Gesund
07.12.2018

Gery Keszler: "Ich hoffe auf eine Welt ohne Aids"

Der Gründer des Life Ball sieht aber "kurz vor dieser Zielgeraden" neue Probleme auftauchen.

„Jeder Tag ohne Engagement gegen HIV und Aids ist für mich ein verlorener Tag“, sagt Gery Keszler, Gründer und Organisator des Life Ball und Obmann des Vereins LIFE+ im KURIER-Interview. Gemeinsam mit Clemens Schödl, Österreich-Chef des Biopharma-Unternehmens Gilead Sciences, zieht er Bilanz über die HIV/Aids-Situation in Österreich und weltweit. Seit 2017 ist Gilead wichtigster Sponsor des Life Ball.

KURIER: Sie engagieren sich seit Jahrzehnten gegen HIV und Aids. Was motiviert Sie?

Gery Keszler: Nach vier Jahrzehnten HIV/Aids habe ich die Hoffnung, dass wir bald in eine Zielgerade kommen und dass diese Utopie, dass es kein Aids mehr gibt, keine Utopie mehr ist. Aber kurz vor dieser Zielgeraden tauchen neue Sorgen auf. Durch die medizinischen Fortschritte hat die junge Generation die Schrecken von Aids nicht miterlebt. In Gruppen mit höherem Risikoverhalten ist das wieder ein Problem, teilweise wie vor 20, 30 Jahren.

Dass Safer Sex kein Thema ist?

Keszler: Ja, wobei es heute teilweise anders ist als früher. Über Jahrzehnte haben wir vom Kondom als einzigem Schutz vor einer HIV-Übertragung gesprochen. Heute gibt es auch Themen wie PrEP (Safer-Sex-Methode, bei der HIV-Negative ein Medikament einnehmen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen). Gerade in der Gay-Szene gibt es viele die meinen, das sei die Lösung. Aber es gibt Risiken, etwa jenes einer Unterdosierung, wenn das Einnahmeschema nicht eingehalten wird. Man muss sehr verantwortungsvoll umgehen damit und sich regelmäßig testen lassen. Deswegen kampagnisiert der Life Ball 2019 gemeinsam mit Gilead die dritte Auflage von „Know Your Status“ – diesmal mit dem Schwerpunkt was geschieht, nachdem man sich testen hat lassen und HIV-positiv ist.

Deshalb wird auch das Thema U=U (undetectable = untransmittable, unter der Nachweisgrenze = unübertragbar) im Mittelpunkt stehen: Bei wem unter Therapie sechs Monate lang kein HI-Virus nachgewiesen werden kann, bei dem ist das Risiko einer sexuellen Übertragung vernachlässigbar. Eine effiziente antiretrovirale Behandlung wirkt hier als Präventionsmaßnahme („TasP“, Treatment as Prevention, siehe unten). Wir wollen Bewusstsein für regelmäßiges Testen schaffen – diesmal besonders auch für den neuen, in Apotheken rezeptfrei erhältlichen HIV-Selbsttest. Kontrolle heißt Wissen, Wissen heißt Sicherheit und gibt die Chance, rasch zu reagieren. Im Schnitt dauert es in Österreich immer noch 3,8 Jahre von der Infektion zur Diagnose. Und wir haben einen hohen Anteil an „Late Presentern“, Menschen, deren Infektion erst spät nachgewiesen wird.

Die UN-Organisation UNAIDS warnt, der Sieg über Aids sei in Gefahr. Wie sehen Sie das?

Keszler: Diese Gefahr besteht, und deshalb ist es so wichtig, dass wir und andere Organisationen nicht nachlassen mit unserem Einsatz. Mit den Spenden können wir viel bewirken, etwa in Uganda: Dieses Land hatte eine der höchsten Übertragungsraten des HI-Virus von der Mutter auf das Kind, und heute gibt es das praktisch nicht mehr. Hier hat die Clinton-Foundation mit unserer Unterstützung nachhaltig geholfen, in dem sie Wirtschaftsspezialisten eingesetzt hat, die Regierungen beraten haben, etwa im Aufbau von Strukturen zur Verteilung von Medikamenten.

Was macht bei diesem Einsatz den Life Ball und LIFE+ aus?

Keszler: LIFE+ organisiert rund zehn Veranstaltungen pro Jahr, davon ist der Life Ball die größte. Manchmal höre ich von Kritikern, ob dieser Aufwand überhaupt notwendig sei. Aber jeder Tag der verstreicht, ohne dass wir uns engagieren, ist für mich ein verlorener Tag. Uns geht es aber nicht nur um Fundraising. Wir wollen in alle Richtungen Brücken schlagen und Verständnis schaffen – wie auch vor kurzem mit dem Jedermann mit Philipp Hochmair anlässlich des Welt-Aids-Tages im Stephansdom.

