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Geflügel
06/25/2014

Was ist ein Chlorhuhn?

Ganz Europa fürchtet sich vor dem Chlorhuhn, aber was ist das eigentlich? Hier die Antworten.

von Anita Kattinger

Was ist ein Chlorhuhn?
Nach der Schlachtung muss Geflügelfleisch rasch verarbeitet werden, damit sich krankmachende Keime nicht ungehindert vermehren können. Die amerikanische Geflügelwirtschaft setzt auf Bestrahlung (u.a Röntgenstrahlen) und auf Wasser, das mit Chlordioxid versetzt ist. Nach dem Schlachten und Ausnehmen werden die gerupften Hühner durch ein eiskaltes Chlordioxid-Bad gezogen, um sie zu desinfizieren. Auf den Hendlverpackungen wird der amerikanische Konsument auf die Behandlung hingewiesen.

Darf in Österreich Fleisch mit Chlor desinfiziert werden?
Nein, seit 1997 ist der Einsatz von Chlor nach der Schlachtung und der Import von Chlorhühnern in die Europäische Union verboten.

Auf welche Technik setzt die österreichische Geflügelwirtschaft stattdessen?
Nach der Schlachtung kommt das Geflügel für ca. 60 Sekunden bei 60 Grad in ein Wasserbad, dadurch wird das Fleisch gereinigt und es lässt sich leichter rupfen. Nach dem Rupfen folgt das Ausnehmen, danach gelangen die Hühner in die Kühlkammer, wo sie innerhalb von 60 Minuten auf 4 Grad gekühlt werden. Bei so niedrigen Temperaturen können sich Bakterien zwar nicht mehr vermehren, sie werden aber auch nicht abgetötet. Das passiert erst beim Kochen über 70 Grad für mindestens 15 Sekunden.

Ist das Chlorhuhn für den Menschen gesundheitsschädlich?
Die Antwort lautet nein. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit kam zu dem Schluss, "dass auf der Grundlage der verfügbaren Daten unter den vorgeschlagenen Verwendungsbedingungen keine Sicherheitsbedenken bestehen". Auch eine mögliche Resistenz gegenüber anderen antimikrobiellen Wirkstoffen lasse sich nicht beweisen, wenn man Chlordioxid nach der Schlachtung einsetzt.

Was ist Chlordioxid?
Eine chemische Verbindung aus Chlor und Sauerstoff. Chlordioxid wird als Bleichmittel, in der Trinkwasseraufbereitung oder zur Desinfektion, beispielsweise im Schwimmbad, eingesetzt. Eine hohe Dosis Chlor wirkt stark ätzend auf die Haut und kann sogar zu Atemstillstand führen.

Setzt die österreichische Landwirtschaft Chlordioxid ein?
Ja, in Österreich ist die Chlorung von Tränkwasser für Vieh erlaubt. Die Österreichische Trinkwasserverordnung erlaubt 0,4 bis 0,2 mg pro Liter. Im Vergleich dazu braucht es die 10 – 15-fache Menge zum Desinfizieren (Gebäudereinigung). Leider gibt es keine Zahlen, wie viele österreichische Betriebe Dosieranlagen für Chlordioxid im Stall einsetzen. Markus Miniberger, Geschäftsleiter derLudwig Wassertechnik: "Im Stall herrschen Temperaturen, die wunderbare Lebensbedingungen für Bakterien schaffen. Hühner picken im Stall Fäkalkeime auf. Wenn sie dann Wasser trinken, lösen sich die Keime vom Schnabel und gelangen in das Tränkwasser. Die Tiere erkranken und es wäre Antibiotikum nötig."

Lässt sich die Geflügelwirtschaft in den USA mit Österreich vergleichen?
Michael Wurzer, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft: "Anders als in den USA und Deutschland haben wir ein umfassendes Vorsorgeprinzip: Bei uns übernimmt der Amtstierarzt die Untersuchungen am Geflügelhof, Vertuschungen von unhygienischen Haltebedingungen sind nicht möglich. Zudem haben wir eine Geflügelversicherung für die Landwirte eingeführt, die den Geflügelzüchtern hilft, wenn sie von Ausfällen bedroht sind."

Wie stark ist österreichisches Geflügel keimbelastet?
Im Jahr 2012 waren laut dem Gesundheitsministerium 11 Prozent (20 von 178) der untersuchten Proben von rohem Hühnerfleisch von Salmonellen betroffen (Download). Zudem 10 Prozent (sieben von 73) der Proben von Putenfleisch.

Wie viele Menschen erkranken an Salmonellen oder Campylobacter?
In der EU und in Österreich erkranken mehr Menschen an Campylobacter als an Salmonellen. Laut dem österreichischen Zoonosenbericht 2012 (Download) erkrankten in Österreich 1729 Menschen an Salmonellen-Infektionen und 4.710 an Campylobacter. Beide Werte liegen über dem EU-Schnitt pro 100.000 Einwohner.

Warum sehen Verbraucherschützer das Chlorhuhn als Tabu?
US-Landwirte argumentieren gerne, dass Chlorhühner den amerikanischen Konsumenten gesundheitlich nicht schaden. Europäische Verbraucherschützer befürchten jedoch ein Aufweichen der hygienischen Standards in der Massentierhaltung: Wenn das Geflügel nach der Schlachtung in ein Chlor-Bad getaucht wird, wozu vorher noch eine hygienische Haltung gewährleisten? Namhafte deutsche Experten vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung haben sich zuletzt für das Chlorhuhn ausgesprochen.

Müsste man zu Hause weniger achtgeben, wenn man ein Chlorhuhn zubereitet?
Nein. Jedes Fleisch ist eine Brutstätte für Bakterien. Nach dem Berühren von rohem Fleisch müssen immer die Hände gewaschen werden, Messer und Arbeitsfläche sofort mit heißem Wasser abgespült werden. Salmonellen und Campylobacter verursachen wässrige, blutige Durchfälle, Bauchschmerzen und Fieber.