Der Homo erectus (vor 1,9 Millionen Jahren) hatte das Feuer ziemlich sicher im Griff.

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Feuer
06/19/2016

Warum Grillen so fasziniert

Die Vorliebe für die ordinärste, aber höchst beliebte Art der Nahrungszubereitung hat mehrere Gründe.

von Axel Halbhuber

Grillen hat sich zu einer Disziplin entwickelt. Vorbei die Zeit, in der ein paar Würstel auf einen klapprigen Rost gelegt wurden, irgendwann kam das Kotelett, bald kamen die Ripperln, und als all das zu prollig war, betrat das Steak die Bühne, vom Hochland, aus Argentinien, aus Japan, zehn Zentimeter dick und um Tausende Euro pro Gramm. Die Grilleria stichelte sich zu immer ausgefeilteren Höchstleistungen, Scampi in Marinade, Zucchini mit Feta, Bratapfel mit Fülle, Banane mit Schokolade gespickt.

Warum kochen wir so gern am offenen Feuer?

Es stellt sich die Frage, warum Nahrung so gerne auf offenem Feuer zubereitet wird? Wir von Zeit zu Zeit unsere sündteuren Induktionssteinumluftdampfgarküchen gegen Rauch in den Augen und angesengte Armhaare tauschen? Liegt es wirklich nur am Urinstinkt – blutiges Fleisch angreifen und Knochen abnagen? Man sollte meinen, wir sind weiter. Oder ist das einfache Zubereiten in einer immer komplizierteren Welt besonders sexy? Schon eher.

Vor allem ragt der Griller wie eine letzte Insel aus dem Meer der Emanzipation. Bundeshymne und -heer können fallen, aber die Glut bleibt männlich. Studien belegen, dass zu 80 Prozent die Männer grillen, während Frauen Beilagen zubereiten. Zwei von drei Frauen sagen wiederum, dass sie gar nicht an den Griller wollen.

Das klingt nach Steinzeit.

Die Zähmung des Feuers

Apropos. Ursprünglich begegnete Feuer dem Menschen als Problem. Vor zwei Millionen Jahren fürchtete er Waldbrände nach Blitzschlägen und Vulkanausbrüchen. Eine bedrohliche, gänzlich unbeherrschbare Naturgewalt – die Urmenschen Ostafrikas hatten einfache Werkzeuge, aber keine Kontrolle über das Feuer. Um die natürliche Angst davor zu überwinden, braucht es zielgerichtetes Denken und Tun, und das war erst im Werden. Schließlich gelang es dem Menschen als einzigem Lebewesen.

Was wäre nun männlicher als die Beherrschung des Unbeherrschbaren? Gegen alle Widrigkeit – zu einfach dürfen Domänen nie sein – wie Rauch und Hitze hält der Mann das Feuer unter Kontrolle und bereitet sein Mammut darauf zu. In Deutschland entwickelten sich Grillausflüge besonders am Vatertag, der einst im protestantischen Norden ein reiner Männertag war, Saufgelage ohne Familie. Damals die perfekte Bühne, Soziologe Sacha Szabo dazu: "Beim Grillen inszeniert sich der Mann als Beherrscher des Feuers."

Dazu musste er erst einmal die Wildfeuer zähmen.

Der geschickte Mensch

Genau kann man die erste kontrollierte Feuernutzung nicht datieren. Forscher fanden beim Homo habilis ("Der geschickte Mensch", vor 2,3 Millionen Jahren) und sogar bei den noch affenartigen Australopithecinen verbrannte Materialien. Das könnte aber auch von natürlichen Feuern stammen.

Der Homo erectus ("Der aufgerichtete Mensch", vor 1,9 Millionen Jahren) hingegen hatte das Feuer schon ziemlich sicher im Griff. Der älteste gesicherte Fundort liegt in Israel und ist etwa 790.000 Jahre alt. Rund um vermeintliche Feuerstellen sammelten Forscher 23.000 Fruchtreste und 50.000 Holzstücke, die Untersuchungen ergaben, dass nur knapp zwei Prozent davon Verbrennungsspuren zeigten. Das deutet klar auf künstliches, begrenztes Feuer hin.

Allerdings glauben die Wissenschaftler, dass die Menschen das Feuer damals noch nicht selber entzünden konnten, sondern Wildfeuer einsammelten und hegten.

