© Chanel/Alexandre Tabaste

Interview
04/05/2021

Chanel-Parfumeur Olivier Polge: "Es gibt viele Vorurteile über meinen Job"

Eigentlich wollte Olivier Polge nie in die Fußstapfen seines Vaters treten, der als Parfumeur arbeitete. Heute ist er für sämtliche Düfte des Hauses Chanel verantwortlich.

von Maria Zelenko

Olivier Polge hat einen der zugleich faszinierendsten wie auch sagenumwobensten Jobs der Beautybranche. Der 46-Jährige ist Parfumeur – eine sogenannte Nase. Seit 2015 zeichnet er für die Düfte des Traditionshauses Chanel verantwortlich. Dessen Kultparfum N° 5 feiert heuer seine 100-jährige Erfolgsgeschichte. Für die nahm sich der charismatische Franzose Zeit für ein Gespräch über Gabrielle Chanels Mut zu neuen Wegen und die größten Vorurteile über seinen Beruf.

freizeit: Als Coco Chanel im Jahr 1921 ihr Parfum namens N° 5 vorstellte, galt es als revolutionär. Warum?

Olivier Polge: Man sagt, dass N° 5 das erste abstrakte Parfum war. Ihr Wunsch an den Parfumeur Ernest Beaux war, einen artifiziellen Duft zu kreieren. Künstlich im Sinne von nicht durchkomponiert – und schwer greifbar. Gabrielle Chanel wollte ein Arrangement aus Rosen und Jasmin. Beaux setzte zusätzlich Aldehyde (synthetische Duftstoffe mit sehr charakteristischem Geruch, Anm.) ein, die diesem Blumenbouquet viel Frische verliehen. Sie haben dem Duft das Abstrakte eingehaucht.

Auch der Flakon war für damalige Zeiten recht ungewöhnlich.

Ja, weil er sehr schlicht war. Ausgefallene Flakons mit viel Dekoration waren in Mode. Chanel hingegen entschied sich für etwas, das aussah, als ob es direkt aus dem Labor käme. Ich mag diese Idee sehr, denn dahinter lag die Intention, die ganze Kostbarkeit über den Inhalt zu transportieren.

N° 5 wurde schnell zum Bestseller, gehört bis heute zu den weltweit populärsten Parfums. Warum hat es gerade diese Kreation geschafft, über so lange Zeit relevant zu bleiben?

Dieser Duft hat etwas ganz Spezielles an sich. Der Reichtum dieses Parfums erlaubt es jeder Frau eine sehr persönliche Beziehung mit ihm aufzubauen. Jede kann sich mit einer anderen Facette des Duftes identifizieren.

Wie würden Sie die N° 5-Kundin beschreiben?

Ich stelle mir jemanden mit einer starken Persönlichkeit vor, der auf der Suche nach einem Duft mit Charakter ist. N° 5 ist jedenfalls sehr elegant und feminin. Wir versuchen, es möglichst ähnlich der Originalformulierung aus dem Jahr 1921 zu belassen. Und mit Neuinterpretationen wie „Eau Première“ oder „L’Eau“ auch neue Kundinnengruppen zu erreichen.

Ein so bekanntes Parfum wie dieses neu zu interpretieren ist eine Ehre, aber sicherlich auch eine Herausforderung.

Ja, es ist eine große Ehre. Wichtig ist, dass wir uns nie von der Erstversion trennen. Die Kombination der Rohstoffe ist sehr einprägsam. Es gibt dennoch Raum für Weiterentwicklungen.

Welche Rolle spielen Rohstoffe bei der Entwicklung von Düften?

Eine sehr große. Rohmaterialien sind für mich so wichtig wie die Farben für einen Maler. Wir sind eine der wenigen Firmen, die ihre Rohstoffe von Beginn an selbst produziert haben.

Sie sind Sohn eines Parfumeurs. War das für Sie von Anfang an klar, dass Sie auch in diesem Metier tätig sein wollen?

Wie jeder andere Teenager auch, wollte ich lange nicht das tun, was meine Eltern vielleicht wollten. Ich war davon überzeugt, kein Parfumeur werden zu wollen.

Wann hat sich das geändert?

Ungefähr mit 20 Jahren. Ich hatte begonnen Kunstgeschichte zu studieren, hatte aber das Gefühl, danach keinen Beruf ergreifen zu können, der mir gefallen würde. In diesem Sommer habe ich im Duftlabor meines Vaters ein Praktikum gemacht – und realisiert, was mir wirklich Spaß macht.

Was ist das Wichtigste, das Sie von ihm über Parfums gelernt haben?

Ein paar Monate, nachdem ich wieder zurück auf der Uni war, ging ich zu ihm und sagte, dass ich sie abbrechen wolle und ob er mir die Parfumherstellung beibringen könne. Er hat eine weise Entscheidung getroffen und mich zu anderen in die Lehre geschickt. Den Beruf an sich habe ich also nicht von ihm gelernt. Aber er hat mir vermittelt, dass es sehr wichtig ist, stets neugierig und offen für viele verschiedene Dinge zu sein. Sie sind unsere Inspirationsquellen.

Wie sieht Ihr Alltag als Parfumeur aus?

Meine Arbeitstage sind sehr abwechslungsreich. Normalerweise bin ich im Pariser Labor, wo ich all meine Rohstoffe habe. Morgens, wenn meine Nase noch ausgeruht ist, rieche ich oft an Kreationen vom Vortag. Dann arbeite ich vielleicht an weiteren Formulierungen und ändere sie ab. Manchmal verreise ich für die Begutachtung von Rohstoffen, wir haben im Süden Frankreichs unsere eigenen Felder.

Gibt es Vorurteile über den Job des Parfumeurs?

(lacht) Sehr viele sogar! Zum einen ist es keine Fähigkeit, mit der man geboren wird, sondern etwas, das man lernen kann. Es geht nicht darum, etwas riechen zu können, das niemand riechen kann. Wo wir gerade darüber sprechen, wird mir klar, dass wohl die meisten falschen Vorstellungen über meinen Job Patrick Süskinds „Das Parfum“ zu verdanken sind. Es ist ein sehr gutes Buch, hat aber nichts mit der Realität zu tun. Meine Nase ist nicht besser als Ihre – sie ist nur trainiert.

Was unterscheidet eigentlich ein gutes von einem schlechten Parfum?

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn das eine oder das andere als gut oder schlecht zu bezeichnen, würde bedeuten, dass es gute und schlechte Geschmäcker gibt. Das hängt sehr stark von der Persönlichkeit eines Menschen ab. Manche finden zum Beispiel den Geruch von Benzin toll. (schmunzelt) Tja, das ist nicht unbedingt mein Geschmack, zeigt aber, dass es da eine große Bandbreite gibt. Ein gutes Parfum ist eines, das einem selbst gefällt!

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