© Shehroz Masood

freizeit Leben, Liebe & Sex
06/06/2021

Vom Flüchtling zum Mediziner: "Musste zeigen, was ich kann"

Der 20-jährige Shehroz konnte vor sieben Jahren kein Wort Deutsch. 2019 schaffte er den Aufnahmetest der MedUni Wien. Über Religion, Ausgrenzung und Toleranz.

von Katharina Alfon

Shehroz Masood ist 20 Jahre alt, vor sieben Jahren flüchtete er mit seiner Mutter und seinen zwei jüngeren Geschwistern von Pakistan nach Österreich. Seine Mutter ist Muslimin und sein Vater stammt aus Indien, ein Hindu - eine Vereinigung zwischen den beiden Religionen ist in Pakistan undenkbar, er und seine zwei jüngeren Geschwister waren "verbotene Kinder". Das gut gehütete Geheimnis flog durch die eigene Verwandtschaft auf und seither beschreitet Shehroz seinen neuen Lebensweg in Wien.

Diesen hat er bislang ziemlich gut gemeistert: Den besten Maturadurchschnitt in der AHS und einen erfolgreichen Aufnahmetest für die Medizinische Universität Wien, wo er seither Humanmedizin studiert, kann er verzeichnen. Der KURIER hat sich mit dem jungen Mann für ein Gespräch getroffen, um über dessen außergewöhnliche Geschichte zu erfahren.

KURIER: Seit wann sind Sie in Österreich?

Shehroz Masood: Ich bin seit Ende 2013 in Österreich. Wir sind bei der Erstaufnahmestelle in Traiskirchen angekommen, da war ich 13 Jahre alt. Am 25. Dezember habe ich Geburtstag und ich weiß noch, als wir angekommen sind und unsere Ausweise ausgestellt bekommen haben, hat mir der Angestellte dort gratuliert und "Happy Birthday" gesagt, auf Englisch, und ich habe mich gefreut. Obwohl ich etwas traurig war, freute ich mich.

Wieso sind Sie damals geflüchtet? 

Meine Eltern stammen aus verschiedenen Religionsgemeinschaften. In Pakistan wird Religion sehr ernst genommen. Meine Mutter ist Muslimin und mein Vater stammt aus Indien, ein Hindu, das ist sehr problematisch. In Pakistan wird Hinduismus nicht geduldet - und in Indien der Islam mittlerweile auch nicht mehr. Deswegen mussten sie sich trennen, weil es wirklich lebensgefährlich für uns wurde. Wir sind sozusagen "verbotene Kinder", dürften eigentlich gar nicht am Leben sein. Wir wurden auch die ganze Zeit über versteckt. Irgendwann haben sie aber herausgefunden, dass wir existieren und dass meine Mutter und mein Vater zusammen sind und geheiratet haben - da blieb nur noch die Flucht.

Sie wurden von den Religionsgemeinschaften verfolgt?

Genau. Die Familien meiner Eltern haben nicht gewusst, dass wir überhaupt existieren. Ich kenne nicht einmal meine Großmutter. Als sie es herausfanden, haben sie es weitererzählt. Die Situation war dann für meine Eltern so dermaßen furchtbar, dass es keinen Ausweg mehr gab, außer wegzugehen. Ich habe das alles erst im Nachhinein verstanden, denn ich war damals noch sehr jung und habe mir gedacht, das wäre einfach irgendein Streit gewesen. Ich habe zwei Geschwister und ich bin mit meiner Mutter und ihnen hierher geflüchtet. Meinen Vater habe ich seither nicht mehr gesehen, sie haben sich scheiden lassen und er ist anderswo.

Können Sie sich an Ihre Heimat Pakistan erinnern? Was vermissen Sie?

