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freizeit
06/26/2014

Zukunftsmusik

Jugendliche gründeten das erste Müll-Orchester der Welt. Um den Armenvierteln zu entkommen, basteln sie Instrumente aus Abfall und spielen darauf Klassik. Eine Geschichte aus Paraguay.

von Florentina Welley

Es klingt wie eine Geschichte aus dem Märchen 1001 Nacht: als sich eine Prinzessin auf Reisen begibt, um den sprechenden Baum und den singenden Vogel zu suchen. Wie schön, wenn Wunder manchmal wahr werden. Wie das der Jugendlichen aus dem Armenviertel in Paraguay. Schauplatz ist die Hauptstadt Asunción, in Cateura. Besser gesagt, die Müllkippe in dem Slum, auf der täglich über 1,5 Tonnen Abfälle landen. Hauptakteur ist Favio Chávez, Gründer des Müllorchesters. 2006 hatte der Ökologe und Musiker gemeinsam mit dem Müllsammler Nicolas Gomez eine Idee: Nachdem sie kein Geld für Musikinstrumente hatten, könnten diese ja mit den Fundstücken aus dem Müll gebaut werden. Seitdem entstehen Geigen, Gitarren, Celli – ganz nach ökologischen Kriterien – aus Recyclingstoff. Und die Kinder der etwa 2.500 Familien, die hier leben, haben wieder eine Zukunft.

Denn laut UNICEF ist Cateura das ärmste Gebiet des Landes, mit der höchsten Analphabeten- und Verschmutzungsrate. Die Slum-Kids lernen jetzt auf selbstgebauten Instrumenten Klassik. Etwa Bachs Cello Suite No. 1 in G auf einem Instrument, gemacht aus einer Ölkanne und weggeworfenem Holz. Und die Welt liegt ihnen zu Füßen. Ihr Orchester „Los Reciclados“ hat heute Anfragen für Konzerte in Europa und Amerika und eine eigene Facebook-Fangemeinde.

„Die Welt gab uns Müll. Wir geben der Welt Musik zurück“,

Er lernte die Familien vor mehr als 8 Jahren kennen, als er an einem Müll-Recycling-Projekt in Cateura arbeitete. Als Umwelt-Ingenieur mit musikalischem Background hatte er bald den Plan, den Kindern Musikstunden zu geben. Denn über 40 Prozent der Jugendlichen hatten keine Ausbildung, sie mussten mit den Eltern Mist sammeln. Damit wollte der Ökologe vor allem die Kinder von den Müllhalden fernhalten, die ihnen als Spielplatz dienten. „Am Anfang war das sehr schwer, denn wir hatten keinen Platz und mussten am selben Ort, an dem die Eltern im Müll arbeiteten, üben“, sagt Chávez. „Die Kinder hatten keine Ahnung von Musik und es war sehr schwer, die Eltern um Erlaubnis zu fragen. Denn viele Kinder lebten ganz alleine im Müll.“

Als die Eltern sahen, dass die Musik ihre Kinder vom Abfall fernhielt, hatten sie nichts mehr dagegen, dass sie am Musikunterricht teilnahmen. Dazu brauchten sie aber mehr Instrumente als da waren. Und so experimentierte Müllsammler „Cola“ mit Fundstücken wie Dosen, Gabeln, Ölkannen, Flaschenverschlüssen und dergleichen, um daraus brauchbare Blas- und Streichinstrumente zu basteln. „Je öfter die Kinder darauf spielen, desto besser klingen sie“, so Chávez, „mittlerweile klingen sie sogar besser, als die Holzinstrumente made in China.“ Ein weiterer Vorteil der Müll-Instrumente: Sie können nicht auf dem Schwarzmarkt gegen Drogen eingetauscht werden. Das wäre mit gekauften sicher der Fall gewesen. Bekannt wurde das Projekt aber erst vor ein paar Jahren, als die Geschichte des Orchesters als Dokumentarfilm-Teaser „Landfill Harmonic“ bei YouTube auftauchte und eine breite Reaktion auf sämtlichen Social-Media-Kanälen auslöste. Heute spielen mehr als 35 Jugendliche Musik von Beethoven bis Mozart, von den Beatles bis zu alten Volksliedern aus Paraguay. Die Musikschule in Cateura hat zwar noch immer kein eigenes Gebäude, dafür lehrt sie jetzt schon über 200 Kids Instrumente aus Müll zu bauen. „Die Musik“, sagt Direktor Chávez, „gibt den jungen Leuten ein Selbstwertgefühl und damit Hoffnung auf Zukunft.“

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