15 Jahre Lassing: "Gib’ mir mein Buam wieder"

Beim Grubenunglück starben zehn Männer. Die Katastrophe ist heute noch präsent.
Ein Friedhof mit modernen Grabsteinen und Blumen vor einer Bergkulisse.

Josef Rampler hat damals viele Fotos gemacht, zu Dokumentationszwecken. Anschauen konnte er sie in den 15 Jahren, die seither vergangen sind, nur ein Mal. „Vor drei Jahren. Sonst nie. Es ist emotional viel zu belastend, man hat Freunde verloren.“

Damals, im Juli 1998, war Rampler, Allgemeinmediziner aus Liezen und Feuerwehr-Arzt, einer der ersten Einsatzleiter in Lassing. Aus diesem Einsatz sollten fast sechs Wochen Dauerzustand werden. „Die erste Meldung war, ein Haus droht einzustürzen“, erinnert sich Rampler. „Dass der Georg Hainzl unten ist, hab’ ich erst dort erfahren.“

Sie sind weg

Ein Mann mit Brille und Arztkittel spricht.
lassing, jahrestag
Georg Hainzl, der einzige Überlebende des Grubenunglücks, wohnt auch heute noch in Lassing, mit Frau und Kindern. Medienkontakte lehnt er ab, wie viele Lassinger. Doch zurück zur Katastrophe von Lassing, dem ersten Teil. „Es war dramatisch, aber übersichtlich“, beschreibt Rampler die ersten Stunden und lehnt sich in seinem Sessel zurück. „Am Anfang haben wir noch mit Hainzl telefoniert.“ Es wurde Abend. „Es muss sechs oder sieben Uhr gewesen sein. Hell war es noch. Da hat irgendwer gesagt, zehn Leute sind weg, die Männer sind weg, sie sind weg.“

Sie, das waren neun Kumpel aus dem Lassinger Talkwerk und ein Bauleiter vom Semmering-Sondierstollen, der vom Grubeneinbruch hörte und spontan Hilfe anbot. Die Männer fuhren ein, um zu helfen und zu sichern und kamen nicht mehr wieder: Tonnen von Schlamm brachen in die Grube ein, an der Oberfläche bildete sich ein riesiges Loch.

Ein Haus ist nach einem Erdrutsch teilweise von Wasser bedeckt.

Luftaufnahme des Kraters in Lassing
Nach einem Erdrutsch sichern Einsatzkräfte beschädigte Häuser mit Seilen und einer Leiter.

Grubenunglück bei Liezen (Stmk)
Ein Erdrutsch hat Häuser zerstört und eine Straße unterbrochen.

Archivbild - Luftaufnahme des Kraters in Lassing
Ein Erdfall hat ein Haus teilweise verschluckt und eine Straße unterbrochen.

LASSING: 10 JAHRE GRUBENUNGLUECK
Ein Erdrutsch hat ein Haus zerstört, zu sehen durch die Bäume im Vordergrund.

Ein Mann mit dunklem Gesicht und Helm inmitten einer Menschenmenge.

ORF
Ein Mann befindet sich in einer roten Dekompressionskammer, sichtbar durch ein Bullauge.

LASSING: 10 JAHRE GRUBENUNGLUECK
Titelseite des Kurier vom 27. Juli 1998: „Wunder von Lassing: Georg Hainzl lebt!“.

KURIER-Titel im Wandel der Zeit
Ein Mann liegt mit Elektroden auf der Brust in einem Krankenhausbett.

LASSING: 10 JAHRE GRUBENUNGLUECK
Ein Mann mit Schutzhelm umarmt eine andere Person vor einem Plakat für ein Open-Air-Festival in Irdning.

LASSING: 10 JAHRE GRUBENUNGLUECK
Ein rotes Stoppschild steht vor einem Bauzaun mit rot-weißem Absperrband.

SCHWARZABBAU IN LASSING
Ein kreisförmiger Park mit einem Weg und einem Blumenarrangement in der Mitte.

Eine Gruppe von Reportern und Kameraleuten in einem Gerichtssaal.

Bild: Viele Kamerateams und Reporter drängten sich…
Zwei Ansichten eines Erdrutsches, der Häuser beschädigt hat, und ein kreisförmiges Becken mit Schnee.

ARCHIVBILD GRUBENUNGLUECK LASSING
Ein Gräberfeld mit Blumen und Kerzen auf einem grünen Rasen.