Ich kann mich schon an einiges, vieles sogar, erinnern. Zuhause ist das Wetter viel besser, es war wärmer. Das vermisse ich. Ich war immer draußen im Freien, habe Sport gemacht und meine Freunde getroffen. Weil es eben so warm war, hat es auch oft geregnet - warmer Regen. Ich habe im Regen oft gespielt. So etwas vermisse ich. Aber auch die Kultur, das Essen, und natürlich meine Freunde - glücklicherweise habe ich mit ihnen aber noch Kontakt. Es geht ihnen gut. Eigentlich vermisse ich fast alles.

Shehroz mit einem Freund in Pakistan.

Shehroz mit seinem Cousin, Zulkafal, bei einem Spielplatz in Quetta, Pakistan.

Als Sie nach Österreich gekommen sind, haben Sie sich hier willkommen gefühlt?

Nachdem wir in Traiskirchen aufgenommen wurden, kamen wir nach Oberösterreich, wo ich die Schule besuchen sollte. Als ich in meine neue Klasse gekommen bin, hat die Direktorin vor allen Schülern und Schülerinnen von meiner Situation erzählt. Ich konnte mich also nicht selbst vorstellen. Ich habe mich ausgeschlossen gefühlt.

…die Leute hatten damit also schon Vorstellungen von Ihnen.

Genau. Sie haben ihre Ansichten schon gehabt und mir diese Mitleidsblicke zugeworfen - das hat mir bei der Integration nicht unbedingt geholfen. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie mich unterstützen, aber mich nicht aufnehmen wollen. Ich meine, sie waren sehr nett. Sie haben mir Hefte gegeben, Stifte zum Schreiben und so weiter. Ich war wirklich dankbar dafür, aber was ich eigentlich wollte, war eine richtige Integration, wo ich mich nicht einsam fühle. Zuhause war es schwierig - meiner Mutter ging es nicht gut, meinen Geschwistern ging es auch nicht so gut. Ich hätte einen Ort gebraucht, wo ich mich sicher fühlen kann oder wo ich mit Menschen reden kann, wo ich Freunde finde, ich Spaß haben kann und nicht die ganze Zeit traurig, gestresst oder belastet bin.

Wann sind Sie schließlich nach Wien gekommen?

In Wien bin ich seit Sommer 2015 und hier habe ich auch mit der Schule weitergemacht und habe ich mich viel wohler gefühlt. Die Gemeinschaft war etwas besser. Ich konnte mich integrieren. Es wusste anfangs niemand, dass ich ein Flüchtling bin. Ich konnte selbst entscheiden, wem oder ob ich meine Geschichte erzählen möchte.

In welchem Bezirk haben Sie gewohnt, als Sie nach Wien gekommen sind?

Anfangs waren wir im 10. Bezirk. Dort haben wir zusammengewohnt und als ich etwas später in eine Wohngemeinschaft umgezogen bin, ist meine Familie in den 19. Bezirk gezogen. Im 10. Bezirk war es anfangs sehr schwierig, eine Wohnung zu finden, weil jeder einen Lohnzettel verlangt hat und meine Mutter hat nicht gearbeitet, sie kannte die Sprache kaum und ich musste alles übersetzen. Wir haben uns also sehr schwergetan mit der Wohnungssuche.

Hatten Sie eine Gemeinde- oder eine Sozialwohnung bekommen?

Nein, wir haben eine Privatwohnung gemietet. Zum Glück bekamen wir Mietbeihilfe und Mindestsicherung, so konnten wir uns das irgendwie leisten, aber es war trotzdem finanziell ziemlich schwierig. Wir waren ja auch zu viert. Jetzt ist die Situation etwas besser, aber finanzielle Probleme gibt es irgendwie immer. Aber ich finde, das sind die kleinsten Probleme.

Sie sind der Älteste unter den Geschwistern?

Genau. Ich musste eigentlich alles regeln, weil ich in der Familie am besten Deutsch konnte - also auch für meine Mutter und meinen Bruder, die Schulvermittlung für meine Schwester und mich selbst und die Deutschkurse, AMS-Dokumente herunterladen, Mindestsicherung und so weiter.

Shehroz mit seinem kleinen Bruder, Mahsum, und seiner kleinen Schwester, Faariah.

