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Gesund
10/28/2019

Philosoph über Schönheit: Warum wir durchschnittlich sein wollen

Ästhetische Medizin: Philosoph Konrad Paul Liessmann über die Hintergründe des Schönheitskults – und warum antike Statuen auch heute noch bewundert werden.

von Ernst Mauritz, Julia Pfligl

Perfektionierte Gesichter durch Schönheits-OP-Filter: Mit einem Verbot solcher Mittel zur Bildbearbeitung will die Social-Media-Plattform Instagram  eine Maßnahme gegen übersteigerte Schönheitsideale setzen (siehe unten). „Der Schönheitskult hat durch die modernen Bildtechnologien eine völlig neue Dimension erreicht“, sagte auch der Philosoph Konrad Paul Liessmann bei der Tagung der  „Austrian Academy of Cosmetic Surgery & Aesthetic Medicine“. Das ist ein Zusammenschluss von 120 Fachärzten (u. a. Auge, Chirurgie, Dermatologie, Gynäkologie, HNO) mit dem Schwerpunkt ästhetische Medizin. „Wenn Sie auf der Straße unterwegs sind, sehen Sie meistens Menschen, die sehr durchschnittlich sind. Auffallende Schönheiten sind eher selten. Das war über Jahrtausende  so. Doch heute werden wir ständig mit Ikonen der Schönheit konfrontiert.“

Das errege nicht nur Aufmerksamkeit – es führe auch dazu, dass man sich immer mit diesen Bildern vergleiche: „Wir versuchen diesen Idealen nachzueifern, die immer als mehr oder weniger verschwiegener Vorwurf im Raum stehen: Warum bin ich nicht so schön?“

Liessmann war einer der Referenten bei der Jubiläumstagung der vor 20 Jahren gegründeten „Austrian Academy of Cosmetic Surgery & Aesthetic Medicine“. Das ist ein Zusammenschluss von 120 Fachärzten aus unterschiedlichen Bereichen (u. a. Auge, Chirurgie, Dermatologie, Gynäkologie, HNO) mit dem Schwerpunkt ästhetische Medizin.

Wobei es die Theorie gebe, dass man in der Regel gar nicht die außergewöhnliche Schönheit anstrebe, sondern eher eine bestimmte Form der Durchschnittlichkeit: „Man möchte nicht allzu hässlich sein.“

Die Schönheitsmedizin hätte in den vergangenen Jahren nicht so einen Boom erlebt, wenn nicht immer deutlicher geworden wäre, dass bestimmte Formen der Attraktivität und des Aussehens dem Menschen nicht nur ein besseres Selbstwertgefühl verschaffen, sondern auch bestimmte Formen der sozialen Anerkennung: „Ich glaube nicht, dass sehr viele Menschen solche schönheitschirurgischen Eingriffe vornehmen lassen, um sich selbst zu gefallen – in Wirklichkeit ist das entscheidende Motiv immer, wie blicken die anderen auf mich? Und wie kann ich durch mein Auftreten, durch mein Aussehen Anerkennung von anderen erhalten?“

Auf der einen Seite sage man, dass Schönheit im Auge des Betrachters liege. Auf der andere Seite hätten aber doch sehr viele Menschen „einen ziemlich genormten und einheitlichen Schönheitsbegriff“. Wenn man diesen näher untersuche und das Gemeinsame dabei herausarbeite, komme man auf die antiken Schönheitsideale, die nach wie vor bis zu einem gewissen Grad Gültigkeit haben: „Deshalb empfinden wir antike Statuen noch immer als wunderschön: Ebenmäßigkeit, Proportionalität, Symmetrie, das Verhältnis der Gliedmaßen zueinander, so wie sie der große Renaissancekünstler Michelangelo aufgezeichnet hat – das ist ganz entscheidend für diesen Eindruck der Schönheit.“

Beurteilen Menschen auf Internet-Plattformen zum Kennenlernen nur anhand von Bildern, ob sie jemanden treffen wollen, nehme „das Ansehen durch Aussehen“ zu. Andere Faktoren – Auftreten, Charakter, Emotionalität – treten in den Hintergrund. „Natürlich wird Attraktivität nicht ausreichen, um charakterliche und geistige Schwächen zu übertünchen – das geht in der Regel nicht.“ Nachsatz: „Obwohl man in der Regel schönen Menschen mehr verzeiht. Hässliche können sich nicht so viele Fehler erlauben wie schöne.“

Instagram entfernt Beauty-Filter

Seit Jahren zählt Instagram zu den beliebtesten sozialen Medien junger Internet-Nutzer, doch die Kritik an der Foto-App wird immer lauter: Sie würde überhöhte Schönheitsideale propagieren, den Selbstwert einer ganzen Generation ruinieren und psychische Krankheiten wie Depressionen oder Essstörungen fördern. Vor einem Jahr warnten US-Psychiater gar vor einem neuen Krankheitsbild – immer mehr Jugendliche wünschten sich chirurgische Eingriffe, um so auszusehen wie auf ihren gefilterten Selfies: makellos.

Die Facebook-Tochter mit  einer Milliarde Nutzern weltweit – der Großteil jünger als 35 – scheint die Gefahr erkannt zu haben und reagiert nun schrittweise: Vor Kurzem wurde bekannt, dass Instagram plane, die Anzahl der Likes nicht mehr öffentlich anzuzeigen. Dann führte man eine Altersbeschränkung bei Influencer-Werbung für Diätprodukte und kosmetische Chirurgie ein. Die jüngste Image-Korrektur: Filter, die mit Schönheits-OPs in Verbindung gebracht werden, sollen von der App verschwinden.

Manche dieser Filter, etwa „Bad Botox“, stellen kosmetische Eingriffe zwar negativ dar, andere jedoch versuchen, das Gesicht des Users – ähnlich wie nach einem Lifting oder einer Botox-Injektion – zu perfektionieren: straffere Haut, vollere Lippen, größere Augen.  Durch die Bearbeitungsprogramme wird jeder schnell zur scheinbar perfekten Version seiner selbst.  „Der Druck, der durch soziale Medien entsteht, wird besonders für junge Frauen immer größer“, bestätigt der plastische Chirurg Josef Thurner dem KURIER. 40 Prozent seiner unter 30-jährigen Patienten kämen mittlerweile mit „gefilterten“ Vorlagen zu ihm in die Praxis.

Auch der deutsche Social-Media-Experte Hendrik Unger sagt: „Ein Foto in sozialen Medien lügt. Man sieht nur die beste Seite des Users. Nutzer müssen bedenken, dass man in der Realität nicht immer so aussehen kann.“ Ohne Beauty-Filter kehrt hoffentlich auch in der digitalen Scheinwelt bald wieder Realität ein.

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