Genuss
28.05.2013

Total Vegan

Einst als sonderbare Birkenstock tragende Zeitgenossen verschrien, sind Veganer und Vegetarier heute die Trendsetter der jungen Generation.

Der Umfang seines Oberarms beträgt 50 Zentimeter und sein Gewicht 116 Kilogramm bei einer Größe von 1, 71 Metern. Ganz schön mächtig dieser Patrik Baboumian. Wie es sich für den stärksten Mann Deutschlands gehört. Kniebeugen macht er mit links und 310 Kilogramm auf seinen Schultern. Bewundernswert, doch der Wow-Effekt in Zeiten von Bestleistungen im Sekundentakt fehlt – bis man erfährt, das Baboumian Veganer ist. Mit 26 aus Tierliebe von Misch- auf fleischlose Kost umgestiegen, „wusste ich nicht, wie sich das auf meine Leistungen auswirken würde“, erzählt er in einem Video der Tierschutzorganisation Peta. „Und dann habe ich eine Leistungsexplosion erlebt.“

Muckis ohne Fleisch

Die alte Mär vom Stück Fleisch, das Kraft und Energie gibt, glaubt heute keiner mehr. So wie das noch vor einigen Jahren gängige Vorurteil, Vegetarierer würden krank aussehen. Von Wissenschaftlern längst widerlegt, verzichten nicht nur immer mehr Menschen auf Fleisch, sondern wagen sich sogar an die Königsdisziplin der Ernährung heran: Veganismus, bei dem komplett auf tierische Produkte verzichtet wird. Neuestes Aushängeschild der Generation „vegan und sexy“: Attila Hildmann, angehender Physiker, der vom Hobby- zum Kultkoch avancierte und mit seinem Kochbuch „Vegan for Fit“ einen Besteller landete. Auch Felix Hnat bedient sich gerne seiner Rezepte. Der Obmann der Veganen Gesellschaft Österreichs war, wie einst auch Hildmann, Fleischesser, ehe er mit 18 Jahren nach Berichten über Lebend-Tiertransporte zum Vegetarier und später zum Veganer wurde. „Mein Onkel ist Biobauer und erklärte mir, dass Fleisch untrennbar mit der Milchwirtschaft verbunden ist. Tiere geben nur Milch, wenn sie Kälber bekommen, von denen die männlichen zu Kalbfleisch werden.“

Immer mehr Veganer

Das konnte Hnat nicht auf sich sitzen lassen. Seither verzichtet er neben Fleisch und Fisch auch auf Eier und Milchprodukte und findet dabei immer mehr Gleichgesinnte, wie die Zuwachsraten der veganen Gesellschaft zeigen. Seit 2009 steigt die Zahl der Neumitglieder jährlich um 25 Prozent. Einen großen Einfluss darauf haben auch die zahlreichen Lebensmittelskandale. „In der letzten Zeit hatten wir 16 Lebensmittelskandale. 15 hatten mit Fleisch zu tun, und einer mit Sojasprossen, wobei hier verunreinigter Tierkot für den Skandal ausschlaggebend war.“ Mittlerweile liegt der Anteil der Vegetarier in Österreich bei 5 Prozent, 0,5 Prozent sind Veganer. In Wien, das als Hauptstadt des Vegetarismus gilt, liegen die Werte bei 7 und 0,7 Prozent. Sie dürfen sich aus dem veganen Schlaraffenland bedienen, während Hnat, bis vor zwölf Jahren beim Einkauf noch vor vielen Problemen stand. „Damals waren Sojamilch und Gemüseaufstrich die einzigen Produkte, die man kaufen konnte – und das zu horrenden Preisen. Heute hat man die Auswahl.“ Ketten wie „Spar“ bieten eigene „Veggie-Linien“ an, dazu kommen Biomärkte wie „Denn’s“ mit einem Warenangebot, das Veggie-Herzen höher schlagen lässt.

Im Juni eröffnen in Wien die ersten beiden rein auf vegane Produkte spezialisierten Geschäfte, wo es unter anderem das von Hnat geliebte Sojahack geben wird. Das schmeckt wie Faschiertes und dient Veganern als Fleischersatz. Wozu Veganer das wohl brauchen? Hnat: „Es gibt viele Veganer, die Fleischgeschmack und deftige Küche lieben. Ich gehöre definitiv dazu.“

Keine Kuhmilch

Der Sommer – die schönste Jahreszeit? Nicht für Veganer in Wien. Die "Normalos" schlecken genüsslich an ihrem Stanitzel, das mit Eis auf Milchbasis gefüllt ist. Für Veganer ein Tabu, verzichten sie doch auf alle tierischen Produkte. Zwar führen einige Wiener Eissalons vegane Eissorten wie der Eis-Greissler sein Birnen-Eis oder der Eissalon am Schwedenplatz sein Zitronen- oder Melonen-Eis, aber meistens bieten die Eissalons Sorbets und keine cremigen Eissorten an. Alles wird jetzt anders: Heute eröffnet der Eissalon Veganista in der Wiener Neustiftgasse. Das Konzept von den Schwestern Cecilia Blochberger und Susanna Paller umfasst 18 Eissorten auf Basis von Soja-, Reis-, Hafer- und Kokosmilch. Für beide "eingefleischten" Veganerinnen war es unerträglich, dass die Eissalons das vegane Eis in den gleichen Eismaschinen herstellen, wie die "normalen" Eissorten.

Reis, Hafer, Kokos und Reis

Ganz besonders mundet Orange-Safran-Olivenöl, das nur einen Schuss Sojamilch braucht. Die Orangen musste der Bruder zwei Nächte zuvor per Hand auspressen. So viel Engagement schmeckt man. Die Sorten Mandel-Kokos, Banane und Pekannuss bestehen aus Hafermilch, Mohn-Eis aus Reismilch. Die Kugel kommt im Veganista auf 1,6 €. Cecilia, die ältere Schwester verzichtet schon seit 28 Jahren auf tierische Produkte: "Als ich 12 war, hat es Klick gemacht: Damals hab ich mich so gegraust davor, als Blut aus dem Steak quoll. Veganerin in einem 300 Einwohner-Dorf im Burgenland zu sein, war damals gar nicht so easy." Susanna Paller, die der kreative Kopf der beiden ist und sich für die Rezepten verantwortlich zeigt, ergänzt: "Als ich mich vor 15 Jahren dazu entschloss, standen ethische Gründe im Vordergrund. Es werden aber immer mehr Gründe. Sich vegan zu ernähren, war vor 20 Jahren viel schwieriger als heute." Damit Susanna Paller auch wirklich theoretisch eine Ahnung vom Gelati machen hat, absolvierte sie in New Jersey die "Ice Cream University". Für sie stehen regionale Produkte im Vordergrund – lieber tiefgekühlte heimische Erdbeeren als chilenische. Exotische Sorten wie Mango stehen aber natürlich auch auf der Liste. Auf fünf Liter Erdbeer-Eis kommen 2,5 bis 3 Kilo Erdbeeren.

Das Schwestern-Duo arbeitete bereits die vergangenen Jahre zusammen, als Cecilia Blochberger die österreichischen Lush-Filialen (Kosmetikbereich) betrieb. Die Gründung eines veganen Eissalons spukte Blochberger drei Jahre lang im Kopf herum, aber erst diesen März entschieden sie sich für das kleine Geschäftslokal in Wien-Neubau. Übrigens sind auch Becher und Löffel kleine Trendsetter: Sie bestehen aus Zuckerrohr.