Genuss
09.05.2017

Warum Milben und Gifte US-Bienenfarmen bedrohen

Große Bienenfarmen produzieren in den USA nicht nur Honig: Oft werden die Stöcke quer durch das Land befördert, um Obst- oder Mandelbäume zu bestäuben.

Jahr für Jahr machen sich 3.000 Trucks aus allen Teilen der USA auf den Weg nach Kalifornien. Auf mächtigen Anhängern kommen 1,5 Millionen Bienenstöcke ins Central Valley. Die Bienen leisten dort wichtige Arbeit: Sie produzieren nicht nur Honig, sondern bestäuben auch die Blüten der Mandelbäume – und legen damit den Grundstein für eine boomende Industrie.

Mit beschaulichem Hobby hat Imkerei in den USA nicht zwingend etwas zu tun. Zwar haben die meisten der etwa 125.000 Imker jeweils weniger als 25 Bienenstöcke, aber andere betreiben dafür regelrechte Bienenfarmen. Und die sind, nach einer neuen Studie, offenbar besonders anfällig für einen Hauptverursacher des Bienensterbens: die Varroa-Milbe.

Amerikanische Bienenzüchter versuchen seit 25 Jahren, ihre sterbenden Bestände zu erhalten – durch aufwendige Pflege zuletzt mit vorsichtigem Erfolg. Die Zahl der Kolonien ist seit dem Tiefstand 2008 langsam wieder auf fast 2,8 Millionen gestiegen. In den USA starben seit 1989 fast eine Million der damals 3,5 Millionen Bienenkolonien.

Dennoch ist es ein Kampf: Immer wieder im Winter kollabieren bis zur Hälfte aller Bienenkolonien. Manchmal verschwinden aber auch mitten in der Sommersaison komplette Völker ohne bisher nachvollziehbaren Grund. Experten sprechen vom "Colony Collapse Disorder", ohne das Phänomen erklären zu können.

Varroa-Milbe kann sich in engen Bienenfarmen gut ausbreiten

2016 bestätigte eine Studie der University of Maryland, dass die Varroa-Milbe eine tragende Rolle beim Kollaps der US-Bienenvölker spielt. Der Parasit, der Arbeiterinnen ebenso wie Brut befällt, schwächt die Honigbienen, beeinträchtigt ihre Orientierung und überträgt zudem häufig todbringende Viren.

Jetzt ergänzen Forscher aus Tucson, dass "Varroa destructor" sich offenbar in eng bestückten Bienenfarmen besonders gut ausbreiten kann. Denn die alleine wenig mobilen Parasiten reisen einfach auf dem Rücken von Sammelbienen mit: Entweder befallen sie gesunde Sammlerinnen, die auf Futtersuche in bereits sterbenden, Varroa-verseuchten Kolonien räubern. Oder Varroa-befallene und desorientierte Sammelbienen schleppen die Milbe versehentlich in einen noch gesunden Stock ein.

"Diese Arbeit zeigt, dass die bisherigen Methoden, Varroa zu kontrollieren, nicht länger brauchbar sind"

Einzelne Bienenvölker in der Natur oder einer kleinen Imkerei würden hingegen nach einem Varroa-Befall zwar möglicherweise sterben, aber die Milben dann mit ihnen. Auch könnten diese Völker regelmäßig ausschwärmen, ihre Bestände aufsplitten und so den Milbenbefall verkleinern, betonen die Forscher.

"Diese Arbeit zeigt, dass die bisherigen Methoden, Varroa zu kontrollieren, nicht länger brauchbar sind", resümiert Gloria DeGrandi-Hoffman vom staatlichen Carl Hayden Bienen-Forschungszentrum in Tucson. Es müssten neue Wege her.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Profi-Imker ihre Bienenstöcke zum Schutz vor Krankheitserregern wie der Amerikanischen Faulbrut mehrmals jährlich mit Antibiotika besprühen – ein in Europa verbotenes Verfahren. Zum einen schwächt dies Darmfunktion und Widerstandskraft der Tiere, wie jüngst eine andere Studie zeigte. Zum anderen sind Rückstände im Honig aufzuspüren und Resistenzen können entstehen. Zudem werden hochgiftige Pestizide ausgebracht, etwa Neonicotinoide. Sie machen vielen Bienen den Garaus, wenn sie Nektar aus damit besprühten Pflanzen sammeln.

Bittere Zeiten für Honig und Bienen

Mit Akazienhonig schaut es heuer schlecht aus. Als der bergamottartige Duft der Gewöhnlichen Robinie Insekten zu reichlich Nektar locken wollte, kehrte die Kälte wieder und trieb die Bienen zurück in ihre Stöcke, die Knospen des Baumes erfroren. Die Ernte des hellgelben Genussmittels mit dem milden Geschmack bleibt aus. Auch zur Rapsblüte zeigte sich das Wetter nicht gerade bienenfreundlich.

