Was jetzt? Kommt sie von rechts bringt sie Unglück, von links Glück: Laut Aberglauben hat die schwarze Katze unser Schicksal in der Hand

© diego cervo - stock.adobe.com/diego cervo/stock.adobe.com

Gesund
10/27/2019

Aberglaube: So lebendig wie eh und je

Warum es in Ordnung ist, an die Magie von Glückssocken zu glauben, und wann Aberglaube doch zu weit geht.

von Belinda Fiebiger

„Als Sportler bildet man sich ja oft ein, dass man ein gutes Spiel gewonnen hat, weil man an dem Tag mit dem rechten Fuß aufgestanden ist“, sagt Clemens Doppler. „Und dann macht man das beim nächsten Mal wieder.“ „Solange wir also gewinnen“, ergänzt Alexander Horst, „gehen wir zu allen Mahlzeiten ins gleiche Lokal wie am Vortag und bestellen auch die gleichen Speisen – auch wenn das heißt, vier Tage hintereinander Spaghetti aglio e olio mit Hendl zu essen. Aber zum Glück schmeckt mir das, also ist es kein wirkliches Problem.“ Vor der Europameisterschaft in Holland 2018 zeigten die beiden Beachvolleyball-Partner im KURIER-Gespräch, dass in ihrem Trainingsplan immer noch Platz für etwas Aberglauben ist.

Dass Athleten Dinge tun, die mitunter seltsam wirken, überrascht Andreas Hergovich nicht: „Müssen Ereignisse bewältigt werden, die ganz oder großteils außerhalb der eigenen Kontrolle liegen, geben Handlungen wie diese die Illusion der Kontrolle zurück.“ Hergovich, der an der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien forscht und lehrt, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen des Aberglaubens. „Ein Sportler weiß nicht, ob er den Wettkampf überstehen oder sogar eine Bestplatzierung erreichen wird. Rituale geben hier Halt“, sagt der Psychologe und verweist zugleich auf den großen Widerspruch: „Von außen betrachtet ist die Irrationalität der Handlung offensichtlich, aus der Innensicht hat sie eine Funktion und eine Bedeutung.“

Auch Tiere können abergläubische Rituale entwickeln – wie Verhaltensforscher Burrhus Skinner schon 1948 entdeckte.

Für ein Experiment sperrte er Tauben in eine Kiste und ließ alle 15 Sekunden einen Leckerbissen fallen. Nach und nach fingen die Vögel an, sich auffällig merkwürdig zu verhalten: Sie drehten sich im Kreis oder schleuderten ständig ihren Kopf zur Seite. Skinners Erklärung: Die Tiere wiederholten genau die Bewegung, die sie machten, als das Futter in die Kiste fiel. Sie hatten den Zufall ihrer Bewegung mit einer Wirkung gleichgesetzt und wiederholten nun das Ritual ständig, um wieder Nahrung zu bekommen. Für sie funktionierte das Prinzip also – ungeachtet dessen, dass die Futtergabe ohnehin automatisch erfolgte.

Platz für Alltags-Voodoo

Dass Horoskope und Astrologie in unserer vernunftbetonten, wissenschaftsorientierten Welt immer noch ihren Platz haben, ist ebenfalls dem Wunsch nach Kontrolle gezollt. Das Leben nach dem Lauf der Gestirne zu planen und so in klaren Bahnen laufen zu lassen, ist verlockend. Da Horoskope meist so vage formuliert sind, dass sie auf fast jeden zutreffen („Heute sind Sie sich selbst der Nächste“, „Für Steinböcke sind Fortschritte durchaus möglich“), fällt es einfach, ihnen Vertrauen zu schenken. Zudem werden die diffusen Aussagen den Alltag wohl nicht gravierend verändern. Für Hergovich ist es daher nicht weiter bedenklich, wenn man seinen Aberglauben auslebt – mit dem Gesundheitsbereich als große Ausnahme: „Wenn man auf etablierte medizinische Behandlungen verzichtet und sich Wunderheilern und -mitteln zuwendet, sind die gesundheitlichen Risiken groß. Im Extremfall gefährdet man das eigene Leben“, warnt der Wissenschaftler.

