Michael Horowitz Reise Mekong-Delta

© Michael Horowitz

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02/13/2016

Magische Wasserwelt

Unterwegs im Delta der neun Drachen. Im Labyrinth einer amphibischen Welt. Im Süden Vietnams.

von Michael Horowitz

Er kann in Feigen-Vinaigrette, Erdnuss-Chilisauce oder auch in Safran-Senfschaum daherkommen. Ich esse ihn nicht. Ich habe gesehen, in welcher bräunlichen Brühe der Pangasius schwimmt. Dieser tropische Wels hat weltweit Restaurants und Supermärkte erobert. Der Fisch ohne Eigenschaften – kaum Gräten und kaum Geschmack. Seit Jahren züchtet man in Vietnam unendliche Massen dieser Fische. Im Mekong-Delta.
Der Mekong, die Hauptschlagader Südostasiens, Buddhas magischer Fluss, der in einem Hochplateau Tibets entspringt, fließt vorbei an Tempeln und Pagoden, Reisfeldern und mystischen Urwäldern über mehr als 4.500 Kilometer durch China, Burma/Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha – bis in die Reiskammer Vietnams. Wo er südlich von Ho-Chi-Minh-City, im Mekong-Delta, das fast halb so groß wie Österreich ist, in das Südchinesische Meer mündet. Im einzigartigen Delta der neun Drachen. Hier hat sich der mächtige Strom längst in acht starke Flussarme aufgefächert, in ein Netz aus vielen hunderten schmalen Flüssen verzweigt, die durch mehrere Dutzend Kanäle miteinander verbunden sind. Acht Wasserarme bilden die Aorta dieses Deltas – doch für die Vietnamesen sind es neun Drachen, die über ihre Reisschüsseln wachen, ihre amphibische Wasserwelt, die den Süden Vietnams, ein Drittel der Gesamtbevölkerung von rund 90 Millionen Menschen, ernährt. Und zusätzlich die Welt noch mit Millionen von Pangasius-Fischen überschwemmt.

Michael Horowitz Reise Mekong-Delta…

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Wieso neun Drachen, obwohl es nur acht Wasserarme sind? Die Vietnamesen haben einfach einen imaginären Drachen hinzugefügt – weil Neun ihre Glückszahl ist. Und weil sie vielleicht auf die Hilfe der heiligen Neun hoffen, damit ihr Land nie wieder von Kriegen beherrscht und beschädigt wird. Bis vor 200 Jahren lebten nur sehr wenige Menschen in diesem Labyrinth, das schon immer als Malaria-Hölle galt. Einst gehörte die magische Wasserwelt den Khmer, noch immer sprechen sie konsequent von kampuchea krom, dem unteren Kambodscha – und sind überzeugt, dass die fruchtbare Region am Südchinesischen Meer eigentlich ihnen gehöre. Doch die Glückszahl Neun hat den Vietnamesen bis jetzt geholfen.
Die Heimat der neun Drachen am Mekong-Delta ist längst zum größten Reisfeld der Welt geworden. Auch fruchtbare Obst-und Gemüseplantagen gewähren bescheidenen Wohlstand. Menschen aller Religionen des Kontinents leben hier friedlich neben- und miteinander, hocken in den Garküchen unter freiem Himmel gemeinsam am Boden und besuchen ihre vielen verschiedenen Götter und Heiligen in Tempeln und Pagoden, Kirchen und Moscheen. Man ist selig, satt zu werden, man sucht sein Glück, man wagt täglich das Leben.

