© Felix Diewald

15. Bezirk
09/09/2016

Die verrückte Geschichte der Pizzeria Mafiosi

Ghassan Al-Omari aus Damaskus startet vor 26 Jahren die Pizzeria Mafiosi. Es ist die billigste der Stadt. Das Konzept geht auf wie ein guter Pizzateig und bald kennt jeder das Rudolfsheimer Lokal.

von Felix Diewald

20 Kilo Gouda
10 Kilo Schinken
10 Kilo Salami
10 Kilo Speck
10 Kilo Mehl
3 Kilo Knoblauch
6 Dosen à je 2,5 Kilo Paradeiser
6 Dosen à je 2,5 Kilo Ananas
1 Kiste Cola
1 Kiste Fanta
2 Kisten Wieselburger

Das ist die Einkaufsliste für heute. Wie immer betritt Ghassan Al-Omari pünktlich – das lernt man so beim Militär – um zehn Uhr seine Pizzeria Mafiosi. Er kontrolliert Kühlschränke, Material, Geräte. Und speichert im Kopf, was fehlt. Anschließend fährt er mit seinem kleinen blauen Mazda, Baujahr 96, nach Vösendorf einkaufen zum Metro (Mitgliedskarte, -10%) und kehrt in die Reindorfgasse 15 zu seinem Lokal zurück.

Al-Omari in seiner Pizzeria

Gut laufende Hipster-Pizzerien in Wien haben zumindest einen Show-Backofen hinter Plexiglassscheiben. Oder wie die Disco Volante in der Gumpendorferstraße sogar eine riesige Discokugel drinhängen. Die Pizzeria Mafiosi hebt sich von dergleichen Lokalen angenehm ab wie Rucola vom Pizzakäse: Seit sechsundzwanzig Jahren hängen diesselben Fischernetze im Achtziger-Style von der Decke, spiegelt diesselbe Holzvertäfelung den Kerzenschein. Im Lokal laufen Robbie Williams, Michael Jackson, Justin Bieber, solche Sachen.

Wer durch die dunklen Innenräume der Pizzeria Mafiosi tritt, gelangt in einen ruhigen Schanigarten. Versteckt liegt er im Innenhof des Hauses. In der Mitte des Hofs – platsch platsch – steht ein Springbrunnen. Es ist noch früh am Mittag und kaum ein Gast im Lokal. Herr Al-Omari, ein kleines Soda-Zitron und ihre Geschichte von Anfang an, bitte.

Herr Al-Omari nimmt in einem kleinen grünen Gartenstuhl Platz und beginnt zu erzählen: "Nach dem Baccalauréat im Jahr 1978 bin ich von Damaskus in die damalige Tschechoslowakei." Al-Omaris mächtige Statur verleiht ihm eine Stimme, so tief ist wie das Lohnniveau von Rudolfsheim-Fünfhaus, Wiens ärmstem Bezirk.

Die berühmt billigen Preise der Pizzeria Mafiosi:
Schaffst du es, sie zu erraten?

Zu Zeiten des Warschauer Pakts zieht es viele Syrer zum Studieren in die kommunistischen Länder Europas. So nimmt auch der junge Al-Omari Teil an einem Austauschprogramm für junge Militärs. Ein Jahr lernt er Tschechisch in Prag und studiert daraufhin vier Jahre in Brünn.

Nach der Ausbildung ist eine Karriere bei der syrischen Armee geplant. Eigentlich. Denn Al-Omari lernt in Brünn seine spätere Frau, die Pädagogikstudentin Dagmar, kennen. Er verzichtet auf die Militärlaufbahn und bemüht sich 1987 um ein Visum bei der österreichischen Botschaft in Prag. In dieser Zeit wird sein Sohn Rami geboren, der in der damaligen Tschechoslowakei aufwächst.

Das österreichische Visum bekommt Al-Omari zunächst für drei Monate. Al-Omari fährt also im August des Jahres 87’ mit Auto, aber ohne Frau Dagmar nach Wien und in den Westen. Dagmar ist es in den vier Jahren bis zum Auseinanderfallen der Tschechoslowakei nur zweimal möglich, nach Österreich zu kommen. Al-Omari hingegen kann seine Frau jedes Wochenende in Brünn besuchen.