GEDENKSTAETTE in LASSING
Ortsschild von Lassing vor einer Landschaft mit Kirche und Bergen.

„Schaut’s euch das an, haben wir gesagt. Man hat ja schon bald gesehen, dass sich da was bewegt“, erinnert sich Ewald Bauer. Er war Einsatzleiter beim Roten Kreuz in Lassing. „Aber die Leut’ sind immer noch eingefahren.“

Großer Schmerz

Sie liegen auch heute noch in der Tiefe, ihre Körper wurden nie geborgen. Dort, wo Tonnen von Schlamm und Wasser absackten, wurde eine Gedenkstätte errichtet, angelegt wie ein kleiner Friedhof: zehn Grabsteine im Kreis, in der Mitte eine Laterne. Es war großer Mut. Es ist großer Schmerz. Er wird nie vergessen werden, mahnt eine blau-weiße Tafel davor.

Ein Mann mittleren Alters mit Brille und grauem Haar lächelt.
lassing
Nach dem weiteren Grubeneinbruch begann der zweite Teil der Katastrophe. „Da war so ein Wirbel“, schildert Rampler. „Dann haben wir begonnen, eine Einsatzleitung aufzubauen. Aber wir haben auch nicht wirklich gewusst, wo, weil wir nicht gewusst haben, wie groß dieses Loch wirklich ist.“ Die psychologische Hilfe für Angehörige von Unglücksfällen steckte damals auch noch in den Kinderschuhen: Familienmitglieder der Opfer saßen unter Journalisten bei anfangs improvisierten Pressekonferenzen und mussten hören, wie die Einsatzleitung ihre Männer, Söhne und Väter aufgab. Es gab Kompetenzstreitereien zwischen den Behörden um Bergegeräte oder Druckluftkammern. Das Medieninteresse überforderte viele, auch offizielle Kräfte.

Dazwischen bangten die Familien um die Bergleute. „Die Leut’ haben zu mir gesagt: Doktor, gib’ mir mein Buam wieder“, erinnert sich Rampler.

Der Talkabbau ist längst stillgelegt, in der Barbarakapelle hängen Fotos der zehn Männer. Sowohl Rampler als auch Bauer haben die Ereignisse noch präsent. „Weil es extrem belastend war, für uns alle“, sagt Bauer. „Da sind zehn Männer gestorben, der Einsatz war lang. Damals hat ja keiner daran gedacht, dass auch jemand mit uns drüber reden hätte sollen.“

Es beginnt mit einer Verkehrsmeldung: Die Landesstraße bei Lassing sei gesperrt, weil bei einem Bergwerk eine Grube eingebrochen wäre ...

17. Juli 1998 Georg Hainzl, 24, wird um 11.45 Uhr in 60 Meter Tiefe eingeschlossen. Kumpel fahren in die Grube, um zu sichern und zu suchen. An der Oberfläche bilden sich Risse, ein Krater entsteht und füllt sich mit Wasser. Die Straße bricht weg, zwei Häuser versinken. Dann um 22 Uhr die Nachricht: Weitere zehn Bergleute sind verschüttet, sie waren in 140 Meter Tiefe.

18. bis 25. Juli 1998 Sondierungsbohrungen ergeben keine Hinweise auf Überlebende, die Arbeiten stehen vor dem Abbruch.

26. Juli 1998 Eine der letzten Bohrungen stößt früher als erwartet durch und erreicht Georg Hainzl. Das „Wunder von Lassing“ ist passiert: Der Bergmann lebt.

14. August 1998 Hainzls Rettung macht Angehörigen und Helfern Hoffnung, doch sie werden enttäuscht. Um 21.30 Uhr startet die letzte Kamerafahrt durch einen Sondierungsstollen das Bild zeigt nur Schlamm.

17. August 1998 Die Rettungsarbeiten werden offiziell eingestellt.

10. April 2000 Der Plan, die zehn Todesopfer zu bergen, wird endgültig aufgegeben.

28. Juni 2000 Ex-Werksleiter und Ex-Berghauptmann werden wegen fahrlässiger Gemeingefährdung verurteilt. Am 20. März 2003 sind die Urteile rechtskräftig: Zwei Jahre Haft, davon acht Monate unbedingt, für den Werksleiter, sechs Monate bedingt für den Berghauptmann. Im Prozess hört man, dass der Abbau zu nahe am Talgrund erfolgte und 1998 der Großteil der Abbaufläche keine Genehmigung hatte.

25. Mai 2002 Die Gedenkstätte wird eingeweiht.

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