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Interview
10/23/2016

Nestlé-Chef: "Ich faste täglich 12 Stunden"

Der Top-Manager skizziert in seinem Buch die Zukunft der Essens.

von Ida Metzger

Er ist Österreichs mächtigster Manager-Export. Peter Brabeck-Letmathe (72) hat in den vergangenen 50 Jahren beim Weltkonzern Nestlé eine steile Karriere hingelegt. In sechs Monaten wird er als Verwaltungsratspräsident des Multikonzerns, der alles von KitKat bis Maggi produziert, abtreten. Zum Finale seiner Ausnahmekarriere hat der gebürtige Kärntner ein Buch über die Zukunft des Essens geschrieben. In "Ernährung für ein besseres Leben" (Campus-Verlag) gibt er Einblicke, wie die Fortschritte der Biowissenschaften den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit in einem anderen Licht erscheinen lassen.

KURIER: Herr Brabeck, wie werden wir uns in 15 Jahren ernähren? Werden wir statt echter Lebensmittel Flüssignahrung zu uns nehmen?

Peter Brabeck: Nein, im Grunde werden wir uns nicht viel anders ernähren als heute. Aber wir werden die Lebensmittel, die wir essen, gezielter verwenden. Die Zusammensetzung der Ernährung wird immer personalisierter werden. Von Flüssignahrung halte ich nichts. Das ist etwas für Fanatiker.

Wird dann jeder von uns einen Lebensmittelausweis bei sich tragen?

Nein, das nicht. Aber man kann im frühem Kindheitsalter Krankheiten dank Biomarker diagnostizieren, die im späteren Alter auftreten können. Wenn man diese Krankheiten erkennt, bevor überhaupt Symptome dafür auftreten, könnte man in der Lage sein, daraus neue therapeutische Ansätze für die Prävention und Behandlung von Krankheiten zu entwickeln und entsprechende Ernährungskonzepte anzubieten.

Gesundes Essen wird heute mit Bioprodukten assoziiert, aber nicht mit Nestlé.

Auch ich esse gerne den Speck und die Paradeiser vom Bio-Bauern, aber nur mit den Bio-Bauern kann man keine Megastädte ernähren. Die zweite Frage ist, kann sich das jeder leisten? Wenn ich nur fünf Dollar am Tag zur Verfügung habe, dann muss ich schauen, wie viele Kalorien bekomme ich dafür, um meine Familie zu ernähren. Die Aufgabe der Lebensmittelindustrie ist nicht nur, die Kalorien zur Verfügung zu stellen. Das haben wir die letzten 150 Jahre gemacht. Wir müssen die Qualität der Kalorien heben.

Eine Erkenntnis aus Ihrem Buch ist, dass Fettleibigkeit nicht eine Sache von Disziplinlosigkeit ist. Das wird viele dicke Menschen aufatmen lassen.

Durch die Forschung hat man entdeckt, dass der Magen-Darm-Trakt über vier verschiedene Informationskanäle mit dem Gehirn verfügt. Diese Mikrobiom-Darm-Gehirn-Achse beeinflusst nicht nur unsere Ernährung, Verdauung, den Stoffwechsel und das Körper- gewicht, sondern auch das Immunsystem. Nachgewiesen wurde, dass die Zusammensetzung des Mikrobioms eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Übergewicht aufweist. Also nicht die Disziplinlosigkeit erzeugt Übergewicht, sondern das Mikrobiom in unserem Darm schreit nach Nahrung.

Sie sind jetzt 72. Wie stellen Sie sich den 70-Jährigen in 25 Jahren vor? Wird 70 das neue 50 werden?

Ich bin durch gesundheitlich schwierige Zeiten gegangen. Einen Teil, den ich im Buch beschreibe, habe ich selbst ausprobiert.

Was zum Beispiel?

Als ich drei schwere Chemotherapien machen musste, haben die Nestlé-Wissenschaftler eine eigene Ernährung für Krebspatienten entwickelt. Die gibt es heute in Apotheken zu kaufen. Das hat mir geholfen, dass ich jeden Tag im Büro sein und in der gleichen Zeit den Hubschrauberpilotenschein machen konnte. Heute esse ich ausgewogen, und seit über 30 Jahren versuche ich, nur sechs Stunden zu essen, sechs Stunden zu verdauen und zwölf Stunden am Tag faste ich. Ich gehe noch Bergsteigen und will 2017 den Pilotenschein für Düsenflugzeuge machen. Hätte man sich das vor 20 Jahren vorstellen können?

Nestlé steht in der Kritik die Wasserrechte aufzukaufen und die Wasserquellen so auszubeuten, dass die Bevölkerung keinen freien Zugang zu frischem Wasser hat. Wasser ist ein Grundnahrungsmittel, wie passt das zum Buchtitel "Ernährung für ein besseres Leben"?

Dieses Thema wird rein emotionell geführt. Wir haben absolut kein Interesse, eine Quelle trockenzulegen. Wir sind Besitzer von San Pellegrino. Es wäre ein großer Schaden, wenn eine Nestlé-Quelle trocken wäre, daher haben wir ein absolutes Interesse an einer nachhaltigen Nutzung. Wenn Sie sich anschauen, wofür heute Wasser verbraucht wird: In Kalifornien gab es gegen unsere Wasserabfüllanlagen Klagen. Unsere Wasserabfüllanlage verbraucht so viel Wasser wie zwei Golfplätze in unmittelbarer Nähe, die 600 Personen nutzen. Wir aber reservieren Wasser für Menschen. Die Kritik ist rein emotional. Es ist eine ideologische Position, dass ein Großkonzern keine Wasserquellen besitzen darf. Ich mache sicher keine Konkurrenz zu Trinkwasser.

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