Es braut sich was zusammen: Das Open-Window-Phänomen setzt Leistungssportlern kurzfristig zu

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Gesund
11/25/2019

Sportler im Winter: Fit, aber besonders anfällig für Krankheiten

Besonders im Winter dürfen Sportler ihn nicht unterschätzen: Beim Open-Window-Effekt dringen Erreger ungehindert in den Körper ein.

von Belinda Fiebiger

Wem es schwerfällt, sich zugleich auf zwei Tätigkeiten zu konzentrieren, der versteht, dass auch der menschliche Körper einmal überfordert sein kann. Nach einer ausgiebigen Sporteinheit oder einem Wettkampf zum Beispiel ist der Organismus beschäftigt, belastungsbedingte Schäden zu tilgen. Eigentlich Routinearbeit, aber dadurch ist das Immunsystem abgelenkt – und vernachlässigt seinen Job als „Türsteher“.

Das Open-Window-Phänomen bezieht sich auf genau diesen kurzen Zeitraum der erhöhten Anfälligkeit, in der Viren, Bakterien und andere Erreger – in bester Partycrasher-Manier – in den Körper eindringen können.

„Anfällig sind vornehmlich leistungsorientierte Athleten nach entsprechend intensiver Trainingseinheit“, so Ronald Ecker, Arzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin aus Marchtrenk. Weniger gefährdet seien hingegen gesundheitsbewusste Präventivsportler, die beim Auspowern eher im moderaten Bereich bleiben.

Vor allem Triathleten kennen das Phänomen sehr gut. Da sie drei Sportarten beherrschen müssen, neigen sie dazu, eher zu viel als zu wenig zu trainieren. Dabei wäre eine adäquate Regenerationsphase keine Zeitverschwendung, sondern integraler Teil eines Trainingsprogramms. Nur so kann der Körper weiter seine volle Leistung bringen bzw. sie ausbauen.

Bitte nicht stören

Wie lange diese Pause anhalten sollte, ist von Art und Dauer der Sportart sowie Alter des Athleten abhängig. „Meines Wissens nach gibt es keinen Richtwert“, erklärt Ecker, der selbst passionierter Langstrecken- und Trail-Läufer ist. „Da geht es um subjektives Empfinden und die eigenen Erfahrungswerte.“ Dazu passt, dass auch Mikrobiologe und Komplementärmediziner Josef Beuth in seinem Buch „Gesund durch Sport“ (Haug Verlag) eine relativ große Schwankungsbreite angibt: Demnach kann der Open-Window-Effekt bei mäßigem Joggen 45 Minuten, aber auch drei Stunden andauern, bei einem intensiven Krafttraining bis zu 72 Stunden.

Dass die Erholungszeit doch zu kurz war, kann sich durch grippale Infekte, Bronchitis oder andere Infektionen der Atemwege bemerkbar machen. „In den Wintermonaten besteht eine höhere Anfälligkeit als in der warmen Jahreszeit“, so Ronald Ecker. „Hinsichtlich der Dauer bleibt das Fenster für eine Infektion aber immer gleich.“

Wie lange der Open-Window-Effekt nach dem Sport anhält, ist individuell unterschiedlich. Da geht es um subjektives Empfinden und die Berücksichtigung der eigenen Erfahrungswerte.“

Ronald Ecker | Arzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin, roneck-sportmed.at

Durch Präventivmaßnahmen lässt sich das Erkrankungsrisiko vermindern: indem die verschwitzte Sportkleidung gleich nach dem Training gegen trockene gewechselt oder eine Dusche genommen wird. Zur Stärkung des Immunsystems rät der Mediziner, auf eine qualitativ hochwertige Ernährung zu setzen, im Winter allfällig auch auf Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin C und D sowie in intensiven Sportphasen auf Zink. Eine vorhergehende Mikronährstoffanalyse gibt Aufschluss, wo es Bedarf gibt.

Bei einem bereits bestehenden Infekt herrscht absolutes Sportverbot, „bei Fieber oder systemischen Symptomen wie Gliederschmerzen und Schlappheit“, so Ecker. Frühestens zwei Tage nach Ende der Beschwerden sei ein vorsichtiger Wiedereinstieg möglich. Wer zu früh beginnt, setzt sich einem hohen Risiko aus: „Meiner Meinung nach ist die Dunkelziffer an leichten Herzmuskelentzündungen im Rahmen von viralen Infekten hoch“, warnt der Experte. Nur bei lokalen Symptomen – nur Schnupfen oder "nur" Halsweh – ist ganz moderate Bewegung in Ordnung.

Auch in anderen, vor allem psychisch herausfordernden Situationen – positiven wie negativen– kann sich kurzfristig das Fenster für Krankheiten öffnen. Das Risiko, sich eine Erkältung, Grippe oder andere Krankheit einzufangen, steigt.
 

  • Zu den „positiven“ Auslösern zählt ein erfolgreicher Geschäftsabschluss, eine gemeisterte Prüfung, der Urlaubsantritt oder eine überstandene Operation eines Familienmitglieds. Nach großer mentaler Anstrengung lässt der Stress plötzlich nach – der Organismus wird anfällig für Infektionserreger.
  • Zu den negativen Belastungen, die den Open- Window-Effekt ebenfalls heraufbeschwören können, gehören Ereignisse wie Verlassenwerden, Kündigungen oder ein Todesfall.

Um die Balance zwischen Sport und Regeneration zu finden, kann Ronald Ecker Orientierung geben: „Aus präventivmedizinischer Sicht bildet eine Trainingszeit von zwei bis vier Stunden pro Woche aufgeteilt auf drei bis vier Tageseinheiten ein ideales, regeneratives Ausdauertraining. Die Intensität bei rein gesundheitlichen Zielen bleibt dabei im mittleren Bereich – also im Wohlfühltempo. Beim Joggen sollte zum Beispiel noch das Sprechen in ganzen Sätzen möglich sein.“ Kann man nur mehr einige Wörter aneinanderfügen, befindet man sich bereits im mittleren Intensitätsbereich, wo Leistung aufgebaut wird. Sich zuvor sportmedizinisch testen zu lassen, ist ratsam. So können gefährdende Erkrankungen ausgeschlossen und realistische Trainingsziele abgeklärt werden.

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