Wir sind sehr zeitig aufgestanden. Haben Ho-Chi-Minh-City im Morgengrauen verlassen. Nach ein paar Stunden in einem kanariengelben Plymouth-Taxi ohne Stoßdämpfer, das aus einer Graham-Greene-Verfilmung der 1950er-Jahre stammen könnte, geht es über die total verstopfte Autobahn vorbei an Fabriken und Lagerhallen. Danach auf der Nationalstraße 1 und staubigen Dorfstraßen eine waghalsige Irrfahrt zwischen Bussen, aus denen Menschentrauben raushängen, Männern mit ganzen Schweinen auf dem Gepäckträger, Millionen von Karren und Mopeds, Rädern und Rikschas bis Can Tho. Hier ist die Luft endlich klarer, die größte Stadt der Gegend ist von schwimmenden Märkten umgeben und erwartet Touristen für Mekong-Boat-Tours durch das dichte Kanalnetz. Auf Sampans, wackligen Kähnen, oder klimatisierten Luxus-Ausflugsbooten. Die Bevölkerung des Mekong-Deltas, in der es nur eine einzige heiße, eintönige Jahreszeit gibt (Schriftstellerin Marguerite Duras), lebt längst auch von Touristen.
Früher Morgen, Nebelschwaden ziehen über den Fluss, die schwüle Hitze ist noch fast erträglich. In einer endlos langen Holz-Dschunke führt uns eine böse blickende alte Frau – als ob wir die Hauptverantwortlichen für die Massaker der Franzosen und Amerikaner in Vietnam wären – in Richtung der von üppigen Kokos-Palmenhainen umsäumten schmalen Kanäle.
Das entgegenkommende Frachtschiff mit laut knatterndem, offenem Dieselmotor hat am Bug ein rotes Gesicht aufgemalt: Der böse Blick soll die Flussgeister verbannen. Auch der Gesichtsausdruck unserer Boots-Führerin ist inzwischen freundlicher geworden. Für 500.000 Dong, rund 20 Euro, (inklusive Pfefferminztee aus einer Thermoskanne, die vermutlich schon seit der Kolonialzeit in Gebrauch ist) führt sie uns drei Stunden durch die magische Wasserwelt im Südwesten Vietnams.
Gemächlich ziehen wir vorbei an Feldern aus wippenden Wasserhyazinthen, Pagoden mit Golddächern, strohgedeckten Hütten und üppigen Obstplantagen mit Mangos, Papayas und Bananen im Überfluss. Viele der Holzhäuser stehen auf Stelzen im Wasser – man bezahlt hier für ein Haus nur Steuer, wenn es an Land gebaut worden ist. Javaner-Affen mit ihren Schwänzen, die länger als der ganze Körper sind, schwingen sich von einer Liane zur anderen, Störche und Kraniche ziehen gemächlich ihre Runden. Viele Schlangenarten, von Königskobra bis Riesenpython, sollen sich hier wohlfühlen. Auch die bis zu drei Meter lange Grubenotter, die sich mit ihrer Tarnfarbe – grün wie die junge Reispflanze – perfekt an den Lebensraum anpasst. Ich will sowieso nicht aussteigen: Das schlammige Braun des Wassers ist nicht einladend – Kanalisation gibt es nicht, Müll und Küchenabfälle landen im Wasser. Trotzdem schwimmen Kinder darin, ein alter Mann wäscht seinen sehnigen Oberkörper. Der Palmolive-Schaum verteilt sich langsam über der Wasseroberfläche. Darunter vermutlich Pangasius-Schwärme.

Im Mekong-Delta, dem Biotop, der Lebensader von rund 17 Millionen Menschen, versucht man alles mit einer gewissen Gelassenheit zu meistern. Das Leben ist im Fluss. Hier verschwimmen Mythos und Realität. In diesem fruchtbaren Irrgarten, diesem Labyrinth aus tausenden von Wasserstraßen, Inseln, Sandbänken und schwimmenden Dörfern, dieser amphibischen Welt, spielt sich das Leben überwiegend auf dem Wasser ab. Viele der Fischer und Händler wohnen auch auf ihren Booten.
Fremde erleben Vietnam hier wie aus dem Bilderbuch: Riesige Reisfelder, Inseln mit dichten Wäldern und weiße Sandstrände. Haus- und Fischerboote schaukeln auf den Flüssen. Der Klang von Gesang, Glocken und Trommeln in den Pagoden folgt dem Rhythmus längst vergangener Zeiten. Die gutgelaunte Garküchen-Betreiberin am schwimmenden Markt von Cai Rang bietet mir ihre Suppe mit Ingwer, Zitronengras, Rindfleisch und Reisnudeln an. Die Fleischerin in My Tho staunt über den Sauschädel, der wirkt, als ob er fröhlich lächelte – obwohl er heute Morgen sein Leben ausgehaucht hat. Eine ätherische, junge Schönheit schreitet gerade voller Stolz von der Überfuhr, in ihrem weißen Ao Dai, einem Seiden-Hosenanzug, mit dem Kegelhut aus Reisstroh auf dem Kopf. Junge Männer türmen Melonen, Kokosnüsse und Kürbisse zu Pyramiden auf. Auf den gemächlich vorbeiziehenden Dschunken, Fähren und Lastkähnen hocken Ältere, deren Leben eher hoffnungslos scheint. Doch in den Augen der lachenden Kinder, die auf ihren Fahrrädern Richtung Schule fahren, glitzert die Hoffnung auf eine bessere Zeit, als sie ihre Großeltern, Papa und Mama, erlebt haben. Während mehrerer Jahrzehnte dauernder Kriege voller Schmach, Schmerz und Unterdrückung.
Hier, an seiner Mündung, sei der unberechenbare, mächtige Mekong ein gutmütiger Fluss, der im Frieden mit den Menschen lebe, philosophiert Bao Ninh, unser Taxifahrer, ein ehemaliger Vietcong, auf der Fahrt zurück. In eine völlig andere Welt. In die schrille Ho-Chi-Minh-City, das frühere Saigon, wo heute mehr als acht Millionen Menschen Tag für Tag auf ihre Art versuchen, das Leben zu meistern. Unser Fahrer verrät uns, wie er es probiert. Er schreibe nachts Gedichte.
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