freizeit
06/10/2014

Mein Date mit der Domina

Contessa Juliette war lange Zeit ihr Künstlername, vor Kurzem schrieb die Domina unter diesem Namen ihre Memoiren „Engel mit der Peitsche“. Ich traf die Autorin zum Gespräch über Strenge, Sittenverfall und sexuelle Fantasien. Fazit: So ein Domina-Leben ist auch nicht mehr das, was es einmal war.

von Gabriele Kuhn

Madame Juliette hat ihren Job nicht an den Nagel gehängt, weil sie verlernt hat, den Rohrstock zu schwingen. Rein körperlich wäre sie auch weiterhin dazu fähig, in High Heels und Latexbustier ihre Sklaven zu vermöbeln. Aber die Contessa ist enttäuscht – vom Niedergang der Sitten. Dass man als Akteurin in dem Genre so manche Überraschung erlebt, ist klar. Madame beschreibt das so: „Es kommen einem Dinge unter, wo man sich denkt, das kann nicht sein.“

Mit Details möchte ich an dieser Stelle sparsam bleiben, aber vielleicht Kurioses am Rande: Juliette hatte unter anderem einen Kunden, der sich von ihr die Haare schneiden lassen wollte. Weil es ihn erregte. Zurück zum Thema Sittenverfall: Mit den Jahren als Domina machte sich zunehmend Enttäuschung breit – die Kunden hatten verlernt, was sich gehört. Etwa Respekt beim normalen zwischenmenschlichen Umgang jenseits von S/M. Die Folgen: „Es ging mir in meinem Job zunehmend schlecht. Ich wurde oft enttäuscht von den Kunden. Vom Benehmen, von den Lügen, von der Missachtung.“ Etwa wenn Termine ausgemacht, aber nicht gehalten wurden. Das wär's noch gar nicht. Was ihr vor allem missfiel, waren die immer abstruseren Wünsche, die weniger einem inneren Sehnen entsprangen, als einer Kick- und Konsumsucht: „Man spürt, der meint das nicht ernst, der holt sich während des Telefonats einen runter, weil er sich an der Idee erregt.“ Erfahrungen, die auch eine nach außen hin knallharte Frau mürbe machen können. Vor fünf Jahren hat sie sich deshalb aus dem Mainstream des Business zurückgezogen.

Die Distanz dazu kam auf einer Weltreise. Plus die Erkenntnis, dass sich die Menschen und ihre Lust verändert haben. „Das Virtuelle führt dazu, dass sich viele ihre Sexualität mit sich selbst ausmachen. Viele wissen nicht mehr, wie sich's real mit Partner anfühlt.“ Zudem sei die Reizschwelle gesunken und damit der Raum für Fantasien enger geworden: „Fetisch, extremes Make-up, Stiefel, Nieten, Stacheln, Ketten, Reißverschlüsse – das ist normal in der Mode, sogar in der noblen Via Condotti sehe ich mein ehemaliges Berufsoutfit.“ Das würde sich auf die Wünsche der Kunden auswirken: „Die wollen nur mehr ein bisschen Lack – und Sex. Wie im Bestellkatalog, Körbchengröße und Outfit inklusive.“ Warentausch, also – ohne raffinierte Zwischentöne.

Anders als 1997, das Jahr, in dem Frau Juliette zur „Contessa“ mutierte und sie „einen neuen Stil“ einführte. Elegant, exquisit – sündteuer. Und: „Ich hatte immer Achtung vor den Bedürfnissen, die dieser Mensch in diesem Moment mitbrachte.“ Dafür mussten die Kunden dann auch nichts „tun“ außer Gehorsam – nicht denken, nichts leisten. „Auch keine Frau glücklich machen, was ja oft als sehr anstrengend erlebt wird.“ Apropos: Glauben Sie an Monogamie, Juliette? Klare Ansage: „Nein, da habe sie zu viel gesehen, zu viel gehört, zu viel erlebt.“ Ihr Blick wird kühl. Für Paare hat sie trotzdem einen Tipp parat: Fantasie, etwa in Form von Rollenspielen. Es sei außerdem wichtig, über Träume zu sprechen. „Geht in ein Stundenhotel, macht was, das einen Kick bringt. Etwas Halbseidenes – denn alles ist im Kopf.“

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