Die Pizzeria Mafiosi aus der Luft

Über einen syrischen Bekannten findet Herr Al-Omari eine Stelle als Pizzabäcker im "Mamma Mia" in Wiens neuntem Gemeindebezirk. "Die Syrer", sagt Al-Omari, "die helfen einander". Auch heute noch hört man seinem Deutsch das Arabische deutlich an. Nach drei Jahren als Angestelleter startet Al-Omari sein eigenes Lokal, die Pizzeria Mafiosi. "Ich wollt selber verantwortlich sein für meinen Erfolg oder Misserfolg", sagt er.

Ein gutes – weil verboten klingendes Gerücht – das sich seit jeher so hartnäckig hält wie der Knoblauchgeruch nach einem Mafiosi-Besuch: Wirklich wahr, dass die Pizzeria deshalb so heißt, weil sie nur mit Unterstützung der Mafia so billig sein kann? Keine Antwort, nur glucksendes Lachen. Wenn Herr Al-Omari nicht wie jetzt mit hoher Kopfstimme laut in sich hinein kudert, kann er zuweilen ganz schön böse aussehen.

"Schmäh ohne" sagt Al-Omari, "als Studenten, schwarze Haare, schwarze Sonnenbrillen, waren wir oft am Wochenende in der Stadt unterwegs. Da hieß es immer: Ah, die Mafiosi schon wieder!"

Mit Teig und Seele bei der Sache

Herr Al-Omari, zeichnen Sie bitte eine Linie, wie das Geschäft in den letzten 26 Jahren so gelaufen ist. Sein Strich hat eine Steigung von vielleicht zehn Prozent und nicht einen Ausschlager nach unten. Herr Al-Omari, waren Sie nie gezwungen, auch mal kleinere Pizzen zu backen?

Als er die Mafiosi zum ersten Mal erweitern wollte, habe anfangs Geld für den Umbau gefehlt. Doch auch diese Phase überstand Al-Omari. "Durchaltevermögen", sagt er. Auch etwas, das er im Militäraustauschprogramm gelernt habe.

In Lokal arbeiten Jungs aus dem Libanon und natürlich aus Damaskus. "Die Syrer", sagt Al-Omari, "die helfen einander." Eigentlich habe er nur Männer im Betrieb. "Weil in der Küche ist’s bissl hektisch, vastehst?" Seit drei Jahren ist aber auch eine Frau aus der Slowakei dabei. Als Hilfsköchin begonnen, komme sie klar mit dem Stress. "Dann is das ka Problem", sagt Al-Omari.

In der Küche

In den Neunzigern als Syrer hier ein Restaurant aufzumachen, wie war das? "Kein große Sache", sagt Al-Omari. Er sei von den Geschäftsleuten in der Straße sofort nett aufgenommen worden. Karl Schwing ist seit 10 Jahren einer davon. Er hat sein Büro gleich die Straße runter und ist Bezirksvorsteher-Stellvertreter der FPÖ. Ob er gern in die Pizzeria Mafiosi zum Mittagessen komme? "Na sicher, die lokalen Geschäfte gehören ja unterstützt. Und wenn wir über die Qualität der Pizza reden, die ist auch super."

Vor allem ist die Mafiosi ja für ihre sagenhaften Preise bekannt. Und seit sechsundzwanzig Jahren sind diese unverändert geblieben. "Bei der Schilling-Euro-Umstellung hamma sogar abgerundet", sagt Al-Omari. Wie sich das ausgeht? "Wir verkaufen sehr viel."

Einen Lieferservice brauche er gar nicht anzubieten. Denn die Leute kämen bei dem Preis auch selbst, um sich die Pizza zu holen. Ungefähr neunzig Prozent der Gäste seien Studenten. Und zwar "auch schon zu einer Zeit als der Fünfzehnte noch ned so der coole Bezirk war."

Fischernetze von der Decke im Achtziger-Style

Es wird Mittag und das Lokal füllt sich langsam. Viele aus der Umgebung kommen. So etwa Mirsad, seit vielen Jahren Stammgast und gerade beim Pasta-Essen gestört. Er weiß nur Gutes über die Mafiosi zu berichten. "Und selbst als die Lasagne einmal zu dick war, ham sie das gleich berücksichtigt."