Es ist eine deutliche Botschaft, dass zu dieser Benefiz-Veranstaltung für ein Malteser-Aids-Hospiz in Südafrika Kardinal Christoph Schönborn, der Prokurator des Malteser-Ritter-Ordens Österreich, Norbert Salburg-Falkenstein, und ich gemeinsam eingeladen haben.

Welche Kernbotschaften sollen in der Bevölkerung ankommen?

Keszler: Wir sind gesellschaftlich noch immer nicht dort angekommen, wo wir gerne wären. Wir müssen weiter gegen Stigmatisierung ankämpfen. Nach wie vor gibt es HIV-Infizierte, die wegen ihrer Infektion ihren Job verlieren. Kommt das Thema HIV auf, senken viele auch heute automatisch ihre Stimme, etwa in der Apotheke.

Schödl: Es gibt auch heute noch Ärzte, die Patienten ablehnen, wenn sie von ihrer HIV-Infektion erzählen, oder Masseure, die sich dann Handschuhe anziehen. Es braucht den Life Ball, LIFE+ und engagierte Unternehmen wie Gilead, die dafür sorgen, dass das Bewusstsein-Schaffen und das Aufklären nicht aufhören.

Welche Rolle spielen dabei prominente Unterstützer?

Keszler: Sie sind natürlich wichtige Meinungsbildner, Sprachrohre, denen zugehört wird. Und die wirklichen Superstars, die der Life Ball oft nach Wien einladen durfte, sind Persönlichkeiten, die auch ihr Leben dem Kampf gegen HIV/Aids verschrieben haben – etwa Bill Clinton oder Elton John. Das sind Menschen voller Empathie. Ich erinnere mich noch an ein Zitat von Elton John, das er einmal auf dem Life Ball gesagt hat: „Das HI(V)-Virus mag im Blut von 34 Millionen Menschen sein, aber Liebe, Liebe, ist im Blut von jedem Menschen. Das ist es, was uns in der Früh aufwachen lässt und durch den Tag bringt.“

Gilead unterstützt jetzt das zweite Jahr den Life Ball und damit auch die Know-Your-Status-Kampagne. Was sind die Beweggründe dafür?

Schödl: Unsere Kooperation ist eine ganz besondere. Denn über das Thema HIV-Therapie hat sich Gilead begründet, sie ist unser wichtigstes und größtes Standbein. Und der Life Ball ist heute – mehr als 25 Jahre nach seiner Premiere – genauso wichtig wie damals. Nur hat sich die Themenlage ein wenig verschoben. Damals stand die Todesgefahr im Mittelpunkt. Firmen wie Gilead haben erreicht, dass sich eine HIV-Infektion von einem Todesurteil in eine chronische Erkrankung verwandelt hat: Die heutigen Therapien sind im Regelfall nebenwirkungsarm und ermöglichen eine beinahe normale Lebenserwartung. In Ländern wie Österreich geht es heute darum, als HIV-infizierter Mensch mit hoher Lebensqualität alt zu werden. Mehr als die Hälfte der HIV-Infizierten ist knapp über 50 Jahre alt.

Und die heutigen Prioritäten in den Entwicklungsländern?

Schödl: Das Problem ist heute nicht mehr der Medikamentenpreis. Gilead hat 2011 als erstes Pharmaunternehmen im Bereich HIV den „Medicines Patent Pool“ unterzeichnet. Über freiwillige Vereinbarungen (siehe unten) werden die neuesten Medikamente ohne kaum eine zeitliche Verzögerung auch in den ärmsten Regionen verfügbar. Der Preis ist der Wirtschaftskraft des Landes angepasst. Sind Medikamente nicht mehr verfügbar, liegt das viel mehr an Schwierigkeiten bei der Verteilung, an fehlenden Strukturen im Gesundheitswesen, an einem Mangel an qualifiziertem Personal und auch an mangelndem Wissen. Und da reden wir nicht nur über Afrika südlich der Sahara, sondern etwa auch über US-Südstaaten. Menschen fallen dort aus dem Versicherungssystem, sind mehr und mehr uninformiert – und die Infektionsraten steigen. Da nützt es nichts, nur Medikamente zur Verfügung zu stellen. Es braucht Aufklärung, Information. Gilead engagiert sich schon lange weit über das Bereitstellen von Medikamenten hinaus. Wir sind in vielen Hilfsprojekten aktiv.

Wird es jemals gelingen, eine HIV-Infektion zu heilen?

Schödl: Das ist unser Ziel. Derzeit können wir die Viruslast zwar unter die Nachweisgrenze drücken, aber kleinen Mengen gelingt es, sich zu verstecken – deshalb ist die Therapie derzeit noch lebenslang notwendig. Im Tiermodell gibt es vielversprechende Ansätze, aber man darf noch keine Hoffnung machen, das wäre verfrüht. Und auch wenn es noch nicht möglich ist, dass Virus aus dem Körper zu entfernen: Mit dem Grundsatz „treatment as prevention(Behandlung als Prävention) ist theoretisch schon heute eine weitgehende Elimination auf Bevölkerungsebene möglich. Eines ist Gery Keszler und mir aber klar: Eine Welt ohne Aids – das ist keine Utopie.

