Genuss
07/30/2016

Wein & Co-Chef verkauft seine 2 Millionen schwere Privatsammlung

Der 68-jährige Weinhändler braucht für seinen neuen Flagshipstore frisches Kapital.

Er ist ein Süchtiger, ein Getriebener, seit Jahrzehnten auf der Suche nach den besten Tropfen. Millionär ist er schon längst: Wein & Co-Chef Heinz Kammerer braucht frisches Kapital für seinen neuen Flagshipstore in der Wiener Innenstadt. Und holt sich dieses durch den Verkauf seiner Privatsammlung via Webshop.

KURIER: Was fühlt ein Sammler, wenn er sich vom Objekt der Begierde trennt?
Heinz Kammerer: Bei manchen Flaschen fühle ich Trennungsschmerz. Ich sammle seit 1973 und habe wahnsinnig schöne Stunden mit dem Sammeln verbracht. Aber man kann sich bei 10.000 Flaschen ausrechnen: Wenn ich noch zehn Jahre lebe, dann müsste ich jeden Tag drei Flaschen austrinken. Und das möchte ich nicht – ich kann es nicht mehr dersaufen.

Steht die Freude des Suchens und Findens im Vordergrund oder der Genuss am Besitzen?
Das Suchen! Wein & Co ist ja entstanden, weil ich manisch gesammelt habe. Irgendwann waren die Keller voll und für einen Sammler gibt es nichts Schlimmeres, als wenn er aus logistischen Gründen nicht mehr sammeln darf. Bei der Inventur war ich erstaunt, was ich alles besitze. Bei der Kunst geht es mir auch so.

Hat Ihre Kunst- oder Ihre Weinsammlung mehr Wert?
Die Kunstsammlung. Der Verkaufswert der Flaschen liegt bei rund zwei Millionen Euro.

Schläft man gut, wenn man weiß, dass man zwei Mio. € im Keller gebunkert hat?
Warum sollte ich nicht schlafen können? Außerdem haben sie damals nicht viel gekostet. Vor allem die Bordeaux haben eine enorme Wertsteigerung erfahren: Die Flasche hat 200 bis 300 Schilling gekostet und jetzt ist sie das Doppelte wert.

Als Sie 1993 Wein & Co gegründet haben, haben Sie eine Flasche Mouton Rothschild 1986 um 690 Schilling verkauft. Heute kostet die Flasche 1200 Euro. Kauft der normale Konsument oder der Spekulant Ihren Wein?
Eine der besten Weine aller Zeiten. Nicht nur Spekulanten interessieren sich für diese Weine: Da handelt es sich um Liebhaber oder ganz normale Konsumenten, die den Jahrgang ihres Kindes suchen. Solche Raritäten werden ja nicht mehr. Ich hab mir bereits vor 16 Jahren gedacht, diese Preissteigerungen sind nicht normal, und damals haben die Weine nur die Hälfte von heute gekostet.

Würden Sie Wein oder Kunst als Wertanlage empfehlen?
Ich habe mich für Immobilien, Kunst und Wein entschieden. Der Wein hat als Wertanlage den Vorteil, dass er auch trinkbar ist. Ich habe mir mal einen Mouton 1945 gekauft (Anm: einer der teuersten Weine der Welt). Für eine Flasche, die gut erhalten ist, muss man heute 20.000 bis 30.000 Euro hinlegen. Ich habe mir drei Kisten, 36 Flaschen, gekauft. Damals noch leistbar. 20 Jahre später hab ich zwei Kisten getrunken und eine um den doppelten Preis verkauft, die alle drei Kisten zusammen gekostet hatten.

Wonach hat er geschmeckt?
Nach Eukalyptus.

"Bei uns kann man sich so billig volllaufen lassen wie nirgends."

Was machen Sie mit dem Geld?
Das wird in die Firma gesteckt – der Bau des neuen Flagshipstores in der Jasomirgottstraße muss finanziert werden. Eine coole Architektur mit versiegeltem Zement und Plüschmöbeln auf 800 qm²: Shop, Bar, Bistro und Event-Bereich. Es wird aussehen, wie eine unfertige Bonbonniere-Bar. Natürlich kann man den Wein vor Ort kaufen und sich die Flasche zum Verkaufspreis an den Tisch bringen lassen: Bei uns kann man sich so billig volllaufen lassen wie nirgends. Es wird eine unkomplizierte Regional-Küche mit Schwerpunkt Wien geben. Immer nur Pasta und Mozzarella ist fad. Hausgemachte Fischstäbchen mit Mayonnaise-Salat ist lustiger. Wein ist ja ein regionales Produkt und 70 Prozent unserer Wein-Verkäufe beziehen sich auf Österreich. Wir werden sicher das beste Schnitzel von Wien anbieten.(Lesen Sie das Interview unter der Bildergalerie weiter)

So soll der neue Flagshipstore aussehen

Wein & Co

Wein & Co

Wein & Co

Wein & Co

Wein & Co

Sie nehmen den Kampf mit Figlmüller auf?
Wir haben zwei Petz-Schüler! Na, die Filgmüllers sind Freunde von mir, aber die sind riesengroß. Bei uns wird’s auch ein Gabelfrühstück geben, eine Jause oder Mitternachtsgulasch. Theoretisch können wir ja bis vier Uhr offen haben, aber der Wiener ist ein Schlafengeher.

