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Freizeit-Serie
10/17/2013

Die Sammlerin

Eine Frau mit großen Leidenschaften: Peggy Guggenheim liebte Kunst und Männer. Die Männer gingen, die Kunst blieb.

von Barbara Mader

Da war diese Nase. Als junges Mädchen wollte Peggy sie operieren lassen, aber die Schönheitschirurgie war 1920 noch nicht so weit und der Plan scheiterte. Die prominente Nase, nach Familientradition kartoffelförmig, blieb.

Das hinderte die spätere Kunstsammlerin und Mäzenin Peggy Guggenheim nicht daran, ein außerordentlich reges Liebesleben zu führen. (Über das sich der Maler Jackson Pollock, den sie förderte und mit dem sie eine Affäre hatte, widerlich geringschätzig äußerte).

Sie hatte Geld, Verstand, Charisma: Bei Männern würde man nicht zögern, von diesen Attributen auf Sex-Appeal zu schließen. Bei Peggy Guggenheim jedoch schwingt, wie so oft bei Frauen, die Forderungen ans Leben stellen, eine gewisse Missbilligung mit, wenn es heißt, sie habe Männer ebenso wie Kunst gesammelt. Außer Frage steht, dass sie beides liebte. Als sie 1941 den berühmten Surrealisten Max Ernst heiratete, antwortete sie auf die Frage, warum sie sich in ihn verliebt habe: „Weil er so schön und so berühmt ist.“

Marguerite „Peggy“ Guggenheim, geboren am 26. August 1898 in New York, kämpfte ihr Leben lang um Anerkennung. Sie wollte Macht, Sex und sie wollte mitreden. Das ist ihr gelungen: Peggy Guggenheim hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts mitgestaltet. Die Nichte von Solomon R. Guggenheim, dem Stifter des gleichnamigen Museums in New York, legte mit Werken von Picasso, Mondrian und Brancusi den Grundstein für eine der bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst.

Der Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande beherbergt die Peggy Guggenheim Collection mit Werken von Picasso, Miró, Magritte, Kandinsky, Mondrian, Pollock, Max Ernst, Paul Klee, Henry Moore, Modigliani, Giacometti und vielen anderen. Rechte Seite Peggy Guggenheim vor einer Skulptur von Alexander Calder, 1961

Ihr Vater, der Geschäftsmann Benjamin Guggenheim, war beim Untergang der Titanic ums Leben gekommen. Er hatte seinen Platz im Rettungsboot an eine Dame abgetreten und war damit seinem Ruf als Frauenheld bis in den Tod treugeblieben. Peggy, damals 14, war das, was man heute „armes, reiches Mädchen“ nennt: Schon in jungen Jahren rebellierte sie gegen gesellschaftliche Normen, wollte ihr eigenes Leben leben. Als Peggy volljährig wurde, erhielt sie ein Erbe von 450.000 Dollar, das sie von ihrer Familie unabhängig und es ihr möglich machte, ihren Hunger auf Kunst und Glamour zu stillen. Nach einem Volontariat in einer New Yorker Avantgarde-Buchhandlung, wo sie erstmals mit Künstlerkreisen in Berührung kam, zog Guggenheim nach Paris, wo sie die Partys einer Generation mitfeierte, die ihre Illusion im Krieg verloren hatte. Hemingway, Man Ray, Scott F. Fitzgerald, Djuna Barnes – sie lernte hier die Bohème kennen und gab rauschende Feste, von denen ganz Paris sprach. Sie lernte Marcel Duchamp kennen, der ihr die Moderne Kunst erklärte und Man Ray, der eine Porträtserie von ihr fotografierte.

Die Ehe mit dem französischen Maler und Bildhauer Laurence Vail, aus der ihre Kinder Sindbad (1923–1986) und Pegeen Vail (1926–1967) stammten, wurde nach acht Jahren geschieden, Vail übertrieb es mit dem Alkohol, und sie hatte sich in den muskulösen Schriftsteller John Holmes verliebt, mit dem sie ein Landhaus bezog. Das Glück währte nicht lang, er starb früh.

Ihre Karriere als Kunstsammlerin soll mit einer Woche im Bett begonnen haben: Bei einem Abendessen lernte die damals 39-Jährige den 31-jährigen Schriftsteller Samuel Beckett kennen. Die Affäre war nicht nur außergewöhnlich intensiv – sie dauerte eine Woche, in der das Bett nur verlassen wurde, um Champagner zu besorgen – sondern legte den Grundstein zu einer der wichtigsten Kunstsammlungen der Welt. Denn es war Beckett, der ihr riet, zeitgenössische Kunst zu sammeln: Sie begann mit Werken der Avantgarde, unter anderem von Georges Braque, Marc Chagall, Salvador Dalí, Marcel Duchamp, und Pablo Picasso.

1938 eröffnete sie in London ihre erste Kunstgalerie mit Werken von Jean Cocteau, Wassily Kandinsky, der in London unbekannt war und komplett durchfiel, und dem Surrealisten Yves Tanguy, mit dessen rätselhaften Landschaften sie einen überraschenden Erfolg verbuchen konnte. Voller Enthusiasmus plante sie ein Museum für moderne Kunst in London, doch die beginnende Furcht vor einem Krieg setzt dem ein Ende. Stattdessen investierte Peggy fortan in die Maxime: „Jeden Tag ein Kunstwerk kaufen!“

Die Liebe zur Kunst ging durch alle Lebensbereiche: Von 1941 bis 1943 war Peggy Guggenheim mit dem Künstler Max Ernst verheiratet. Mit ihm floh sie 1941 nach New York, wo sie bis 1947 die avantgardistische Galerie Art of This Century führte, die sich zu einer zentralen Anlaufstelle der Surrealisten entwickelte. Und sie machte Jackson Pollock bekannt, den sie finanziell unterstützte, bis er zum Superstar aufstieg.

Nach ihrem Umzug nach Venedig prägte sie die europäische Kunstszene maßgeblich. Ihre Ausstellung 1948 riss die Biennale aus einem Aufmerksamkeitstief heraus: Für Europa war das die Wiederentdeckung der modernen Kunst und die erste Begegnung mit der amerikanischen Moderne. Der überwältigende Erfolg bestärkte sie in dem Beschluss, hier ihr eigenes Museum zu gründen: Der Palazzo Venier dei Leoni, ein unvollendeter Palast aus dem 18. Jahrhundert, dessen Bau nie über das Erdgeschoß hinausging, wurde Pflichtprogramm für jeden Kunstfan. Dort legte sie den Grundstein für die Peggy Guggenheim Collection, die heute aus über 200 Gemälden und Skulpturen besteht und einen nahezu vollständigen Überblick über die moderne Kunst bietet Truman Capote, Marlon Brando, John Lennon – sie alle haben hier gewohnt und in dem berühmten Skulpturengarten gefeiert. Anfang der 1960er-Jahre gab Peggy Guggenheim die Sammlertätigkeit auf. Der Grund war ihre Abneigung gegen die Pop Art. Sie lebte bis an ihr Lebensende, 1979, in Venedig. Man sagt, sie soll an die tausend Liebhaber gehabt haben. Die Männer gingen, die Kunst blieb. Sie ist neben ihren Hunden im Garten des Palastes beerdigt. Man nannte sie die letzte Dogaressa von Venedig.

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