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Gesund
09/10/2019

Michael Schumacher: Was Zelltherapien bringen können

Neue Verfahren sollen chronische Entzündungen stoppen und Organschäden vermeiden.

von Ernst Mauritz

Es gibt weder eine Bestätigung seitens der Pariser Klinik noch seitens der Familie: Laut Berichten der französischen Zeitung Le Parisien und anderer Medien wird der siebenfache Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher im „Georges Pompidou European Hospital“ noch bis Mittwoch behandelt werden. In Paris soll er Infusionen von Stammzellen erhalten, die eine entzündungshemmende Wirkung haben.

„Zu Michael Schumacher kann ich nichts Konkretes sagen“, sagt Dirk Strunk, Vorstand des Instituts für Experimentelle und Klinische Zelltherapie der „Paracelsus Medizinische Privatuniversität“ in Salzburg. „Aber worauf wir seit einiger Zeit ganz allgemein erste Hinweise haben, ist, dass bestimmte Zelltherapien gegen chronische Entzündungen wirken.“

Immunsystem

Bei einer akuten Entzündung wehrt das Immunsystem Bakterien und Viren ab, eine chronische Entzündung kann den Körper aber schädigen: Bei Menschen mit einer Grunderkrankung kann das lebensgefährlich werden.

„Normalerweise sind wir mobil, bewegen uns, ernähren uns vielseitig“, sagt Strunk: „Sind aber Organ- und Körperfunktionen bereits beeinträchtigt, kann das chronische Entzündungsprozesse begünstigen.“ Bei solchen handelt es sich um eine Überreaktion des Immunsystems, die zu Zell- und Organschäden führen kann. „Das ist wie ein Teufelskreis. Das kann sich mehr und mehr aufschaukeln und von einem harmlosen zu einem lebensbedrohlichen Zustand führen.“ Davon können unterschiedliche Organsysteme betroffen sein. Erste Daten hätten gezeigt, dass man vor allem mit Bindegewebszellen solche Entzündungen zumindest für eine gewisse Zeit unter Kontrolle bekommen könne – sie senden Moleküle aus, die die Funktion von Abwehrzellen für gewisse Zeit stoppen können. „Es laufen frühe klinische Studien, bei denen die Sicherheit und die Dosierung solcher Zelltherapien untersucht wird.“

Es gebe aber keine Hinweise, dass auch ein bereits bestehender Gehirnschaden – etwa als Folge eines Schädel-Hirn-Traumas – mit einer antientzündlichen Zelltherapie geheilt werden könne.

In der Regel würden die Zellen zum Beispiel aus dem Knochenmark oder dem Fettgewebe entnommen: „Da sind natürlich Stammzellen dabei, aber fast immer zudem ein Anteil von 30 bis 50 Prozent an Bindegewebszellen.“ Auch wenn dann von Stammzelltherapie gesprochen werde: „Die Wirkung gegen die Entzündung kommt von den Zellen des Bindegewebes.“

Die Zellen können – je nach Bedarf – außerhalb des Körpers vermehrt und dann verabreicht werden. Je nach Grunderkrankung könne dies z. B. über das Blut oder Injektionen in das Muskelgewebe gemacht werden.

„Als individuellen Heilversuch nach genauer Prüfung sehe ich eine derartige Anwendung als gerechtfertigt an“, sagt Strunk: „Eine routinemäßige Therapie ist das aber noch lange nicht.“

„Schumachers Arzt ist ein Pionier“ 

Der französische Herzchirurg Philippe Menasché (Bild unten) soll der Arzt sein, der Michael Schumacher in Paris behandelt – das berichten mehrere Medien.

Menasché  beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Transplantation von Zellen – vor allem zur Verbesserung der Herzleistung nach einem Herzinfarkt bzw. bei einer Herzschwäche. Günther Laufer (Bild unten) ist Leiter der Klinischen Abteilung für Herzchirurgie an der MedUni Wien / AKH Wien und hat die Forschung von Menasché immer genau verfolgt.

KURIER:  Warum gilt der Arzt von Michael Schumacher als Koryphäe?

Günther Laufer: Philippe Menasché ist ein Pionier, weil er die Forschung mit Stammzellen in die Klinik an die Patienten gebracht hat. Aber das ist alles noch im Experimentalstadium. Menasché hat aber immer wissenschaftlich korrekt gearbeitet, seine Daten in Studien publiziert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ich warne aber vor zu großen Hoffnungen, was das Thema Herzregeneration betrifft.

Was hat er genau gemacht?

Er hat als erster vor rund 20 Jahren Patienten mit Herzinfarkt Muskelstammzellen direkt in den Herzmuskel injiziert.  Die Überlegung damals war, dass sich diese Zellen in das Herz einbauen und die Funktion von abgestorbenen Zellen übernehmen.  Vor einigen Jahren hat er das auch mit embryonalen Stammzellen versucht.  Aber die Effekte sind bis jetzt relativ gering. Die Verbesserung der Herzleistung liegt in einer Größenordnung von ein bis zwei Prozent. Das ist gerade so viel, dass es nachweisbar ist, aber  einen echten positiven Effekt für den Patienten sehe ich noch nicht. Das spricht nicht gegen diese Forschung – es ist nur noch zu früh für einen Einsatz solcher  Verfahren außerhalb von wissenschaftlichen Studien. Außerdem war die Patientenzahl in seinen Studien sehr niedrig. Dieses Verfahren haben sich bis heute noch nicht durchgesetzt.

Transplantierte Stammzellen können also noch nicht  die Funktion abgestorbener Herzzellen ersetzen?

Genau, das ist der derzeitige Stand unserer Forschung. Und es herrscht da oft auch ein sehr vereinfachtes Bild vor: Dass sich eine Stammzelle – eine Vorläuferzelle –, die in den Herzmuskel injiziert wird, sich dort idealerweise zu einer Herzmuskelzelle weiterentwickelt und an der Herzaktion teilnimmt.  Aber dem ist nicht so. Injizierte Zellen – wenn sie überhaupt überleben – haben höchstens insofern einen positiven Effekt,  als sie Botenstoffe aussenden, die die Funktion der Zellen in ihrer Umgebung verbessern, sie vielleicht auch zur Teilung anregen, die Blutzirkulation in den Mikrogefäßen verbessern. Darauf gibt es Hinweise aus Tierstudien. Aber die injizierte Zelle kann nicht eine abgestorbenen Zelle ersetzen.  Eine Narbe, die nach einem Infarkt im Herzgewebe entsteht, können wir heute noch nicht heilen. Und meines Wissens ist es ebenso noch nicht möglich, abgestorbenes Gehirngewebe wiederherzustellen.

 

Verwandlungskünstler

Stammzellen sind  Vorläuferzellen, die sich in die verschiedenen Zelltypen des Körpers (z.B. Herzzelle, Nervenzelle, Hautzelle)  weiterentwickeln können.

Therapien

Die bekannteste ist die Transplantation von Blutstammzellen zur Behandlung von Krankheiten des Blutes und des Immunsystems oder zur Wiederherstellung des Blutsystems nach Krebstherapien. Zugelassen ist in der EU auch eine  Stammzell-basierte Behandlung zur Reparatur von Schäden der Augen-Hornhaut.