Den Hauptnutzen von Aberglauben sehe ich darin, dass man das Gefühl – oder die Illusion – der Kontrolle über sein Leben hat und dabei auch die Grenzen der eigenen materiellen Welt übersteigt.“

ao. Univ.-Prof. Mag. DDr. Andreas Hergovich Bakk. | Fakultät für Psychologie/Institut für Angewandte Psychologie, UniWien

Wie hoch der Glaube an Wunderheilungen, etwa durch Handauflegen oder Energieübertragung, immer noch ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des Linzer Marktforschungsinstitut Spectra. 1.001 Personen wurden gefragt, welche Arten übersinnlicher Phänomene ihnen glaubhaft erschienen. Neben der Telepathie (28 Prozent) erzielten Wunderheilungen mit 27 Prozent die höchsten Werte.

 „Man kann ja einmal versuchen, sich zurückzulehnen und seinen eigenen Aberglauben mit Abstand zu hinterfragen“, so Hergovich: „Wenn sich die Menschen an allen Tagen des Jahres die Haare schneiden und zufrieden sind, muss man den eigenen Friseur-Termin tatsächlich immer mit dem Mondkalender abstimmen? Bestätigen Statistiken, dass es am Freitag, den 13., tatsächlich mehr Unfälle gibt?“

Wenn Freitag, der 13., ein Dienstag ist: Wann genau Pech und Katastrophen ins Haus stehen, ist international sehr unterschiedlich. Seit jeher neigt der Mensch dazu, bestimmte Wochentage und Zahlen mit Pech und Katastrophen gleichzusetzen. Wie unterschiedlich sich das äußert, zeigt ein Blick um die Welt.

Spanier zum Beispiel nehmen sich vor Dienstag, dem 13., in Acht. Das spanische Wort für Dienstag lautet „martes“, was sich vom Planeten Mars ableitet. Die Heimat des gleichnamigen Kriegsgottes steht – gemeinsam mit dem Wochentag – für Zerstörung, Unglück und Bosheit.

Italiener beäugen wie hierzulande den Freitag mit Argwohn, aber nicht in der Kombination mit der 13, sondern mit der 17. Schuld sind die alten Römer. In der Antike wurde die Zahl als XVII geschrieben, ein Anagramm des lateinischen „Vixi“, zu Deutsch: „Ich habe gelebt“. Da das eine typische Grabinschrift war, wurde bzw. wird auch die 17 mit dem Tod verbunden.

In Asien lehrt hingegen die Zahl 4 großflächig das Fürchten: Sie birgt eine große Ähnlichkeit mit dem chinesischen Wort für Tod. Wichtige Termine finden daher möglichst nicht am 4. eines Monats und sogar an keinem Datum, das eine 4 enthält, statt. Auch Taiwan, Japan, Vietnam oder Malaysia teilen die negative Assoziation mit der Zahl. Uneinigkeit herrscht bei der Zahl 9: In China bringt sie Glück, in Japan Unglück.

Aberglaube vs. Statistik Unser subjektives Unbehagen vor Freitag, dem 13., führt vielleicht zu einer geringeren Risikobereitschaft. Denn laut der Zürich Versicherung, die sich die Jahre 2009 bis 2014 genauer angesehen hat, werden an Freitagen, die auf den 13. eines Monats fallen, um zehn Prozent weniger Schadensfälle verzeichnet als an allen anderen Freitagen im Jahr. Auch eine aktuelle Uniqa-Statistik legt nahe, dass man Freitag, den 13., nicht unbedingt fürchten muss: Sieht man sich Wochentage in Verbindung mit der 13 an, ist statistisch gesehen der Mittwoch gefährlicher. Von 100 Kfz- und Haushaltsschäden würde jeder fünfte (21,5 Prozent) an einem Mittwoch, dem 13., passieren. Am korrespondierenden Freitag wären es nur 16,4 Prozent. Kein Grund also, im Bett zu bleiben!

 

 

 

So mancher mag seine Zuflucht dann im verbalen Achselzucken schlechthin finden: „Nützt es nichts, schadet es auch nicht.“ Die Devise schafft zugleich selbstironischen Abstand zum eigenen Aberglauben und trotzdem kann man auf Nummer sicher gehen.

Zu beachten ist, dass auch weniger offensichtliche Formen des Aberglaubens existieren. Für Andreas Hergovich ist ausgerechnet der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft ein Beispiel. Es sei einfach, sich über jemanden lustig zu machen, der sich nach dem Mond die Haare schneiden lässt, dagegen sei die Überhöhung der Wissenschaft ein versteckter Aberglaube: „Ihr wird oft mehr zugetraut, als sie zu leisten vermag. Fragen der Sinnsuche, zu Religion oder Philosophie können aus meiner Sicht nicht wissenschaftlich – und schon gar nicht naturwissenschaftlich – gelöst werden.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.