Transport, Milch, Fleisch, Felle – Rentiere sind die Lebensgrundlage der Nenzen

© Fabrice Dimier

freizeit
12/09/2013

Im Land der göttlichen Wesen

Starke Frauen, Rentiere und sehr viel Schnee: Hoch im Norden, wo die Welt flach und weiß ist, lebt ein einzigartiges Volk nach Jahrhunderte alten Traditionen. Ein Besuch bei den „Nenzen“, den letzten Nomaden Sibiriens.

von Jürgen Preusser

Jamal – das Ende der Welt. Der Name der Halbinsel im Norden Russlands zwischen Karasee und Ob-Mündung sagt alles, aber nicht genug. Hier erleben die letzten Nomaden Sibiriens, was wir als Abenteuer bezeichnen würden. Allerdings täglich.

Galia hat vier Rentiere vor den Schlitten gespannt. Hier sind es die Männer, die zu Fuß durch den Schnee stapfen müssen, wenn es bergauf geht. Meist geht es nur um ein paar Meter, denn das Land kann flacher kaum sein. Die Frauen haben die Zügel fest in der Hand. Leider nicht immer: Bei der Abfahrt von diesem Schneehaufen springen ihre beiden Söhne und ihr Mann auf den Schlitten. Dann bleibt die rechte Kufe an einem Hindernis hängen, ein Rentier stürzt, die Männer kugeln lachend im Schnee herum. „Gut, dass es nicht Ledias Schlitten erwischt hat“, sagt Galia. Ihre Schwester hat ihr Baby neben sich am Kutschbock festgeschnallt. Ein buntes Bündel in den leuchtenden, traditionellen Farben der letzten Nomaden Sibiriens. „Solche Unfälle kommen vor“, sagt ihr Mann Ginjad, während er das Maschinenteil begutachtet, das den harmlosen Unfall verursacht hat. „Solche Dinge lassen die einfach hier liegen, wenn sie Pipelines oder Schienen bauen.“ Doch diese Art von Verschmutzung sei nicht die schlimmste.

Der kräftige Mann mit tiefen Furchen im Gesicht zeigt zum Horizont. Eine Stunde später wird klar, was er meint. Aus dem Grauschleier am Horizont haben sich metallene Ungetüme erhoben. Der stürmische Nordwestwind legt Teile einer gewaltigen Pipeline frei. Neunzig Prozent des russischen Erdgases werden hier gefördert.Hier, am Ende der Welt, prallen zwei Welten aufeinander. Jene der Orge Gazprom und die der Nenzen, einem indigenen Naturvolk, das seine Identität zum Glück nur in ganz kleinen Schritten aufgeben muss. Es ist ein Verdrängungsprozess in der nur scheinbar endlosen Tundra, der nicht ohne Widerstand hingenommen wird. Schulen und berufliche Chancen gegen die Freigabe einiger Gebiete – so lautet der Deal, der zeitweise nur durch viele Kompromisse funktioniert: Eine mehr als 500 Kilometer lange Eisenbahnlinie führt vom Ort Bowanenkowo, wo das derzeit ergiebigsten Erdgasfeld der Welt liegt, mitten durch das Land der Schneenomaden Richtung Süden.

Moskau ist weit. Mehr als 2.500 km weit. Nicht umsonst heißt Jamal auf Nenzisch, der Sprache der auf der Halbinsel lebenden Ureinwohner, „Ende der Welt“

„Früher“, sagt Ginjad, der auch schon bei Verhandlungen mit den Behörden dabei war, „früher haben wir nach zwei Wochen unseren Standort wechseln müssen. Jetzt müssen wir einmal pro Woche unsere Sachen packen.“ Und noch früher, so weiß er aus den Erzählungen der Alten, seien alle Nenzen Nomaden gewesen. Jäger und Fischer, die ihren Rentierherden folgten. Jetzt sind nur noch rund 2000 der sogenannten Wald-Nenzen ständig unterwegs.Insgesamt aber leben 15.000 Nenzen in den kleinen Städten im Süden des autonomen Gebiets der Jamal-Halbinsel. Auf einer Fläche, die fast zwei Mal so groß ist wie Österreich. Die Nenzen sind, obwohl größtenteils sesshaft, jenes indigene Volk Westsibiriens, das noch am ehesten seine traditionelle Kultur bewahren konnte: Drei Viertel aller Nenzen sprechen tatsächlich noch Nenzisch – auch die Jungen. „Wir zahlen einen hohen Preis… die Natur zahlt einen hohen Preis“, sagt Ginjad. Im Gegenzug haben schon zwei junge Frauen aus anderen Familien fertig studieren dürfen und sind jetzt Tierärztinnen. Auch humanmedizinische Versorgung und Hilfe sind garantiert; wenn es sein muss, per Hubschrauber. Djanja, Galias älteste Tochter wird demnächst Ärztin sein – die erste aus ihrem Clan. Man sieht der Mutter den Stolz an. Tränen der Rührung vergießt sie keine. Die wären bei minus 27 Grad eher unangenehm. Im Winter dürfen die Kinder in den kleinen Städten der Halbinsel in die Schule gehen. Im Alter zwischen sieben und 17 Jahren – so steht es in den Verträgen mit der Regionalverwaltung. In Jar-Sale, dem Hauptort der Provinz, befindet sich auch eine höhere Schule. Im Sommer wird der Nachwuchs im Familienverbund gebraucht. Auf diese Weise fällt es leichter, die Eigenständigkeit des Volkes zu bewahren. Da ziehen die Nenzen bis ans Eismeer am Ende der Tundra. Dort oben sind sie, von großen, weißen, gefräßigen Ausnahmen abgesehen, tatsächlich noch unter sich.

