© Gerhard Trumler

freizeit
09/11/2014

Mühlen in Österreich

Tausende Mühlen klapperten früher an Österreichs Bächen. Mit der Kraft des Wassers wurde Korn gemahlen, Holz gesägt oder Werkzeug geschmiedet. Heute sind nur mehr wenige übrig. Eine Spurensuche.

von Eva Gogala

Er arbeitete bei Tag, er arbeitete bei Nacht und nicht einmal der Sonntag war ihm heilig. Wenn der Müller den wöchentlichen Kirchgang nicht überhaupt schwänzte, so erschien er nicht selten in weiß-staubigem Arbeitsgewand. Ohne den Müller ging in der Dorfgemeinschaft nichts. Trotzdem war sein Ruf nicht immer der beste. Weil er anders war. Den braven Bauern, die im dunklen Sonntagsstaat andächtig der Predigt des Pfarrers lauschten, war er stets ein wenig unheimlich. Sagen von Teufels- oder Hexenmühlen zeugen noch heute davon.Tausende Mühlen gab es früher in Österreich. Überall dort, wo Wasser floss. An der Thaya, der Zwettl, am Kamp im Waldviertel, an der Rodel im Mühlviertel. In der Ebene und an höher gelegenen Bergbächen genauso. Schon die Römer nutzten die Wasserkraft zum Antreiben von Gesteinsmühlen, etwa auch um Marmor zu schneiden. Eine frühe Art, die Kraft des Wassers für sich zu nutzen. Windenergie wurde hierzulande erst später, im Mittelalter, ausgebeutet. Da waren die Spanier mit den ersten Turmwindmühlen im 10. Jahrhundert Vorbild.

„Sagler“ der Sägemühle von Hittisau, Vorarlberg

Die Bauern brachten die Säcke mit Korn und mussten dem Müller vertrauen, dass sie die richtige Menge Mehl zurückbekamen: Mahlstube in der Luginger Mühle in Achating, Salzburg

Wasser als Lebenselixier. Das galt für die Müller ganz besonders. Argwöhnisch beobachteten sie das Treiben ihrer Konkurrenten. Der Nachbar am Bach (auf Lateinisch „rivus“), der ihnen womöglich das Wasser streitig machen könnte, war der Rivale.Der größte Feind des Müllers aber war der Bär. Nein, damit ist nicht das Raubtier auf vier Tatzen gemeint, sondern so wurde eine Verstopfung in den verwinkelten Holzrohren genannt, durch die das Mahlgut zu den Mühlsteinen geleitet wurde. Ein „Bär“ in der Mühle hatte nicht selten verhängnisvolle Folgen. Schaffte es der Müller nicht rechtzeitig, das Rohr wieder freizumachen, konnte es schon passieren, dass das Holz durch die Reibung Feuer fing und die ganze Mühle abbrannte. Vieles kam auf das Geschick des Müllers an. Er musste bauen, reparieren, tischlern, zimmern und das richtige Gespür dafür haben, wie er mit dem Getreide, das die Bauern anlieferten, umgehen musste. Nicht zu grob, nicht zu fein. Meist brachten die Bauern ihr getrocknetes Korn ungewogen in Säcken und mussten darauf vertrauen, die richtige Menge Mehl zurückzubekommen. Nicht zuletzt auf dieses Gefühl des Ausgeliefertseins begründet sich der Ruf der Müller als unehrliche und hinterlistige Gesellen. So wie der Müller aus dem Grimm’schen Märchen „Rumpelstilzchen“, der vorgab, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen und damit das arme Mädchen um ein Haar dem Teufel auslieferte.

Glühendes Eisen: Hammerschmiede Arbesbach im Waldviertel (gr. Bild)