Feuer vom Menschen entfacht

Ohne diese Entwicklung gäbe es heute keine Grillpartys. Und auch sonst bedeutend weniger Leben. Die Wissenschaft geht davon aus, dass eine Besiedlung Nordeuropas ohne nutzbares Feuer kaum möglich gewesen wäre – die Winter zu kalt, die Gegend zu karg. In den Alpen fanden die Forscher auch glaubhafte Belege für den nächsten Schritt: das Feuer, vom Mensch entfacht. Rund 32.000 v. Chr. soll er entdeckt haben, dass es funkt, wenn bestimmte Steine aneinander geraten. Und dass trockenes Reisig und der Zunderschwamm an Bäumen dadurch rasch Feuer fangen. Diesen Schwamm hat man übrigens auch beim Alpenquerer Ötzi gefunden. Und das Prinzip des Feuerschlagens hielt sich bis zur Erfindung der Streichhölzer im Jahr 1827 als beliebtester Weg, Feuer zu machen. Auch das Feuerzeug geht darauf zurück und ist damit eines der ältesten Werkzeuge der Menschheit.

Womit der Mensch das Unbeherrschbare endgültig in die Tasche stecken konnte.

Feuer macht Hirn

Unsere Höhlen bewohnenden Ahnen schmausten zwar noch keine Lachsspieße mit Folienerdäpfel, aber die neue Nahrungszubereitung brachte sie ein schönes Stück voran. Durch Erhitzen wurde das Essen bekömmlicher und leichter verdaubar. Der Körper konnte so mehr Energie aus der Nahrung beziehen. Zugleich spendete das Feuer Wärme, wodurch er weniger Kalorien verbrauchte. Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder sieht es als Grundlage des modernen Menschen: "Für die soziale und kulturelle Menschbildung spielte das Kochen mit Feuer eine große Rolle. Auch das menschliche Gebiss veränderte sich dadurch und Sprache konnte sich entwickeln."

Dank des neuartigen Kochens war der Mensch nicht mehr ausschließlich mit dem Sammeln von Unmengen an Pflanzenkost und ganztägigem Kauen beschäftigt. Fleisch hat viele Nährstoffe, die der menschliche Körper aber nicht in roher Form aufnehmen kann. Erst durch einen Garprozess können die Stoffe enzymatisch aufgeschlossen werden. Insgesamt brachte das auch dem Gehirn mehr Energie. Es entwickelte sich. Das steigende Hirnvolumen ist ein entscheidender Faktor in der Evolution des Menschen.

Postmoderner Reflex von Männern

Wer heute am Griller selbst ernannte Barbecue-Meister fachsimpeln hört – fast immer mit Gerstensaft aus der Flasche, na geh, danke, ich brauch’ kein Glas –, könnte daran vielleicht zweifeln. Unbestritten ist jedoch die neue Liebe zum Grillen. Forscher Hirschfelder sieht eingangs erwähnte Lust auf Mannsein als Grund: "Für den Mann ist das Grillen eine Art postmoderner Reflex. Im Zuge der Emanzipation der Frau hat er evolutionäre Rechte eingebüßt. Machtverlust bedeutet immer auch ein Trauma. Im Grillen hat der Mann ein Refugium." Dem ist entgegen zu halten, dass sich Grillen zum familiären Sommerevent Nummer eins gemausert hat.

Auch das begründet die Wissenschaft mit der Geschichte, Feuer habe auch die Entwicklung der Familie indirekt beeinflusst, man sammelte sich am Feuer, man hatte mehr Zeit für Sozialstrukturen. Männer waren öfter in der Nähe des Siedlungsortes. Was das Kinder zeugen begünstigte. Und auch wenn das damals die Vaterrolle noch nicht bedeutend prägte, hat Grillen auch am heutigen Vatertag einen Stellwert. Soziologe Sacha Szabo sieht darin eine Inszenierung, bei der die klassische Familie gespielt wird. In anderen Worten: "Kommt ihr am Sonntag essen" überhören flügge gewordene Kinder gerne. "Papa wird grillen" eher nicht.

Schwein am Strand

Dabei gilt jedoch, dass die Entwicklung nie zu Ende ist. Nach Jahren des Trends, jedes Gemüse zu grillen – noch nie haben Zucchinischeiben vom Rost nach etwas geschmeckt – und den Steakjahren steht derzeit das Schwein hoch im Kurs. Der perfekte Schweinsbraten vom geschlossenen Grill ist noch immer eine Kunstform, aus Amerika schwemmen verlässlich Ideen nach Europa, etwa pulled pork (eine Art zerfetztes Kotelett). Was bleibt, ist die Romantik. Denn Grillen ist auch deshalb so erfolgreich, weil es noch immer die mobilste Nahrungszubereitung ist. Ein Lagerfeuer ist schön. In der Höhle, in der Prärie und am Strand.

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