© Michael Horowitz

Odessa
02/27/2016

Odessa, Glanz von gestern

Odessa, die ukrainische Metropole am Schwarzen Meer, ist voller skurriler Geschichten. Heute leben die Menschen am Rande des Krieges. Zwischen Zarenglanz und Star-Wars-Fantasien.

von Michael Horowitz

Ein weiter Weg. Von einem sowjetischen Propaganda-Film aus dem Jahre 1925 bis zur Wiener Kultband Wanda von heute. Von der Meuterei der Besatzung eines russischen Kriegsschiffes in Sergej Eisensteins Kino-Klassiker Panzerkreuzer Potemkin bis zum Wanda-Video Bussi Baby: In beiden Inszenierungen rollt ein Kinderwagen die monumentale Treppe hinunter, um bald durch die Luft zu fliegen.

Schauplatz ist eine der berühmtesten Treppenanlagen der Welt. Die Potemkinsche Treppe, das Wahrzeichen von Odessa, der Hafenmetropole am Schwarzen Meer. Die 142 Meter lange Verbindung von der Altstadt zum Hafen ließ Mark Twain schon 1869 schwärmen: Eine prächtige Treppe – von Weitem wirken die Menschen wie Insekten, die sich hinaufplagen.
Ein ebenso weiter Weg war es von einer attraktiven Gräfin und ihrer Liaison zu einem großen Dichter Russlands bis zu den Girls from Odessa. Die blutjunge Gattin des Grafen Woronzow, des schon reifen Gouverneurs der Stadt, erlag fast der Liebe Alexander Puschkins. Der 23-Jährige, der hier im Exil als Archivar arbeiten musste, brachte die Gräfin an den Rand des Wahnsinns. Und heute, fast 200 Jahre später, findet man, wenn man Odessa googelt, als allerersten Eintrag die Partnervermittlung mit Mädchen aus Odessa: Eines der vielen Web-Portale, die reichen Männern aus dem Westen Frauen aus der Ukraine fürs Leben versprechen. Und trotz ständiger Warnungen vor ihren Praktiken zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor wurden.

Die begehrten Mädchen von Odessa – mit russischen und jüdischen, griechischen und türkischen Wurzeln – waren schon zu Zeiten des Sowjet-Regimes bekannt, berühmt und berüchtigt. Wegen ihrer Gabe, Gefühle und Leidenschaft vorzutäuschen. Wegen ihrer Kunst, verwirrte, einsame Herzen für sich zu gewinnen. Wegen ihrer Fertigkeit, jeden Mann wie einen Halbgott zu behandeln. Heute vermitteln Agenturen diese Geschöpfe, die sich nach Wohlstand sehnen, vor allem an reiche Amerikaner. Bei Männern, die einmal in Odessa waren, weiß Partnervermittler Jack aus Texas, hat eine Amerikanerin keine Chance mehr. Und eine der traurigen Gestalten aus dem Mittelwesten Amerikas, die hier plötzlich das Leben wie einen angenehmen Rausch empfinden, erklärt trunken vor Freude Ich hatte zu Hause seit dem College kein Date mehr – hier habe ich jeden Tag bis zu fünf …
Dass diese Stadt heute auch durch Kuppeleien zu neuem Leben erwacht, ist eine triste Ironie des Schicksals. Odessa war schon immer eine Drehscheibe des Handels, ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Aber auch eine Stadt der Literatur. Puschkin hat hier mehrere Eugen-Onegin-Kapitel geschrieben. In Geschichten aus Odessa beschreibt Isaak Babel zu Beginn der Oktober-Revolution den Aufstieg eines Kleinkriminellen zum König der Stadt. Als sein Held Benja Krik während der Hochzeitsfeier seiner glupschäugigen Schwester erfuhr, dass der Polizeichef an diesem Abend eine Razzia plane, ließ er das Polizeirevier anzünden. Die illustren Gäste in himbeerroten Westen und azurblauen Stiefeln konnten weiter feiern. Und weiterhin Wodka-Flaschen auf ihren Köpfen zerschlagen. Eine der vielen schrillen, skurrilen Geschichten aus einer Stadt voller Ironie, die immer weltoffen und kosmopolitisch war. In alten Zeiten beherrschte fast jeder Odessit fünf Sprachen. Liberale Gesinnung war selbstverständlich. Und man war neugierig, selbstbewusst und hungrig nach Leben.
Auf Schritt und Tritt erlebt man heute in Odessa den Abgesang auf den einstigen Glanz. Die Gesichter und Geschichten der von Katharina der Großen gegründeten Hafenstadt spiegeln Eindrücke einer monumentalen Vergangenheit wider. Schwermütige Musik liegt in der Luft. In der stolzen, bröckelnden Heimatstadt großer Musiker des letzten Jahrhunderts: David Oistrach und Nathan Milstein, Emil Gilels und Swjatoslaw Richter – sie alle waren Absolventen von Odessas Konservatorium.
Früher legten hier ein, zwei Kreuzfahrtschiffe pro Tag an, heute am Rande des Krieges, seit den Kämpfen im Osten, maximal einer dieser Luxusliner pro Monat. Gierig macht sich dann die Stadt bereit: Auf der Potemkinschen Treppe herrscht Gedränge. Schüler des Konservatoriums spielen mit höchstem künstlerischen Anspruch für ein paar Hrywnja ein Geigen-Solo, Burschen platzieren ihre zahmen Falken für Selfies auf Touristenschultern, Mädchen mit sehr langen Beinen in sehr kurzen Röcken oder sehr engen Jeans verkaufen bunte Heliumballons. Und verteilen Flyer für die Clubs rund um die Deribasowskaja, Odessas Prachtboulevard, wo sie dann nachts nackt im Trockeneisnebel der Clubs tanzen.

