Debatte um Verunglimpfung der Nationalhymne

Wer das Staatslied parodiert, soll mit Gefängnis von bis zu einem Jahr bestraft werden.

Täter und Tatumstände sind noch immer ungeklärt, ebenso, wer das Video in sozialen Medien postete. Es geht um Verunglimpfung der Nationalhymne. Nicht irgendwo, sondern in der Krimstadt Sewastopol, einer der Hochburgen der Patrioten, wo der Beirat des Gouverneurs tagte – ein staatstreues Gremium.

Wie stets begann die Tagung mit dem Singen des Staatsliedes. Wie stets warf ein Teleprompter den Text auf den Bühnenhintergrund. Aus gutem Grund: Das Publikum bestand aus der Generation 40 plus und in deren Gedächtnis hat sich der alte, sowjetische Text eingebrannt. Ein Phänomen, das Wladimir Putin unterschätzte, als er 2000 die einst im Auftrag Stalins komponierte Musik überarbeiten ließ. Die Korrekturen blieben überschaubar. Bei Veranstaltungen geht es daher nicht ohne Krücken mit dem "richtigen" Text. In Sewastopol kam das Publikum gleich ins Stottern. Statt "O Russland, du unser heiliger Staat", warf der Teleprompter "O Russland, du unser hirnloser Staat" an die Wand.

Scherzbolde aktiv

Das war bereits im April – und erst der Anfang. Scherzbolde luden eigene Verballhornungen der Hymne hoch. Derzeit kommen sie mit Bußgeldern davon. Senator Wadim Tjulpanow will das ändern – Kollegen und er fordern die Neufassung von Artikel 329 des Strafgesetzbuchs: Beleidigung von Staatssymbolen, Flagge und Wappen. Von der Hymne steht da zurzeit nichts. Das soll die Duma, die im September neu gewählt wird, ändern. Der Entwurf mit Rechtsgutachten des Obersten Gerichts und Dringlichkeitsantrag liegt bereits vor. Stimmen die Abgeordneten zu, drohen künftig Haftstrafen von bis zu einem Jahr.

Russland will bei der Hymne besonders hart durchgreifen. Ein einziges falsches Wort und die Handschellen schnappen zu. Wer in die Tasten haut und sich vergreift, muss ebenfalls in Haft. Sogar die Regierung ist da skeptisch: Das Verballhornungsverbot sei schwer zu kontrollieren. Wegen der Ähnlichkeiten zwischen altem und neuem Text seien Missetäter schwer zu belangen. Sie könnten sich damit herausreden, nicht die russische, sondern die sowjetische Hymne parodiert zu haben.

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