Shehroz mit seiner kleinen Schwester, Faariah.

Haben Sie heute noch immer Schwierigkeiten bezüglich Ihres Migrationshintergrunds? Stoßen Sie damit jetzt noch auf Probleme?

Wie soll ich es jetzt ausdrücken? Ich bin nicht hier geboren. Es ist nicht meine Kultur, meine Freunde sind nicht hier und all das. Ich könnte nicht sagen, dass alles passt. Es ist für mich immer irgendwie anders. Auch bei Jobbewerbungen - egal wie gut ich bin, ich habe immer das Gefühl, dass ich nicht dieselben Chancen bekomme wie andere. Ich muss mich um viel mehr kümmern, sie fordern mehr Unterlagen von mir. Es ist immer irgendwas, das mich aufhält und wenn man das alles summiert, dann fühlt es sich wie eine Barriere an. Irgendwie will ich die überwinden. Irgendwie will ich nicht, dass jeder gleich weiß, dass ich eigentlich ein Ausländer bin und woher ich komme und wieso ich hier bin. Ich will nur, dass sie wissen, was ich kann. Und dass das auch reicht.

Sie meinten, Sie hätten das Gefühl, dass von Ihnen immer mehr verlangt wird, um an Ihr Ziel zu gelangen. Haben Sie auch direkte Vergleiche von Leuten oder Freunden, die hier geboren sind? 

Beispielsweise bei der Studentenbeihilfe, die habe ich jetzt auch beantragt. Ein arabischer Freund, der hier geboren ist und den österreichischen Pass hat, hat sich sehr viel leichter getan - mit dem Beantragen und dem Erhalt des Geldes. Bei uns gibt es immer tausende Fragen mehr - egal, was man gemacht hat oder nicht. Ich spüre immer diese Unsicherheit mir gegenüber. Was ich noch zu Diskriminierung sagen könnte, ist nicht gegen das System gerichtet, sondern an die Gesellschaft. Ich habe eine Freundin. Sie ist hier geboren, sie ist Österreicherin und wir sind jetzt seit fast fünf Jahren zusammen. In der sechsten Klasse haben wir uns kennengelernt und seitdem sind wir ein Paar. Grob gesagt: wir ernten immer noch seltsame Blicke. Ich weiß nicht, wieso das so ist. Weil wir ein "interracial couple" sind vielleicht. 

Shehroz mit seiner Freundin, Stefi, in Paris am Valentinstag 2020.

Shehroz und Stefi beim Erdbeerpflücken in Niederösterreich im Sommer 2020.

Shehroz und Stefi beim Schulball.

Was hat Ihnen am besten geholfen, so gut und schnell Deutsch zu lernen? Sie sind 2013 in Oberösterreich in die Schule gekommen und konnten de facto kein Wort Deutsch.

Eben. Jeder Schüler und jede Schülerin bekommt einen Deutschkurs, solange es nötig ist. Ich habe auf jeden Fall einen guten Lehrer gehabt und mir aber auch leicht getan mit der Sprache - vielleicht habe ich auf diesem Gebiet auch einfach eine Begabung. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Vielleicht hat es auch so gut funktioniert, weil ich ja noch jung war. Ich habe mich aber auch sehr angestrengt und die Sprache wie ein Schwamm aufgesaugt, weil ich mich unbedingt integrieren wollte. Ich wollte mich nicht immer ausgeschlossen fühlen.

Sie hatten auch den besten Maturadurchschnitt...

Ja. Ich habe meine Noten mit denen der anderen Schüler und Schülerinnen, die auch einen ausgezeichneten Erfolg hatten, verglichen und herausgefunden, dass ich den besten Durchschnitt hatte. Ich war echt froh. Vielleicht klingt das eingebildet, aber ich habe mich so stark angestrengt. Ich habe viele Monate durchgelernt. Am Tag vor der mündlichen Prüfung bin ich dagesessen und habe gelernt und auf einmal kamen mir die Tränen. Da habe ich realisiert, dass ich mich viel zu viel stresse und musste weinen. Ich habe nicht geschlafen an dem Tag. Ich bin einfach zur mündlichen Matura aufgetaucht, mit roten Augen, ungepflegt und habe bestanden. Ich glaube, die Lehrer haben bemerkt, dass das für mich eine große Überwindung war. Ich muss meinen Lehrern auch echt dafür danken - die waren alle wirklich cool, ohne sie hätte ich es vielleicht gar nicht geschafft.