Im Winter müssen sie in die südlich gelegene Taiga, weil sie den Schutz des endlosen Nadelwaldes, sein Holz und auch sein Wild brauchen. Verödete Weideflächen und gerodete Wälder – das sind die wahren Bedrohungen, die die Gasindustrie mit sich bringt. Auch die durch Straßen, Schienen und Pipelines unterbrochenen Wanderwege stellen die Rentierzüchter vor schwer lösbare Aufgaben. Darum heißt die Widerstandsorganisation auch „Yasavei – Der den Weg kennt“. Unterstützung kommt vom Dachverband der kleinen Völker Sibiriens und aus Europa. Doch andererseits ist Jamal, das Ende der Welt, Europas wichtigstes Erdgas-Gebiet. Unzählige Haushalte, auch in Österreich, profitieren davon. Und kaum einer weiß, welche Opfer mit diesem so selbstverständlichen Luxus verbunden sind. Die Gasförderung verändert die Umwelt. „Unsere Rentiere finden nicht mehr genügend Flechten“, sagt Tilmej, der zu den jungen Männern zählt, die mit dem Lasso jene Rentiere auswählen, die gerade kräftig genug wirken, um den Schlitten zu ziehen. 1.500 Stück hat er zur Auswahl. Rudolph the red nosed reindeer ist nicht dabei. Sonst wäre seine leuchtend rote Nase von Tilmej schon längst entdeckt worden.Durch seinen Feldstecher erkennt der knappfünfundzwanzigjährige Mann, der die dominanteste Erscheinung unter den jungen Männern ist, ob genügend Flechten an den Stämmen, Steinen und auf dem meist gefrorenen Boden haften. Eine immens wichtige Begabung, denn nur so sind die Tiere immer gleichmäßig genährt. Ist nicht genug Nahrung vorhanden, gibt er den Stammesältesten den Rat, weiterzuziehen. Choum, so nennen die Nenzen ihr wanderndes Dorf. Es besteht aus großen Zelten, in denen jeweils eine Großfamilie Unterschlupf findet. Im größten Zelt wird beraten. Bei guter Witterung auch im Freien am Feuer. Unter anderem wird entschieden, wann der Klan nun tatsächlich aufbrechen soll.Das große, mit Rentierfellen gedeckte Zelt ist aber auch eine der Schlafstätten. Kollektive Wärme wird bisweilen der Privatsphäre vorgezogen. Und wenn die Öllampe erloschen ist, rennt – so würde man anderswo sagen – der Schmäh.Auch bei der Beratung wird viel gelacht. Offenbar ist diese Veranstaltung das gesellschaftliche Ereignis schlechthin. Lebensfreude und Herzlichkeit sind spürbar. Trotz der Kälte – oder gerade ihretwegen.

Vielleicht hat diese menschliche Wärme aber auch einfach nur damit zu tun, dass die Frauen hier mehr zu sagen haben als die Männer. Trotzdem müssen sich gerade die Mädchen und Frauen an strenge Regeln halten: Nicht einmal die Matriarchin darf den mit Pfählen und Schlitten scharf abgegrenzten Choum verlassen. Fast schelmisch steigen besonders die jüngeren Frauen beim Sammeln von Brennholz ab und zu über die Begrenzungslinie. Und sollten die Männer den Choum einmal zu knapp abgesteckt haben, so wird mitunter ganz ordentlich gekeift. Vieles ist anders hier als in unseren Breitengraden – aber eben nicht alles. Fischen, Jagen, Holzfällen, sowie die Aufzucht und Haltung der Rentiere – das alles ist Männersache. „Die Tundra ist zu gefährlich für die Frauen“, sagt Tilmej. „Die Götter wollen das so.“

Eine der Gefahren nördlich des 70. Breitengrades ist weiß und sehr kräftig, heißt ursus maritimus, frisst praktisch alles gern, was in einem Choum so wohnt. Der Eisbär ist eine Art göttliches Wesen hier oben. Aber nicht unbedingt eines von der barmherzigen Sorte. Es ist tatsächlich ein religiöses Prinzip der größten schamanischen ethnischen Gruppe Sibiriens: Die Männer schützen die Frauen vor der Tundra, die Frauen sind für die Harmonie der Familie und den Komfort der Wohnstätten zuständig. Das heißt aber auch, dass sie in der Nacht mehrmals aufstehen müssen, um den Ofen nachzuheizen. Das Schlachten der Tiere sowie die Verarbeitung des Fleisches und der Fische werden gemeinsam erledigt.

„Familie ist alles hier draußen“, sagt Galia. „Und wir Frauen haben die Rute und die Zügel in der Hand.“ Sie lacht laut. Die Männer widersprechen nicht und lachen artig mit. Sie haben akzeptiert, dass die Frauen die Hosen anhaben. „Im Choum und auf dem Kutschbock“, schränkt Tilmej ein. Doch er wagt dies nur zu flüstern. Manchmal, in besonders kalten Nächten, zählen auch die Hunde zum engsten Familienkreis. Dann dürfen sie ins Zelt, um sich selbst und die Menschen zu wärmen. Sie fungieren als lebende Tuchenten. Win-win-Situation nennt man das wohl nicht am Ende der Welt.Kiara, die 14-jährige Tochter von Galia und Ginjad gesellt sich dazu. „Fluch oder Segen“, sagt die Mutter und deutet auf die dünnen weißen Kabel, die unter der Mütze zu Kiaras Ohren führen.

Auch das bringt die öffentliche Schule mit sich: Das Mädchen ist gerade nicht ansprechbar, weil sie auf Facebook unterwegs ist. Vieles im coolen Reich der Nenzen befindet sich jenseits unserer Vorstellungskraft. Aber eben nicht alles.

Dokumentation über die Tschuktschen, ein weiteres indigenes Volk in Sibirien

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