Goldene Palme für französisches Liebesdrama

Der Hauptpreis beim Filmfestival von Cannes geht an das lesbische Liebesdrama "La vie d'Adele" von Abdellatif Kechiche.
Ein Mann wird von zwei Frauen auf einer Bühne mit der Goldenen Palme von Cannes geküsst.

Wir haben auf unser Herz gehört“, sagte Regisseur Steven Spielberg, Präsident der Preis-Jury von Cannes. Und die Herzen der Jury-Mitglieder – darunter das des Wiener Schauspielers Christoph Waltz – haben für das lesbische Liebesdrama des tunesisch-französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche geschlagen: „La vie d’Adèle“ gewann am Sonntagabend die Goldene Palme von Cannes.

Nahaufnahme von zwei Frauen, deren Gesichter sich fast berühren.
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Darin verliebt sich eine Schülerin in eine Kunststudentin und erlebt ihre erste große Liebe. Kechiche rückt seinen Protagonistinnen in ungewöhnlich langen Sexszenen auf den Leib, ohne allerdings die angestrebte Intensität zu erreichen. Doch die schauspielerischen Leistungen der beiden jungen Frauen – der Newcomerin Adèle Exarchopoulos (19) und der tollen Léa Seydoux (27) – sind in jedem Fall herausragend. Deswegen wurde auch erstmals in der Geschichte der Filmfestspiele die Auszeichnung nicht nur an den Regisseur, sondern auch an die Schauspielerinnen vergeben.

Den zweitwichtigsten Preis, den Großen Preis der Jury, erhielten Joel und Ethan Coen: Ihre brillante Tragikomödie „Inside Llewyn Davis“, in der Justin Timberlake als Folksänger auftritt, zählte zu den Lieblingsfilmen der Kritiker.

Darstellerpreise für Bejo und Dern

Als stärkste Frau im Wettbewerb wurde Bérénice Bejo befunden: Berühmt geworden mit dem Stummfilm „The Artist“, gewann Bejo den Preis für die beste Darstellerin in dem dichten, hervorragend gespielten Beziehungsdrama „Le Passé“ des Iraners Asghar Farhadi. Den Preis für den besten Hauptdarsteller erhielt der 76-jährige Hollywood-Veteran Bruce Dern für seine Rolle als mürrischer Pensionist: In „ Nebraska“, einem komisch-lakonischen Roadmovie von US-Oscarpreisträger Alexander Payne („Sideways“), unternimmt Dern als alterssturer Vater mit seinem Sohn eine Reise in die Vergangenheit.

Regenschauer, Windstürme, Juwelendiebstähle – und dazwischen hochkarätige Filme im Wettbewerb: Das 66. Filmfestival von Cannes ging am Sonntag auf hohem Niveau zu Ende. Zwar gab es nicht das eine Meisterwerk, auf das sich Gott und die Welt einigen konnten – wie noch letztes Jahr mit Michael Hanekes „Liebe“. Dafür bildeten sich unter den Kritikern immer wieder Neigungsgruppen für Lieblingsfilme – wie etwa für die brillante Tragikomödie „Inside Llewyn Davis“, in der Justin Timberlake als Folksänger auftritt.

Aber ein wirklich mutiger Film, der die Grenzen des Kinos neu austestet und einen baff im Kinosessel zurück lässt, fehlte: Diese Rolle übernahm letztes Jahr Leos Carax mit „Holy Motors“.

Ryan Gosling in Boxhaltung, gekleidet in Hemd und Weste, im roten Licht.
Heuer sorgte gerade mal Nicholas Winding Refn („Drive“) mit seiner krampfhaft überhöhten Bangkok-Blutorgie „Only God Forgives“ mit Ryan Gosling für Hickhack: Was den einen als atemberaubende Vision mit großem Stilwillen erschien, galt den anderen als sadistisch-spekulative Dummheit. Die Geschichte des Kinos wurde damit aber in keinem Fall neu geschrieben.

Klassisches, schönes und auch ein bisschen erwartbares Erzählkino dominierte den Wettbewerb. Mit einer Ausnahme stammten alle Filme von Männern – und (alte) Männer dominierten auch stark die Geschichten auf der Leinwand. Der schöne Mads Mikkelsen brillierte mit beeindruckenden Backenknochen als einsamer Heinrich-von-Kleist-Held „Michael Kohlhaas“. Der Franzose Arnaud des Pallières erzählt die Geschichte des unbeirrbaren Pferdehändlers wie einen kargen Western, in dem die Naturlandschaft beinahe plastisch greifbar wird.

US-Oscarpreisträger Alexander Payne („Sideways“) entzückte mit einem komisch-lakonischen Roadmovie in Schwarz-Weiß und Breitwandformat: In „Nebraska“ macht sich ein Sohn mit seinem alterssturen Vater – mürrisch-resolut: Hollywood-Veteranen Bruce Dern – auf eine Reise in dessen Vergangenheit. In heruntergekommenen, überalterten Kleinstädten treffen sie auf Familienmitglieder und offene Rechnungen.

Eine Frau in einem geblümten Kleid blickt zum Himmel.