Also nochmal - bester Maturadurchschnitt in der AHS und 2019 haben Sie den MedAT gemacht, um Ihren Traum, Arzt zu werden, zu verwirklichen. Was bedeutet es für Sie, dass Sie eine Ausbildung machen können? 

Als ich herausgefunden habe, dass die Studiengänge hier eigentlich mehr oder weniger gratis sind, habe ich mich echt, echt gefreut. Beim ersten Mal habe ich den Aufnahmetest leider nicht geschafft. Danach habe ich ein halbes Jahr in einem Callcenter gejobbt, da habe ich 30 Stunden in der Woche gearbeitet und nebenbei viel gelernt. Meine Freundin hat mich in dieser Zeit extrem unterstützt. Als ich die Medizin-Aufnahmeprüfung beim zweiten Mal bestanden habe, ist eine große Last von mir gefallen. Also ja, das Medizinstudium bedeutet mir viel. Mein Vater wollte auch Arzt werden. Er hat es aber leider nicht geschafft, hat mir jedoch immer gesagt: "Du wirst entweder ein Pilot oder Arzt." Meine Mutter meinte ebenfalls: "Du wirst Arzt!" 

Können Sie sich erinnern, an welchen Punkt Sie beschlossen hatten, dass Sie dieses Studium unbedingt machen und schaffen wollen?

Erst als ich die Sanitäter, den Alltag im Krankenhaus gesehen habe und erkannt habe, was dort geleistet wird, dachte ich: "Das will ich auch machen!". Abgesehen von meinem Interesse am fachlichen Gebiet, liebe ich auch das Gefühl, anderen Menschen zu helfen. Das erinnert mich an eine Geschichte von meinem Praktikum im Pflegekrankenhaus: Da war eine ältere, demente Dame, die sich immer mehr zurückgezogen und den Kontakt zur Außenwelt verloren hatte. Eine Ärztin hat es dann durch Singen geschafft, mit ihr zu kommunizieren. Die Dame hat in den Armen der Ärztin mitgesummt, ihr sind die Tränen gekommen. Das war ein sehr berührender Moment. Die Ärztin hat es ohne jegliche Instrumente, einfach nur durch ihre Menschlichkeit, geschafft, diese Frau aus ihrer Stille zu holen und ihr Freude zu bringen. Genauso ein Sicherheitsgefühl will ich als Arzt auch vermitteln können. Ich will sagen können: "Ich bin hier und ich werde mein Bestes geben, dass es Ihnen wieder bessergeht."

Welche Wünsche und Ziele haben Sie für die Zukunft? 

Erst einmal das Studium abschließen. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich noch nicht weiß, was ich in der Zukunft genau machen will, ob ich wirklich für immer Arzt bleibe - mal schauen, was noch passiert. Generell würde ich mir mehr gute Nachrichten wünschen, die ganze Zeit hört man nur schlechte Nachrichten. Ich würde mir auch wünschen, dass die Menschen nicht immer alle Flüchtlinge gleich bewerten und vorab verurteilen - wir sind alle anders. Ich hoffe, man kann davon irgendwann wegkommen. Mein Ziel ist es auch, ein Vorbild für meine Geschwister zu sein. Sie sollen sehen, dass ich es geschafft habe und vielleicht hilft das nicht nur ihnen, aber auch anderen, die in derselben Situation sind. Auch wünsche ich mir mehr Toleranz und Akzeptanz. Hier ist vieles anders, ich habe vieles aus einer komplett anderen Perspektive betrachten müssen, aber so ist das eben, das muss man realisieren.

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