Beim Fotoshooting vor dem Restaurant kommt zufällig die Anrainerin Christine vorbei. Sie begrüßt Herrn Al-Omari charmant, so wie es nur alte Freunde tun: "Wampe einziehen!" Wie findet Christine die Mafiosi? "I dazöh da amoi wos: als mein Sohn amoi s’ Geldbörsel im Restaurant vergisst, wird’s wie selbstverständlich vom Kellner aufg’hoben und sicher verwahrt. Des is ned überall aso."

Eigentlich absurd, aber hat schon mal einer in der wohl günstigsten Pizzeria Wiens die Zeche geprellt Herr Al-Omari? "Ein einziges Mal. Der ist über den Innenhof abgepascht. Aber ist am nächsten Tag wiedergekommen, hat die Pizza bezahlt, plus gutes Trinkgeld. Und seitdem ist er Stammagst, der Leo."

Rudolfsheim Fünf Faust

In all den Jahren hat Herr Al-Omari dem Viertel beim Sich-Verändern zugeschaut. Was ist anders heute? "Die Miete", sagt Al-Omari, "ist ein bisschen raufgegangen, ja." Auch sei in der Reindorfgasse früher mehr los gewesen. Von den vielen kleinen Geschäften sei kaum mehr eins da.

Auf der Straße ruft man Rudolfsheim-Fünfhaus liebevoll "Fünf Faust" und ballt dabei eine Hand zur Faust und die anderen zur Fünf. Ein Relikt aus einer früheren Zeit. Einer Zeit aus der noch etliche Gangster-Stories und Straßenlegenden erhalten sind.

25 Schilling reichten für die Pizzeria Mafiosi, gegenüber kauften sich Kiffer dann ihre Grasdosis.
Haschhütten-Touristen kamen, machten sich bei uns high.
Theo’s Corner 28er war nur ein Bruchteil.

rappt Raf Camora – im Grätzel um die Reindorfgase aufgewachsen – auf dem Song "Fünfhaus". 2013 ist der Künstler als erster Österreicher mit einem Hip Hop-Album auf Platz Eins der deutschen Charts. In einem Interview erzählt Camora wie es in den späten Neunzigern und Anfang der Wende in der Gegend zuging: "Da hat die Polizei, inoffiziell, gesagt: wenn man schon Drogen oder Gras verkauft, dann macht das hier. Von diesen Haschcafés gab’s gute 20 Stück im Bezirk. Da sind auch viele von außerhalb zum Kaufen gekommen. Theo’s Corner war eins davon."

Herr Al-Omari, war die Neighborhood, früher wirklich so oag? Er erinnere sich an die unzähligen Razzien im Theo’s Corner gleich gegenüber. "Aber", sagt er "Künstler übertreiben immer ein bisschen", und lacht beschwichtigend.

"Die Drogenhüttn in der Reindorfgasse, wart wie hat die schnell geheißen?" fragt sich ein hochrangiger Polizist, der seit Jahrzehnten im Viertel Dienst versieht. Kurzer Anruf bei einem Kollegen. "Aja, genau: Theo’s Corner." In den Zweitausendern habe das berüchtigte Café schlussendlich zugesperrt, berichtet der Beamte. "Der Besitzer hat fünf Jahre bekommen."

Die Haschcafés gehören mittlerweile der Vergangenheit an wie der Westbahnhof als echter Bahnhof. Trotzdem: Der Bezirk werde seit jeher von der Stadtregierung vernachlässigt, sagt der Polizist. Die Stadtplanung konzentriere sich vor allem auf Transdanubien und nicht auf West Wien.

Ein letztes Mal zurück in die Pizzeria Mafiosi. In den sogar zu Mittag dunklen Gästeraum. Herr Al-Omari: was bringen die nächsten Jahre? "Ich werd’ nie in Pension gehen. Mein Sohn ist a ITler, der wird’s nicht übernehmen. Ich werd in meiner Pizzeria arbeiten bis zum Ende. Ich kenn’ nix anderes."