© Manfred Klimek

Wein-Geschichte
03/17/2013

Über eine Wein-Raritätenprobe im Wiener Steirereck

Über Weine mit Nachhaltigkeit und das Schnüffeln am Chateau Lafleur 1989 oder Chateau Cheval Blanc 1938.

Manche sammeln Erstausgaben von Superman-Comics. Manche Briefmarken. Andere sammeln alte Weine von Lafite Rothschild oder Chateau Lafleur. Letztere sind damit unter den Sammlern im leichten Vorteil. Denn während der Comic oder die Marke meistens im Tresor vor Licht und Zugriff geschützt aufbewahrt wird, darf der Wein irgendwann einmal geöffnet werden. In der Hoffnung auf einen einmaligen Genuss.

Man nennt das Raritätenprobe, ein Ereignis, welches wie der Name schon ankündigt, in der Weinwelt nur selten eintritt. (Im Unterschied zur Probe des neuen Jahrgangs aus der Steiermark oder dem Weinviertel oder vom Beaujolais, also von Weinen, die gemeinhin weder über Auktionshäuser vertrieben und auch nicht in Weinlexikonen beschrieben werden.)

Vergangenen Freitag fand abends eine dieser Raritätenproben in Wien statt. Ausgerichtet von Katharina Wolf aus Steinbach am Attersee, der jüngsten Spitzenweinhändlerin Europas, die unter anderem mit Weinen handelt, die kaum mehr zu haben sind. Sie treibt die Raritäten auf Auktionen auf, kauft am liebsten bei den Weinmachern selbst oder stöbert in den Weinkellern großer Weinsammler. Die Weine, die es im Steirereck zu probieren gab, gehören zu den wertvollsten der Welt. Einige davon genießen unter Sammlern Legendenstatus.

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Was diese Weine allesamt so besonders macht, ist die Art ihres Ausbaues, die es möglich macht, Weine jahrzehntelang zu genießen. Vor allem im Bordeaux, im Burgund und auch in Deutschland galt es früher als großes Qualitätszeichen eines Weins, wenn dieser Wein lange Lagerfähigkeit und sogar ein großes Entwicklungspotential besaß. In den letzten Jahren hat sich gerade in den klassichen Weinbaugebieten Bordeaux und Burgund, allerdings auch im Piemont und der Toskana der Trend zum schnellen Geschäft durchgesetzt. Die Weine, die in Asien und Russland, aber auch in Amerika großen Zuspruch finden, sollen vor allem sofort trinkbar sein. An der Beobachtung der Entwicklung eines Burgunders oder Merlots über Jahrzehnte hat da niemand Interesse.

Doch alte Weine haben nicht nur Sammlerwerte, sie sind auch ein Trinkvergnügen. Wenn man sich darauf einlässt und Nase und Gaumen von Kennern führen lässt. Die Probe im Steirereck wurde moderiert von falstaff-Chefredakteur Peter Moser, der in Europa als eine der kompetentesten Weinnasen gilt, und sich über Jahrzehnte auch bei den eher zurückhaltenden Besitzern der bordelaiser Spitzen-Chateaus großen Respekt erworben hat.

So kamen im Steirereck auch die weniger erfahrenen Altweintrinker in den Genuss, verschiedene Jahrgänge zu differenzieren. Und zu erkennen, welche Vitalität im Glas ein 1938er Chateau Cheval Blanc verströmen kann, oder dass der Jahrgang 1989 des Pomerol-Chateaus Le Gayr zu Recht als einer der besten des Chateaus gilt.

Von diesen Weinen gibt es nur noch ganz wenige Flaschen auf der Welt und es kann sein, dass es sogar die letzten Flaschen waren, die im Steirereck geöffnet wurden.

Für die junge Weinhändlerin war es eine Premiere, die erste große Weinprobe weg von Zuhause in Steinbach am Attersee. Andere sollen folgen. Während üblicherweise bei den Weinproben der Wolfs am Attersee auch im Haus zu den Weinen gekocht wird, servierte diesmal Heinz Reitbauer eine Auswahl seiner Kreationen, von denen viele das Zeug haben, zum Signature dish des Hauses zu werden. Manche seiner Ideen, wie der Saibling in Honigwachs, werden auf den Treffen der Welt-Avantgarde-Köche bereits herumgereicht und bestaunt wie essbare Kunstwerke. Reitbauer ist der einer der ersten Köche, welche die Verwendung von Meeresfischen zugunsten von Fischen aus heimischen Gewässern fast gegen Null reduziert haben.