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Drei Musiker sitzen in einem Aufnahmestudio und spielen Gitarre.

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Ein Mann kniet vor einer Frau in ländlicher Umgebung, im Hintergrund eine Steinfarm und Pferde.

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Benicio del Toro und ein weiterer Mann gehen in Anzügen durch einen Park.

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Ein barfüßiger Mann und ein junges Mädchen stehen bzw. sitzen vor einem gelben Auto in einer kargen Landschaft.

Ein Mann und eine Frau stehen sich in einem Innenraum gegenüber.

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Marion Cotillard und Jeremy Renner in einer Szene aus dem Film „The Immigrant“.

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Ein Mann tanzt im Gegenlicht vor einer Tür.

Tilda Swinton und Tom Hiddleston umarmen sich in einer Bar, beide tragen Sonnenbrillen.

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Ein Mann mit Mütze fährt im Schneefall ein Motorrad.

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Ein Mann im Anzug zeigt einer Frau ein kleines Foto.

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Nahaufnahme von zwei Frauen, die sich nahe sind, eine mit blauen Haaren.

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Ein Mann im Anzug kümmert sich um einen verletzten Mann.

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Eine Frau küsst eine jüngere Frau mit einem Verband auf der Stirn.

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Ein älterer Mann gestikuliert vor einem Auto, während ein jüngerer Mann daneben steht.

Eine Frau mit Halsband blickt zu einem Mann auf.

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Zwei Männer in Anzügen posieren vor einem Oldtimer.

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Ein Mann mit Brille und gelbem Sakko sitzt auf einer Steinbank.

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Ein Mann mit Bart massiert eine Frau, während eine weitere Person im Hintergrund liegt.

Eine Frau mit blonden Haaren raucht in einem eleganten Restaurant.

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La Dolce Vita

Ebenfalls ein schon etwas älterer Herr steht im Mittelpunkt von Paolo Sorrentinos verwaschener Romelegie „La Grande Bellezza“, die lose auf Fellinis „La Dolce Vita“ verweist. Roms Oberschicht gerät als dekadente Ansammlung von neureichen Verlierern und überschminkten Botox-Hexen ins Visier.

Eine vergleichsweise hohe Frauendichte wies dafür das Teenage-Drama „Blue Is the Warmest Color“ des tunesisch-französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche auf: Eine Schülerin verliebt sich in eine junge Frau und erlebt ihre erste große Liebe. Kechiche rückt seinen Protagonistinnen in endlosen (Sex-)szenen auf den Leib, ohne jedoch die angestrebte Intensität zu erreichen. Immerhin bot er damit eine der wenigen Gelegenheiten für starke Fauenrollen in Cannes.

- GOLDENE PALME:
"La vie d'Adèle" von Abdellatif Kechiche (Frankreich)

- GROSSER PREIS DER JURY:
"Inside Llewyn Davis" von Ethan Coen & Joel Coen (USA)

- PREIS DER JURY:
"Like Father, Like Son" von Kore-Eda Hirokazu (Japan)

- BESTE SCHAUSPIELERIN:
Bérénice Bejo in "The Past" von Asghar Farhadi (Iran)

- BESTER SCHAUSPIELER:
Bruce Dern in "Nebraska" von Alexander Payne (USA)

- BESTES DREHBUCH:
Jia Zhangke für "A Touch Of Sin"

- BESTE REGIE:
Amat Escalante (Mexiko) für "Heli"

- GOLDENE KAMERA für den besten DEBÜTFILM:
Anthony Chen für "Ilo Ilo".

- GOLDENE PALME für den besten KURZFILM:
"Safe", Südkorea

Eines kann man den Filmen, die heuer innerhalb und außerhalb des Wettbewerbs von Cannes liefen, nicht nachsagen: Prüderie. Im Gegenteil. Auffallend viel nackte Haut leuchtete von der Leinwand – vor allem in den französischen Beiträgen. Geradezu beispielhaft in einem der besten Filme, die überhaupt auf dem Festival zu sehen waren: Alain Guiraudies Schwulendrama „Stranger by the Lake“, das in der Programmschiene „ Un Certain Regard“ gezeigt wurde. In seinem schnörkellosen, aber unglaublich effektvoll inszenierten Film beobachtet Guiraudie die Vorgänge an einem idyllischen See, wo sich Männer zu (flüchtigen) erotischen Begegnungen treffen. Dafür erhielt er von der Jury, die unter der Leitung von Regisseur Thomas Vinterberg die Auszeichnungen für diese renommierte Nebensektion vergibt, den Regie-Preis.

Den großen Preis von „ Un Certain Regard“ bekam der kambodschanische Dokumentarfilmemacher Rithy Panh mit seiner Doku „The Missing Image“. Darin erinnert sich der Regisseur an die Schrecken seiner Kindheit unter der Terror-Herrschaft der Roten Khmer.

Rithy Panh mischt Archivmaterial mit „Spielfilmszenen“, die er mit Tonfiguren in der Größe von Playmobil-Männchen nachstellt. Seine Erinnerungen an das Pol-Pot-Regime sind quasi handgemacht und daher fühl- und greifbar: Ein poetischer, unsentimentaler Film.

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