, Tänzer, Sänger aus Indien, Japan, Ruanda, um nur die exotischsten zu nennen. Ihr Hauptdarsteller ist aus Island. Ist das Wechseln zwischen Kulturen Teil Ihrer Natur?
Ich bin mit dieser Art von Theatertruppe groß geworden, meine Welt ist multikulturell. Für mich ist das normal, alles andere wäre seltsam. Wir repräsentieren "die Menschheit". Je mehr man Kulturen mixen kann, umso reicher wird eine Aufführung.

Ihr " Peer Gynt" wird eine Art Rockstar sein, der seine besten Zeiten schon hinter sich hat?
Ich wollte die Geschichte in einer modernen, in meiner Sprache erzählen. Peer träumt ja seine ganze Jugend davon, reich und berühmt zu sein, ich hätte aus ihm also auch einen Businessman machen können, aber das wäre weniger lustig gewesen. Und heutzutage träumen die Kids doch davon, Rockstar, Hollywoodstar oder etwas in der Richtung zu werden. Deshalb habe ich mich für diese Metapher entschieden. Ich bin fasziniert von seiner "Suche", ich bin fasziniert von Männern, von Antihelden, die sich im Leben verloren haben. Für mich muss er von Anfang an jemand sein, der das Publikum emotional berührt, nicht, dass alle gleich von Anfang an sagen: Was ist das für ein Kotzbrocken? Wenn er so wäre – ohne eine zweite Schicht – würde Solveig nicht ein Leben lang zu ihm halten.

Und "La Tempête"? Bei Ihnen ist Prospero ein italienischer Koch?
Er leitet ein Restaurant, das aber gleichzeitig auch eine Art Zirkus ist. Das Ganze ist sehr inspiriert vom italienischen Film der 50er-Jahre, von Fellini, es ist sehr "magisch", emotional. Die Tiefe von Shakespeares Worten wird ein wenig von Musicaltheater überdeckt.

Ihr Vater hat vor Jahren bei den Wiener Festwochen seinen legendären "Tempest" präsentiert, der war mehr in einem "zenbuddhistischen" Milieu angesiedelt. Wie würden Sie, können Sie Ihre Ästhetik im Vergleich zu seiner beschreiben?
Ich bin sehr glücklich, dass einer der außergewöhnlichsten, begnadeten Regisseure ausgerechnet mein Vater ist. Ich hatte also nie Grund gegen ihn zu rebellieren, ich habe von ihm all meine Ideen über Humanität und wie Theater das Leben von Menschen verändern soll. Er hat seine Arbeiten im Laufe seiner Karriere mehr und mehr geschliffen, ist immer klarer und puristischer geworden. Bei mir ist alles noch mehr Rock`n`Roll. Ich bin eine andere Generation, habe Punk gehört, höre HipHop – da inspirieren mich natürlich ganz andere Einflüsse als ihn.

Sie sind ursprünglich den Fußstapfen Ihrer Mutter gefolgt, waren 15 Jahre lang Schauspielerin. Haben Sie deshalb heute mehr Empathie für die Probleme, den Schmerz Ihrer Schauspieler?
Unbedingt. Denn ich war als Schauspielerin sehr unglücklich und möchte unbedingt, dass sich die Leute in meinen Produktionen wohlfühlen, dass die Stimmung gut ist. Ich dachte als Mädchen, ich muss wie meine Mum sein. Ich hatte nie das Selbstvertrauen, wie denken, ich könnte wie mein Vater sein. So ging ich nach New York, arbeitete als Kellnerin und habe gleichzeitig Off-off-off-off-Broadway gespielt - also wie in einer Hollywoodschnulze – und war sehr unglücklich. All diese Regisseure, die mit einem herumkommandiert haben, die keine Interesse an meiner Meinung hatten, für die man wie ein Gegenstand war, den sie auf einer Bühne drapieren konnten, so wollte ich nie sein. Mir geht es um den Spirit, das Gruppengefühl, das muss bei einer Arbeit stimmen. Deshalb bereiten wir uns mit Workshops und mit Körpertraining, mit Yoga auf eine Inszenierung vor.

Das Selbstvertrauen zum Regieführen gab Ihnen dann Ihre Hochzeit ...
Ich habe russisch-orthodox geheiratet und wollte, das alles perfekt ist. Also konnte das niemand außer mir machen! Die Kellner durften nicht nur so servieren, sondern mussten eine gewisse Attitüde annehmen. Die Dekoration, die Blumen, alles musste passen. Und dann dachte ich: Wenn ich das inszenieren kann, kann ich alles inszenieren. Ich habe ja beim Théâtre du Soleil "gelernt" und werde nun im September in einem Vorort südlich von Paris mein erstes, eigenes Theater eröffnen, ein "Traumtheater", das aus mehreren alten Lagerhäusern besteht, wo ich hoffe, meine Vorstellungen noch besser umsetzen zu können. Es soll mehr werden, als ein Theater, ein Meeting Point, ein Seminarzentrum. Das wird sehr cool. Ich hätte allerdings auch Hochzeitsplanerin werden können. (Sie lacht.)

Stimmt ’s, dass Sie "Der leere Raum", die theatertheoretische "Bibel", die Ihr Vater 1969 schrieb, nie lasen?
Ja, aber ich werde es vielleicht jetzt tun, wenn ich nach Salzburg nach Hause komme. Ich denke, jetzt, wo ich selber ein Theater aufmache, bin ich reif dafür und kann meine Herkunft "umarmen". Ich hätte auch nie daran gedacht Les Bouffes du Nord von ihm zu übernehmen, und er hat mich sehr klug davor bewahrt, mich Vergleichen und Anspielungen auf seine Person auszusetzen. Ich habe das alles erst verstanden, als ich älter geworden bin ...

Was erwarten Sie sich von Salzburg?

Ich habe keine Ahnung, wie das Publikum hier ist. Die Festspiele hier sind ja berühmt als Opernfestival. Ich hoffe, dass die Menschen, die in meine Aufführungen kommen, offen dafür sind, sich ein paar Stunden lang in eine andere Welt versetzen zu lassen, alles, was "draußen" ist vergessen. Dass sie wieder Kind werden. Das kann man nämlich, ohne "kindisch" zu sein.

Zur Person: Befreit von den Promi-Eltern

Irina Brook
Geboren 1963 in Paris. Tochter von Theaterlegende Peter Brook und Schauspielerin Natasha Perry. Ging mit 18 nach New York, um bei Stella Adler zu studieren, wechselte später vom Schauspiel zur Regie. Lernte bei Ariane Mnouchkine. Gründete 2008 ihre eigene Compagnie, inszeniert Theater und Oper.

Prix Molière
Gewann mehrmals den Theaterpreis Prix Molière. Wurde 2002 vom französischen Kulturminister zum Chevalier des Arts et des Lettres ernannt. Die englische Übersetzung von "Peer Gynt" stammt von US-Autor Sam Shepard, die Musik von Iggy Pop.

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