Imker befürchten für 2017 ein mageres Honigjahr. Flora und Fauna spielen nicht mit. Zudem mangelt es hierzulande prinzipiell an Bienenzüchtern.

"Es fehlt viel von der Frühlingsentwicklung", beklagt Stefan Mandl. Rechnet der Präsident des Österreichischen Erwerbsimkerbundes im Schnitt mit zwanzig Kilo Honig pro Bienenvolk und Jahr, werden es heuer nur zehn Kilo sein. "Erschwerend kommt hinzu, dass über den Winter ein Drittel der Bienenvölker gestorben ist", sagt der beelocal-Chef über 10.000 Bienenvölker und zwölf fixe Mitarbeiter. Üblicherweise liegt die natürliche Selektion bei etwa zehn Prozent.

Die Natur ist unberechenbar, viele Imker haben daher ein zweites Standbein (siehe Grafik). "Wir haben in Österreich eine Selbstversorgung an Honig von nur 41 Prozent", sagt Mandl, der mit seinem Riesenbetrieb eine Supermarktkette beliefert. Sein persönlicher Geschmacksfavorit ist der Sommerblütenhonig – eine Mischung aus allen Blüten, die seine Bienen im Juni und Juli auf 100 km² anfliegen. Die Welt der kleinen Insekten ist groß.

Das weiß auch Gernot Gangl. In seiner Ein-Mann-Honigschmiede arbeitet er mit 200 Bienenvölkern. Am Stadtrand Wiens fertigt er nach strengen Kriterien Bio-Produkte: Wabenhonig aus reinem Bienenwachs, Immunsystem stärkende Propolistropfen und Honigwein. Wie viel er heuer von seinem Honig mit Chili, der zu Käse und Grillgut passt, oder dem vollmundigen Cremehonig mit Orangenzesten für Butterbrot, Joghurt oder Salat produzieren kann, weiß er noch nicht: "Jeder Imker hat heuer mehr Verluste als sonst. Aber die Honigsaison hat gerade erst begonnen, man kann noch hoffen."

Aktuellen Studien zufolge leben Immen in der Stadt oft besser als auf dem Land. In Parks und Gärten können sie verschiedenste Blüten absammeln, die darüber hinaus mit weniger Pestiziden belastet sind als im ländlichen Raum. Gangls Stöcke stehen inmitten von biologisch bewirtschafteten Flächen und in Windschutzgürteln. Die künstlichen Nisthöhlen sind ausschließlich aus Holz und ohne Styropor gefertigt. Auch bei den Zutaten achtet der Direktvermarkter auf Bio-Qualität. "Bei den Rezepten probiert man gewisse Sachen aus, auch was man bei Kollegen gesehen hat. Es ist keine Hexerei", sagt der Erwerbsimker, der 2007 als Hobby-Bienenzüchter begonnen hat.

"2005, 2006 ist das Interesse an der Bienenzucht sehr stark gestiegen", erinnert sich Albert Schittenhelm, Leiter der Imkerschule Wien. Mittlerweile hat sich die Zahl der Einsteiger bei rund 150 pro Jahr eingependelt. "Das Publikum kommt quer aus dem Gemüsegarten. Es wird zusehends jünger und weiblicher", sagt der Imkermeister. Im Donaupark lernen die Neulinge, dass Bienen einen Honigmagen haben, in dem der Nektar mit Enzymen der Speicheldrüsen vermischt und in Honig umgewandelt wird; wie man Königinnen züchtet; dass in der Betreuung der Völker weniger Zutun oft mehr ist; und wie man Honig schleudert. Mit Romantik hat die Schwerarbeit nichts zu tun. Heuer wird es besonders hart: "Den Bienen geht es nicht schlecht. Sie entwickeln sich so, wie die Natur es zulässt. Aber den Imkern geht es schlecht." Weniger Nektar und weniger Pollen bedeuten weniger Honig.

Für die steirische Hobbyimkerin Verena Brachmayer spielen die aktuellen Wetterkapriolen keine Rolle. Ihre 17 Völker sind in der Murauer Höhenlage gut über den Winter gekommen. Ihre Spezialität, der Waldhonig, wird erst Ende Juni eingebracht. Er entsteht aus Honigtau, dem zuckersüßen Ausscheidungsprodukt von Läusen.

"Beim Thema Bienen lernst du nie aus. Sie sind faszinierende Wesen", begeistert sich die "Bienenvreni" (so der Name ihres Blogs). Ihre Bewunderung für das soziale Staatengefüge hat die Angst vor den Insekten mit dem Stachel überwunden: "Im Stock darf kein Rädchen fehlen." Die Königin ist genau so wichtig wie die Drohnen. Ohne Arbeiterinnen geht es auch nicht. Es braucht Flugbienen, Putzbienen und Bienen, die auf die Kinder schauen. Ganz nebenbei gibt es Honig.