Auch untertags herrscht hier pralles Leben. Die Straßencafés in den renovierten Stadtpalais der Fußgängerzone sind voll. Zum vielfältigen Klang der Straßenmusiker bietet man auf Ape-Dreiradlern Espresso an, junge Mädchen in historischen Kostümen mit Reifröcken verkaufen Zuckerwatte und Pferde schleppen erschöpfte Touristen Richtung Opernhaus. Das man ja gesehen haben muss – denn immerhin ist es vom Wiener Architektenatelier Fellner & Helmer gebaut worden. Oder das prachtvolle Palais Kinsky, in dem Winston Churchill vor dem Jalta-Treffen logierte.
Abends sollte jeder Odessa-Besucher die Odyssee der Taxifahrt in eine pittoreske Welt, ins Restaurant Dacha wagen: Bunte Lichterketten erinnern an einen Fellini-Film, die Gartenanlage wirkt wie ein Tschechow-Bühnenbild – wie ein morbides, leicht heruntergekommenes Sanatorium. Gefüllte Blinys, Borschtsch und als üppiges Dessert Entenpfötchen schmecken, und die umherlaufenden Kinder signalisieren Freude am Leben.
Der Glanz der Metropole ist – zumindest in Teilen der Altstadt – in den Farben der Zarentöchter wiederauferstanden: Fliederblau, Russischgrün, Schmetterlingsgelb. In den Passagen und Innenhöfen, die an Paris, Madrid oder Mailand erinnern, ist man von Statuen mit Empire-Taillen und Belle-Époque-Nymphen umzingelt. Doch außerhalb, am Rande der Stadt, ist die Hässlichkeit der sowjetischen Plattenbau-Architektur allgegenwärtig. Und erinnert an die triste Alltags-Realität in einer Stadt mit glanzvoller Geschichte und glänzenden Geschichten. Am Rande von Gewalt und einem Konflikt, dessen Lösung trotz des Abkommens von Minsk – mit Versprechen, die wohl nie gehalten werden – weit entfernt scheint.
Odessa war schon immereine Enklave des Eigensinns. Man war stets bereit für Experimente. Und bekannt für bizarre Ideen: Vor kurzem hat die Dunkle Seite der Macht die Stadt erobert. Eine Lenin-Statue wurde umgestaltet, statt des Sowjetführers steht jetzt Star Wars-Oberschurke Darth Vader auf dem Sockel. Bereits im Juni wurden Star-Wars-Protagonisten vom ukrainischen Justizministerium offiziell als Partei registriert. Der Spitzenkandidat Darth Nikolajewitsch Vader will Bürgermeister werden. Während der letzten Wahl wurde ein als Wookie aus dem Film Krieg der Sterne verkleideter junger Mann in einem Wahllokal festgenommen.
Die Geldstrafe von umgerechnet sieben Euro konnte er nicht bezahlen – weil seine intergalaktische Bank auf der Erde keine Filiale betreibe …´

ESSEN & TRINKEN
Dacha

Der Weg ins Restaurant lässt einen erst am Taxifahrer und dann an der Existenz des Lokals zweifeln. Denn es ist die triste Peripherie von Odessa, in der das Restaurant Dacha liegt. Wie in einer Kulisse Tschechows ist das Lokal samt pittoresker Parkanlage nicht nur wegen des guten Essens die Anreise wert. In einer Gartenlaube sitzend, von bunten Lichterketten umrahmt, werden ukrainische Spezialitäten serviert – aber auch der Wodka nach jedem Gang trägt einiges zur immer magischer werdenden Stimmung des Abends bei.

http://www.dacha.com.ua

Bernardazzi
Es ist nicht nur die stimmungsvolle Atmosphäre des Odessa-Philharmonic-Theaters, in dem dieses ausgezeichnete Restaurant liegt, man isst und trinkt hier sehr gut. Allerdings zu westlichen Preisen.
bernardazzi.com

Jazzy Buzzy
Das vielleicht beste Fischrestaurant der Stadt. Abwechslungsreiche Speisekarte, gute Weine und jeden Freitagabend Jazz live.

Zheto
Wundervoller Ort, um bei herrlichen Desserts, Kaffee, Tee oder Cocktails die kalte Welt draußen zu vergessen. Sehr gemütlich. Mayakovskogo Lane, 1.

jazzy-buzzy.ua


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La Gioconda
Ein luxuriöses Kleinod. Boutique-Hotel im Stil einer toskanischen Villa mit herrlichem Blick auf das Schwarze Meer.
www.lagioconda.odessa.ua

Otrada

Das Hotel liegt in einem schönen historischen Gebäude, nicht weit vom Strand entfernt und sticht aus der Masse anderer Bettenburgen deutlich hervor. Ruhige Lage, freundliches Personal und stilvoll eingerichtete Zimmer mit viel Liebe zum Detail.
www.otrada-luxury.com

Villa Le Premier
Das ultramoderne Fünf-Sterne-Hotel der Stadt. Schöne Lage am Meer, Swimmingpool, pompöses Design, fantastische Zimmer, Luxus pur. Auch beim Kitsch hat man nicht gespart.
villalepremier.com

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