"Toxic Positivity ist die dunkle Seite positiver Schwingungen und das Übergeneralisieren eines glücklichen Zustandes", sagt US-Psychologin Samara Quintero.

 

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freizeit Leben, Liebe & Sex
08/28/2020

Toxic Positivity: Der neue Zwang zur Heiterkeit

Was der moderne Selbstoptimierungstrend mit verordnetem Glücklichsein zu tun hat – und welche Gefahren der emotionale Wohlfühl-Druck birgt.

von Marlene Patsalidis

Ein farbenprächtiger Sonnenuntergang, dazu ein bedeutungsschwangerer Spruch in verschnörkelter Schrift: "Das Leben ist so schön, wie man es sich macht." Inhalte wie diese finden sich auf sozialen Netzwerken zuhauf. Vor allem auf Instagram haben Hochglanzbilder gepaart mit Optimismusbotschaften Hochkonjunktur.

Sie verklären ein problematisches Phänomen: das alternativlose Happy-Sein. "Ein Symptom unserer Zeit, das vom Streben nach Selbstoptimierung, Leistungsdruck und dem Zwang zu funktionieren getragen wird", erklärt Karin Flenreiss-Frankl, Klinische und Gesundheitspsychologin. Das umfasse auch den immerwährenden Anspruch, sorgenlos zu sein. Dass dabei niemand mithalten kann, führt ein Blick auf die Statistiken vor Augen: Global gesehen leiden immer mehr Menschen an Angststörungen und/oder Depressionen. Von Letzteren waren 2015 weltweit rund 322 Millionen Menschen betroffen.

Gute-Laune-Pflicht

Der Zwang zur Heiterkeit hat mittlerweile einen Namen, der nichts Gutes erahnen lässt. "Toxic Positivity" nennen es Psychologen, wenn man sich beim kleinsten Anschein von Trübseligkeit mantrahaft gute Laune verordnet. "Toxic Positivity ist die dunkle Seite positiver Schwingungen und das ineffektive Übergeneralisieren eines glücklichen, optimistischen Zustandes", formuliert es die US-Psychologin Samara Quintero in einem Blogbeitrag. Das führe dazu, dass authentische, emotionale Erfahrungen geleugnet werden. "Dann wird Positivität giftig." Im Alltag zeige sich der repressive Umgang mit Gefühlen durch das Verstecken dieser, Schuldgefühle aufgrund negativer Stimmungslagen, dem Herunterspielen und Abwerten negativer Erfahrungen anderer und dem Verleugnen eigener Probleme.

Unter dem Hashtag #ToxicPositivity regt sich nun Protest. Nieder mit der Dauergrinser-Mentalität, lautet der Tenor. Zu Recht, denn: Bei Anflügen von Traurigkeit stets emotionale Abkürzungen zu nehmen, kann riskant sein.

"Die große Gefahr – unabhängig davon, ob man einer psychischen Erkrankung leidet oder nicht – ist, dass unangenehme Emotionen auf Dauer verdrängt und nicht mehr zugelassen werden können. Das befördert eine Selbstwahrnehmung, die besagt 'Wenn es mir schlecht geht, stimmt mit mir etwas nicht'", weiß Flenreiss-Frankl. Dabei sei es ganz natürlich, unterschiedliche Empfindungen in unterschiedlichen Intensitäten zu erleben. "Gefühle sind Ausdrucksmittel dessen, was uns im Außen umgibt. Da dieses Außen vielfältig sein kann, ist es wichtig, dass wir über ein Repertoire verfügen, mit dem wir adäquat reagieren können." Angespanntsein, Wut, Angst, Eifersucht, Ekel oder Enttäuschung sollten ebenso ihren Platz in uns – und der Gesellschaft – haben, wie Freude, Hoffnung und Begeisterung.

Durch Toxic Positivity entstehe fälschlicherweise der Eindruck, durch positives Denken könne alles repariert werden. Zuversicht kann über krisenhafte Situationen hinweghelfen, ein Allheilmittel ist sie nicht. Einem schwer depressiven Menschen positives Denken zu beschwören, kann laut Flenreiss-Frankl schlimmstenfalls dazu führen, dass er am Optimismus scheitert – und tiefer in die Verzweiflung schlittert.

Frohmut in Maßen

Begrifflich erinnert Toxic Positivity an die Positive Psychologie – ein vom US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow in den 50er-Jahren geprägtes Konzept, das in den 90er-Jahren Aufwind bekam und inzwischen eine anerkannte Strömung innerhalb der Psychologie darstellt. Sie beschäftigt sich damit, was der Mensch zum Wohlfühlen braucht und wie man den Grundstein für ein lebenswertes Dasein legt. "Gegen diesen Ansatz spricht grundsätzlich nichts", sagt Flenreiss-Frankl. "Allerdings ist er wesentlich komplexer, als sein Name vermuten lässt. Es geht darum, die Ressourcen des Einzelnen und seine Stärken zu ergründen – und gezielt einzusetzen."

Werden Gefühle langfristig verleugnet, bahnen sich sie einen anderen Weg. Meist treten körperliche Symptome auf. Psychosomatische Beschwerden können von Kopfweh über Rückenschmerzen bis hin zu Magenproblemen reichen. "Im therapeutischen Setting versucht man, verdrängte Konflikte offenzulegen, hinter die Symptome zu blicken und dort Veränderung anzustoßen. Erst dann können sich die Schmerzzustände auflösen."

Wie geht man nun im Alltag mit negativen Gefühlen am besten um? "Das Allerwichtigste ist, dass man darüber spricht – anstatt sie krampfhaft umzukehren. Wenn man in seinen Emotionen ernstgenommen wird, können nach und nach Strategien reifen, mit denen man sich aus krisenhaften Phasen herausziehen kann."

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