Jazz aus der Gründerzeit
Die Rauchglasstimme zum lässigen Barjazz-Piano kassiert die derzeit höchsten Gagen im Jazz: Diana Krall enterte zwar leicht verkühlt, aber wie selten gut gelaunt am Sonntag mit Hut auf dem Kopf und einer Art Gehrock die Bühne.
Eine Zeitreise in die 1920er-Jahre in der mit roten Vorhängen, einem alten Pianino mit Lampenschirmchen und einem Trichter-Grammofon dekorierten Stadthalle F beginnt. Im Hintergrund laufen Zeichentrickfilme mit Betty Boop und Stummfilmklassiker in Schwarz-Weiß.
Retro
Songs vom neuen Album "Glad Rag Doll" (Universal) wie "When The Curtain Comes Down" und "We Just Couldn’t Say Goodbye" stehen im Mittelpunkt.
Kraftvoll und intensiv: "Temptation" von Tom Waits und der Ray-Charles-Hit "Lonely Avenue" mit einer verrückt irrlichternden Gitarre.
Die Kanadierin mit dem unterkühlten Sex-Appeal nimmt sich die freudetrunkenen, überschwänglichen Töne von Fats Waller vor, dessen Motto war: Immer lustig und vergnügt, bis der Leib im Kasten liegt. Außerdem Irving Berlins "How Deep is The Ocean" und Cole Porters "Don’t Fence Me In". Sie wandelt – wie schon Marianne Faithfull – am "Boulevard Of Broken Dreams". Meist reicht eine simple Melodie, die an der Seele rührt, und ein Schunkelrhythmus, gerade so kommod, dass der Fünf-Uhr-Tee nicht aus der Tasse schwappt. Die Songs, teils garniert mit Ukulele und Fiddle, haben alle – bis auf "Almost Blue" von Ehemann Elvis Costello – viele Jahre am Buckel. Sind total retro. Aber mit fünfköpfiger Band frisch aufgebürstet.
KURIER-Wertung: **** von *****
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