Genial die Paarung eines vegetarischen Gerichts aus Chioggia-Rüben, die in Salz gegaart wurden, mit Schwarznessel, Haselnüssen und Würz-Tapenade, die dem immer als etwas eigenwillig beschriebenen Rotweinen von Chateau Figeac (Kenner sprechen vom berühmten „Figeac-Stinkerl“) perfekt Paroli boten. Zu exzellenten Roten muss es nicht immer Fleisch sein.

Obwohl die Steirereck-Crew dann doch ihre Trümpfe aus dem Carnivoren-Portefeuille ausspielte: Schneeberg-Ente mit gebratenem Sprossen-Salat, schwarzem Rettich und Erdnuss; über Holzkohle gegrillter Almochse mit Schwarzwurzeln, Feigen (als Bestandteil einer Mayonnaise!) und Bleichsellerie und ein geschmortes Kalbsschulterscherzel mit schwarzen Trüffel.

Wie sieht eine Probe dieser Art aus? Es geht vor allem darum, die feinen Nuancen der alten Weine zu würdigen und da spielt die Nase eine große Rolle. Muss sie auch, denn zu schlucken gibt es nicht viel. Von einem Wein werden vier Jahrgänge in vier Gläsern, sogenannten Flights, wie die Weinprofis sagen, serviert. Oft teilen sich zwei Gäste einen Flight. Gäbe es viel von den alten Weinen, hieße es nicht Raritätenprobe.

Dann wird geschnüffelt, probiert, gegenverkostet und schließlich macht man sich ein Bild.

Ist der Wein noch in Form? Beweist er Standhaftigkeit über die Jahrzehnte? Ist es gar ein Wein aus einem Jahr, das früher als mittelmäßig galt, und der sich aber überraschend in gutem Zustand erweist? Hat er noch Säure und Balance, wie steht es ums Bouquet und was erkennt man darin? Kirschen, Pflaumen, Cassisnoten können es sein, aber auch Tabak, nasses Leder oder feuchter Boden, dann natürlich Schokolade oder Rösttöne wie bei Kaffee.

Die meisten Weine, die weltweit auf Flasche kommen, eignen sich für den schnellen Genuss. Manche aber, vor allem die aus den alten Weingegenden in Frankreich, gehören ob ihrer jahrzehntelangen Haltbarkeit zu den spannendsten Dingen im Leben der Weinfreunde. Wein ist lebendig, ändert mit der Zeit nicht nur die Farbe (Weißweine werden dünkler, Rote werden heller), sondern vor allem die Bandbreite an Aromen so ziemlich komplett..

Alte Weine von berühmten Winzern und Chateaus sind nicht billig. Der Wert der Flaschen, die im Steirereck geöffnet wurden, betrug 35.000 Euro. Wie viel jeder der 34 Gäste der Raritätenprobe zu entrichten hatte, kann man sich ungefähr vorstellen. Sie kamen aus Vorarlberg, Bayern und aus Bordeaux, wie die berühmten Oenologen und Besitzer von Chateau Lafleur, Julie Grésiak und Baptiste Guinaudeau oder von der Mosel, wie Katharina Prüm vom Weingut J.J.Prüm, dessen Rieslinge zu den besten und gesuchtesten in Deutschland zählen.

Einige Weine erzählten eine Geschichte, andere ließen auf Zukünftiges schließen. Der 1989er Lafleur zum Beispiel war so gut, dass man vermuten darf, dass er in 30 oder 40 Jahren zu den begehrtesten Weinen dieses Jahrgangs zählen wird. Falls Sie jetzt überlegen, ins Spekulationsgeschäft mit Weinen einzusteigen, vergessen Sie’s lieber. Die Zeiten, in denen man französische Rotweine aus Bordeaux oder Burgund zu halbwegs leistbaren Preisen kaufen konnte, um später von den Preissteigerungen zu profitieren, sind fürs erste Mal vorbei. Russische, chinesische (neuerdings auch indische) Milliardäre sehen in ihnen ein Prestigeobjekt und die durchschnittlich vermögenden Weinfreunde aus der alten Welt haben da genauso wenig Chancen wie Superman-Comic-Fans auf die Erstausgabe oder Philatelisten auf die blaue Mauritius.

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