© Liebieghaus Skulpturensammlung/NORBERT MIGULETZ

freizeit
07/06/2021

Die Statuen waren zu sexy: So sah es in der Antike wirklich aus

Klassisch schön, streng und blütenweiß. So sehen wir seit Generationen das Altertum. Dabei war alles ganz anders, wie uns der Münchner Archäologe Vinzenz Brinkmann in einer aktuellen Ausstellung zeigt.

von Andreas Bovelino

Einfach herrlich: So blau der Himmel und das Meer,  so weiß praktisch alles andere. Häuschen, Felsen, Strände – und natürlich die stummen Zeugen des klassischen Altertums, die Tempel und Statuen des Mittelmeerraums, die uns heute noch faszinieren.

Ein bisschen streng ja beinahe, dieses reine Weiß, das die gesamte Bildhauerei seit der Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance bestimmte. Jungfräulicher Marmor musste es sein, wenn Michelangelo, Donatello oder Bernini ihre Kunstwerke im Geist des Altertums schufen. Und genau so kennen wir diese Zeit der Götter und Helden, der alten Römer und Griechen.
Nur, dass es eben so genau nicht stimmt.

FILE PHOTO: General view of the U.S. Supreme Court building in Washington

Denn: Das klassische Blütenweiß, in dem wir die Antike zu sehen gelernt haben, würde Alexander den Großen ebenso seinen Kopf schütteln lassen wie Aristoteles, Julius Caesar, Augustus, Nero und sogar den stoischen Seneca. Weiß? Von wegen, das pralle Leben sollte sich in den Statuen, Büsten, Reliefs und Tempeln ihrer Zeit widerspiegeln. Und das Leben ist bunt, wie wir alle wissen, manchmal sogar grell, jedenfalls spielt es in allen Facetten, sämtlichen Schattierungen.

Wie kam es dann zum Bild farbloser, dauerphilosphierender Menschen in weißen Leintüchern, das uns seit Schultagen begleitet? „Dieses sonderbare Konzept der farblosen Skulpturen stammt aus der Renaissance“, sagt dazu der Archäologe Vinzenz Brinkmann, dem wir die Wiederentdeckung der farbenfrohen alten Zeit zu verdanken haben.

Naked David

Als, wie bereits angeklungen, die Schönheit antiker Kunst wiederentdeckt wurde, waren die einst satten Farben eben nicht mehr zu sehen. Verblichen in der Sonne, abgewaschen vom Regen – der Lack war quasi ab. Man wusste es also einfach nicht besser.

Und: Die scheinbar entdeckte Schlichtheit der Alten passte gut in die Zeit, Staatsmänner, Philosophen und Aufklärer konnten wunderbar die längst verlorengegangene edle Reinheit der frühen Kulturen heraufbeschwören und als erstrebenswertes Ideal auf ein Podest stellen. „Sie wurden durch das Fehlen jedweder Farbe tatsächlich auf eine höhere Ebene überführt – das funktionierte, weil sie dadurch ihre Nähe und ihre Sinnlichkeit verloren“, erklärt  Professor Brinkmann.

Die Statuen waren zu sexy

Im 19. Jahrhundert, als in Pompeji und Athen unzählige teils noch in kräftigen Farben strahlende Statuen ausgegraben wurden, ließ sich die Sache eigentlich nicht mehr verleugnen, dennoch zog man es vor, die Artefakte zu putzen, um dem altbekannten Bild zu entsprechen – und im Faschismus des 20. Jahrhunderts ging auch das Bewusstsein darüber wieder verloren. „Das war zu sinnlich für diese Zeit“, sagt Archäologe Vinzenz Brinkmann und führt aus: „Das, was an der Statue sexy ist, wird durch den Verlust der Farbe abstrakt.“

Sauber, rein und bei aller Nacktheit doch völlig losgelöst von jeder fleischlichen Versuchung – so wollte man das Altertum sehen. Und genau dafür sollte der jungfräulich weiße Marmor sorgen.

Das Paradoxe an der Sache: Die Künstler des Altertums haben sich vor allem deshalb um möglichst reinweißen Marmor gerissen, weil er sich besser und naturalistischer bemalen ließ als andere Materialien. So haben vor allem die Römer ganz gezielt Marmorkopien vieler griechischer Bronzen gefertigt, um so den Look noch realistischer zu machen.

Wenn man es genau bedenkt, wäre es ja auch merkwürdig, all diese große Kunstfertigkeit aufzuwenden, um möglichst lebensnahe Statuen aus dem Stein zu hauen, um sie dann weiß, also quasi halb fertig stehen zu lassen. Und beim nächsten Urlaub in Italien oder Griechenland können wir ja zumindest versuchen, uns die bunte, sinnliche Welt des Altertums vorzustellen, mit farbenfrohen Reliefs unter den Tempel-Giebeln, die beinahe schon Superhelden-Comics vorwegnehmen, Portalen, die von menschengleichen Koren und Karyatiden getragen werden, farbenfrohen Kleidern an lebensechten Statuen – und ja, auch ganz viel nackter Haut. 

Wer sich für die Reise noch richtig inspirieren lassen will oder sich einfach ein genaues Bild der antiken Farbenpracht machen möchte, sollte das schöne Frankfurt besuchen, wo in der Liebighaus Skulpturensammlung aktuell die Ausstellung „Bunte Götter“ mit den Reproduktionen Vinzenz Brinkmanns zu sehen ist. Denn tatsächlich zu sehen, wie all diese uns nur scheinbar so bekannten Dinge, Statuen, Büsten und Reliefs ausgesehen haben, ist doch ein ganz besonderes Erlebnis.
www.liebighaus.de

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