"Der Leo ist der einzige Winzer, der das machen kann, weil er sexy ist."

Wie gefällt Ihnen das Hillinger-Konzept, wenn ein Winzer eine eigene Bar aufmacht. Dort gibt es mit den Feuerflecks ebenfalls eine einfache Küche.
Der Leo ist der einzige Winzer, der das machen kann, weil er sexy ist. Aber letzten Endes hat er nur einen Wein. Aber Gäste, die guten Wein konsumieren wollen, kommen dann irgendwann nicht mehr hin, weil die Auswahl immer die gleiche ist. Warum soll ich immer nur Hillinger trinken? Der Leo ist auch ein bisschen ein Pop-Star, wenn auch schon ein leicht angegrauter mittlerweile. Wenn er in meinem Alter ist, wird er wohl ein spannenderes Angebot haben müssen.

Welche Flaschen behalten Sie sich denn?
Wir trinken nur noch anekdotisch. Ich behalte den Jahrgang meiner Frau, Jahrgang 82, und jene Jahrgänge meiner Kinder, 89 und 93. 1982 ist einer der besten Jahrgänge, überhaupt schmecken die 80er hervorragend. Das Weintrinken hat sich bei mir verändert: Ich interessiere mich sehr für Natural Wines und für Gebiete wie Uruguay, wo ich zuvor nicht einmal wusste, dass sie Wein herstellen. Ich möchte nicht auf ausgetretenen Pfaden wandeln – im Alter wird man zum Revolutionär.

Ich dachte, man wird altersweise.
Das ist vielleicht die Voraussetzung. Es muss alles anders werden, nichts soll so bleiben, wie es ist.

Wie gehen Sie auf die Suche nach besonderen Weinen?
Es geht ums Reisen. Jeder kennt das aus den eigenen Urlauben: Wenn es einem wo gefällt und die Menschen nett sind, dann schmeckt der Wein viel besser.

Welche Raritäten kommen denn jetzt in den Verkauf?
Reife Bordeaux, alte Weine aus der Wachau oder Sammler-Weine wie Vino da Tavola aus der Toskana – Sassicaia, Solai, Lupicaia. Nur können wir im Sommer die Weine nicht verschicken, weil es so warm ist. Käufer müssen sie abholen oder bis zum Herbst warten.

Sie sind vor einem Jahr in das Unternehmen zurückgekehrt, weil sie mangelnde Innovationskraft bekunden haben. Was haben Sie seitdem umgekrempelt?
Das war absolut notwendig, der Umbau ist unser Mammut-Projekt. Wir haben seit 1997 einen Webshop, unsere Innovationskraft wird in den E-Commerce gesteckt. Mit 15 Prozent des Umsatzes über Internet sind wir erst am Beginn der Fahnenstange.

Sie sagen, dass der teuerste Wein eigentlich nicht mehr als 50 Euro kosten dürfte. Wie funktioniert die Preisgestaltung bei Weinen?
Das ist verknappt, aber es stimmt: Es gibt keinen Wein, der in der Produktion mehr als 25 Euro kostet. Man könnte also sagen, dass es den besten Wein der Welt um 50 Euro geben müsste: handverlesen, Barrique-gelagert, zwei Jahre im Fass. Der Rest der Preisgestaltung ist Nachfrage.

"Der Tetra Pak hat ein ungerechtfertigtes, schlechtes Image."

Haben Sie schon einmal einen Wein aus dem Tetra Pak getrunken?
Ich weiß es nicht. Der Tetra Pak hat ein ungerechtfertigtes, schlechtes Image. Jean-Luc Thunevin, ein toller Bordeaux-Produzent, hat gute Weine in Tetra Pak abgefüllt und nachgewiesen, dass die Qualitätsverluste im Tetra Pak nicht schlechter sind als in der Flasche. Wie der Wein gemacht wurde, hat nichts damit zu tun, wo er hinein gefüllt wird. Man kann auch schlechten Wein in die Flasche füllen, da kann die Flasche auch nichts mehr retten. Der normale Konsument denkt sich, dass der Wein in die Flasche gehört. Da geht es nur um das Image.

Wie gefällt Ihnen der Hype um Hugo und Tante Lilli?
Ich weiß nicht, was Tante Lilli ist (Anm: Lillet, Hollersirup und Soda). Hugo habe ich schon einmal gehört.