Wichtige Begriffe zum Thema Aids und HIV

  • Treatment as Prevention/TasP

Diese Bezeichnung steht für die Tatsache, dass die erfolgreiche Behandlung von HIV-Patienten gleichzeitig als Präventionsmaßnahme dient, und andere Menschen vor einer Ansteckung mit HIV schützt (siehe auch U=U). Das Risiko einer sexuellen Übertragung des HI-Virus ist vernachlässigbar, wenn die HIV-Medikamente regelmäßig einge- nommen werden und die Viruslast im Blut seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt. Bei den heutigen Verfahren bedeutet dies eine Viruslast von unter 50 Viruskopien pro ml. Erfolg- reich behandelte Menschen mit HIV/AIDS schützen so nicht nur sich, sondern auch die Gesellschaft vor weiterer Verbreitung der Erkrankung.

  • 90-90-90

Die UN-Organisation UNAIDS hat die 90-90-90-Ziele ausgerufen, die bis 2020 erreicht werden sollten (was auch in Österreich sehr fraglich ist): 90 Prozent der HIV-positiven Personen kennen ihre Diagnose; 90 Prozent der diagnostizierten HIV-Infizierten erhalten eine antiretrovirale Therapie und 90 Prozent der behandelten Personen haben eine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Die Know-Your-Status-Kampagne 2018 und 2019 befasst sich vor allem damit, was passiert, nachdem man sich testen hat lassen und schafft Bewusstsein dafür, was eine Diagnose HIV-positiv für die Betroffenen in persönlicher, gesellschaftlicher und medizinischer Hinsicht bedeutet.

  • U=U (Undetectable Equals Untransmittable, auf Deutsch „unter der Nachweisgrenze = unübertragbar“)

Seit 2016 haben sich hunderte HIV- Organisationen der Kampagne U=U angeschlossen. Sie unterstützen die Aussage, dass das Risiko einer sexuellen Übertragung des HI-Virus ver- nachlässigbar ist, wenn die antiretrovirale   Therapie (ART) regelmäßig durchgeführt wird und die Viruslast im Blut seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt. Es kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass nicht doch einmal eine HIV-Übertragung bei nicht nachweisbarer Viruslast nachgewiesen wird, das Risiko hierfür ist jedoch vernachlässigbar klein.

  • Late Presenter

Bei jeder aktiven HIV-Infektion kommt es zu einem dramatischen Abfall bestimmter Abwehrzellen (T-Helferzellen, CD4-Lymphozyten) und somit zu einer schweren Störung des Abwehrsystems des Körpers. „Late Presenter“ sind Personen, deren HIV-Infektion erst zu einem Zeitpunkt festgestellt wird, zu dem sie schon längst eine Therapie benötigt hätten und die T-Helferzellen stark reduziert sind. In manchen Fällen kommen Betroffene erst zum Arzt, wenn sie schon eine der Aids- definierenden Erkrankungen wie Tuberkulose entwickelt haben. Etwas mehr als 40 Prozent der jährlich neu diagnostizierten HIV-Infizierten  in Österreich (2017 insgesamt 510) sind spät diagnostiziert.

  • ART: Antiretrovirale Therapie

Bei einer antiretroviralen Therapie (ART, der Name erklärt sich aus dem Umstand, dass HIV ein Retrovirus ist) werden drei Wirkstoffe kombiniert (in einer oder mehreren Pillen). Das Medikament verhindert  im Körper die Vermehrung der HI-Viren, dadurch bleibt die Anzahl von  bestimmten Abwehrzellen (CD4-Zellen) auf hohem Niveau erhalten. Das Immunsystem bleibt funktionsfähig. Somit kommt es auch bei behandelten HIV-positiven Menschen nicht mehr zum Ausbruch von Aids. Nach einiger Zeit sind bei einer gut wirksamen Therapie im Blut keine HI-Viren mehr nachweisbar. Man spricht dann von einer „Viruslast unter der Nachweisgrenze“.

  • Medicines Patent Pool

20 Jahre beträgt die Patentfrist auf ein neues Medikament. In dieser Zeit dürfen keine kostengünstigen Generika hergestellt werden. Um auch Entwicklungsländern einen raschen Zugang zu neuen, aber noch teuren Medikamenten zu ermöglichen, gibt es Initiativen wie diesen Patentpool für Medikamente: Generikahersteller bekommen Lizenzen zur Herstellung der Medikamente und können sie zu günstigen Preisen (die auf die  Kaufkraft des Landes und das Ausmaß der Verbreitung von HIV/Aids abgestimmt werden) anbieten. Die Firmen selbst erhalten geringe Erlöse aus innovativen Entwicklungshilfefinanzierungen, konkret einem Solidaritätszuschlag auf Flugtickets in vielen Ländern.