Horizontales Mühlrad in der Flodermühle Huber in Bad Kleinkirchheim, Kärnten

Die meisten Mühlen, die es einst in Österreich gab, wurden allerdings von Bauern für ihren Eigenbedarf betrieben.Das Mehl wurde zum Brotbacken verwendet, das geschrotete Korn als Viehfutter. Dort wo das Wasser schnell, mit viel Wucht floss, trieb es ein schmaleres, oberschlächtiges Wasserrad an, dort, wo es langsam und behäbiger floss, ein breites unterschlächtiges. Und dann gab es noch die „Flodermühlen“, deren Wasserrad horizontal lag. Vor der Industrialisierung wurden auch Hammerwerke, in denen alle möglichen Gegenstände des täglichen Bedarfs geschmiedet wurden, mit Wasserkraft betrieben. Von den Tausenden Mühlen, die es einst gab, hat nur ein Bruchteil überlebt. Der Fotograf Gerhard Trumler hat sie für sein neues Buch dokumentiert. Jede einzelne. Nur ganz wenige sind noch funktionstüchtig. „Je weiter oben im Gebirge die Mühlen stehen, desto eher sind sie erhalten“, sagt Therese Bergmann. „In armen Gegenden war man auch zu einer Zeit, als anderswo schon mit elektrischem Strom gearbeitet wurde, noch auf die Kraft des Wassers angewiesen.“ Frau Bergmann, eine quirlige alte Dame mit silbergrauem Haar, weiß, wovon sie spricht. Ihre Mühle wurde von ihrem Urururgroßvater erbaut und ist nun in sechster Generation in Familienbesitz. Wenn auch nicht im Gebirge, sondern auf dem flachen Land. Es ist die Retzer Windmühle, Wahrzeichen des Weinviertels. Diese und die Podersdorfer Windmühle sind die letzten Exemplare ihrer Art in Österreich. Therese Bergmanns Engagement ist es zu danken, dass das technische Wunderwerk heute keine Ruine ist, sondern immer noch funktioniert – wenn auch als Denkmal der Technik von einst.

Es klappert die Mühle - und so funktioniert sie

Die Steinmühle ist ein technisches Wunderwerk – einfach und doch raffiniert. In einem hölzernen Überfall wird das Wasser gefasst und mit einer Art Wehr aufgestaut. Von dort fließt das Wasser in ein Gerinne. An dessen Anfang ist der Leerlauf, der über eine Seitenöffnung und ein Bodenloch verfügt, durch die nicht benötigtes Wasser in den Bach zurückfließen kann. Seitlich am Mühlhaus sitzt das Wasserrad, über die Fällrinne wird das Wasser aufs Rad geleitet. Die Schaufeln nehmen das Wasser auf, es dreht sich – im Leerlauf schneller, bei der Arbeit langsamer. Je langsamer, desto voller werden die Schaufeln und der Antrieb verstärkt sich. Der waagrechte Wellenbaum des Rades führt ins Mühleninnere. Das senkrecht stehende Mühleisen führt durch die Bohrung des oberen in den unteren, mindestens 300 Kilo schweren Mühlstein. Der wesentlich kleinere Mahlstein oben rotiert, er kann gehoben und gesenkt werden, um gröber oder feiner zu mahlen. Das Mahlgut rutscht durch einen Trichter zwischen die Steine, wird zerrieben, wird am Außenrand der Steine aufgefangen und gesiebt, um feines Mehl von der Kleie zu trennen. Wenn das Mahlwerk den Mehlkasten beim Sieben rüttelt, entsteht das typische Klappern der Mühle. Das Mehl wird mehrfach gemahlen, bis es fein genug ist. Die Kleie kann als Viehfutter verwendet werden.

Die Mühlsteine wogen mindestens 300 Kilo

Suchen und finden

Retzer Windmühle
Führungen im September täglich von 11 bis 17 Uhr zur vollen Stunde, im Oktober wochentags 11 und 15 Uhr, Wochenende 11-17 Uhr stündlich.
www.retz.gv.at

Eine Rarität in Österreich: die Retzer Windmühle. Therese Bergmann ist es zu verdanken, dass die Mühle renoviert wurde und heute noch funktionstüchtig ist.

Zehn-Mühlenwanderweg
Start ist in Reichenthal im oberen Mühlviertel in Oberösterreich. Die romantische Route ist 14,6 km lang und in vier Stunden zu bewältigen.
www.muehlenverein.at

Mühlenwanderweg Ebenau
Start ist in Ebenau, dem „Dorf der alten Mühlen“ 15 Kilometer von der Stadt Salzburg entfernt. In 2,5 Stunden ist die Runde (6 km) zu bewältigen.
www.ebenau.eu/Muehlenwanderweg.73.0.html

Kaninger Mühlenweg
Sechs der ehemals 20 Mühlen sind erhalten. Sie liegen an einem 3 km langen Weg im Nationalpark Nockberge (Kärnten), ausgehend vom Türkhaus in Kaning, erhalten.
www.kaninger-muehlenweg.at

Mühlenloipe Hochneukirchen-Gschaid
Die Mühlen in der Zöbersdorfer Au lassen sich bei Schneelage auf Langlaufskiern erkunden. Die Mühlenloipe ist nur eine Autostunde von Wien entfernt. Die Einstiegsstellen befinden sich bei der Kranzmühle, Trettlermühle oder beim Loipenstüberl.
www.bergfex.at

Gerhard Trumler, Alte Mühlen, Bibliothek der Provinz, 44 €