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freizeit Leben, Liebe & Sex
09/19/2020

Daniel Glattauer: "Das Schöne am Haben ist das Geben"

Bestsellerautor Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“) im Interview über Geld, Liebe, Wein und sein neues Stück. Plus: Warum er keinen Liebesroman mehr schreiben wird.

von Alexander Kern

Was tun, wenn der Bankomat kein Geld mehr ausspuckt? In Daniel Glattauers neuem Stück „Die Liebe Geld“ steht sein Held vor genau diesem Problem. Dabei möchte er doch nichts anderes, als seiner Frau ein Geschenk zum Hochzeitstag kaufen. Doch der smarte Bankdirektor vertröstet ihn. Redet lieber über die Bank der Zukunft, denn was zählt, ist der Mensch ...

Eigentlich ist der Wiener ja berühmt für Beziehungsgeschichten. Werke wie sein E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“ oder die Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ waren gefeierte Welterfolge, die auch für die Bühne dramatisiert bzw. verfilmt wurden. An seinem neuen Stück (Uraufführung am 24. 9., Kammerspiele der Josefstadt) hat ihn das humoristische Potenzial eines armen Kerls gereizt, der gegen ein System ankämpft. „Es geht um unser kapitalistisches System, in dem die einen auf der sicheren Seite sind und die anderen Bittsteller“, sagt der 60-Jährige über seine Komödie. Wir treffen Glattauer auf einen Kaffee am Fuße der Börse – ganz nah dran am großen Geld. Und reden mit ihm über Geld, Liebe, Musik und Wein.

freizeit: Herr Glattauer, reden wir übers Geld. Einserfrage: Macht Geld glücklich?

Daniel Glattauer: Wenn jemand bescheiden lebt und ihm dieses Leben entspricht, ist er ein glücklicher Mensch, dazu braucht er nicht viel Geld. Umgekehrt: Wenn jemand Milliarden besitzt, aber mit seinem Leben unzufrieden ist, dann gibt ihm Geld keine Sicherheit, sondern sorgt eher für Verunsicherung. Dann hat er es vielleicht nicht geschafft, etwas davon herzugeben. Dabei ist das Schöne am Haben ja: das Geben.

Dieses Glück ist nur nicht jedem vergönnt.

Ja, leider. Jemand, der gern etwas geben möchte und er hat nichts, der ist wirklich bedauernswert. Das Wertvolle am Besitz ist, dass man ihn mit anderen Menschen teilen kann. Wie gesagt: Haben allein ist gar nichts, erst Geben macht glücklich.

Aber viele sagen zum Thema Geld und Glück ja: Wenn ich schon unglücklich bin, dann möchte ich wenigstens in einem Rolls Royce weinen, und nicht in der Straßenbahn.

Manche sind materialistisch gesinnt, andere weniger. Mir eine Yacht zu kaufen, um anderen zu imponieren, fände ich lächerlich. Mit Besitz habe ich nicht viel am Hut. Einzig, schön zu wohnen ist mir wichtig geworden, das habe ich von meiner Frau gelernt. Meine materiellen Top drei sind: gut essen, gut trinken, schön wohnen.

Für Menschen, die nach Geld streben, ist oft nicht der erreichte Besitz ausschlaggebend. Die Befriedigung liegt im Streben selbst.

Allen Menschen geht es prinzipiell darum, geliebt, geschätzt, beachtet zu werden. Es gibt halt verschiedene Möglichkeiten, das zu erreichen. Am besten kommt man an, wenn man echt ist, man muss es nur zulassen. Viele glauben, sie müssen sich verstellen, um interessant zu wirken. Das kann dann zu einem übertriebenen Besitzdenken führen. Jemand glaubt, er gilt umso mehr, je mehr er hat. Das ist vor allem eine Frage des Selbstwertgefühls.

Dann dürfte es damit bei vielen ja nicht besonders gut bestellt sein.

Generationen junger Leute halten einen Typen erst dann für richtig lässig, wenn er ein cooles Auto hat. Ich finde es ärgerlich, dass man mit gekauften Dingen noch immer derart Eindruck schinden kann, obwohl das rein gar nichts mit der Persönlichkeit zu tun hat. Auch lächerlich: Teures Gewand zu tragen, auf dem riesig die Marke prangt. Man glaubt, besonders zu sein, macht sich aber zum Werbeträger und wird eigentlich von der Industrie benutzt. Ich achte immer darauf, dass die Marke nicht zu sehen ist.

Woher kommt dieser Geltungsdrang?

Das frage ich mich auch. Viele Kinder haben das definitiv nicht von ihren Eltern. Bei Prestigeobjekten herrscht natürlich Gruppenzwang. Eine Chefin oder ein Chef in der Klasse gibt etwas vor, und alle anderen müssen mitziehen. Wer hat das coolste Handy? Im Idealfall ist so etwas eine Übergangserscheinung. Erst fühlt man sich aufgewertet, doch irgendwann braucht man das coole Handy gar nicht mehr. Es hilft einem, seine Persönlichkeit zu entwickeln.

Diese Suche nach Anerkennung, war dafür bei Ihnen das Schreiben zuständig?

Eindeutig. Das geht noch auf die Pubertät zurück. Ich habe mir schwergetan, an Mädchen heranzukommen, meine Wünsche waren größer als meine Erfolge (lacht). Ich habe den Mädchen Gedichte geschrieben und hatte auch noch das Bedürfnis, sie ihnen zu zeigen. Nach dem Motto: wenn schon, dann ordentlich. Das hat zwar auch nicht zu den gewünschten Erfolgen geführt. Aber das Schreiben war das perfekte Ventil, um meine Bedürfnisse auszudrücken und aus meinen emotionalen Ressourcen zu schöpfen. Zumal Reden nicht gerade meine Stärke war.

Davon ist heute nichts mehr zu bemerken.

Naja, jetzt bin ich schon geübt. Aber damals hatte ich große Scheu, den Mund aufzumachen. Ich habe mir schwergetan, meine Anliegen zu vermitteln und schnell auf den Punkt zu bringen. Ich musste mir also etwas einfallen lassen – und das war das Schreiben.

Ihre Themen sind üblicherweise Liebesg’schichten und Heiratssachen. Warum wollten Sie diesmal Geld zum Mittelpunkt Ihres neuen Stücks machen?

Wenn ich ein Stück schreibe, bin ich immer auf der Suche nach seelischen Nöten. Es muss etwas Schreckliches passieren, das sich humorvoll abhandeln lässt. Und ich wollte einmal etwas anderes probieren. Die Themen ändern sich, je älter ich werde. In Sachen Liebe habe ich alles durch, von Romanze bis Beziehungskrise. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal einen romantischen Beziehungsroman schreiben werde. Das ist für mich vorbei.

Das wird viele Ihrer Fans enttäuschen.

Wollen die das von mir überhaupt noch lesen? Die sind ja mit mir gealtert. Ich schreibe am besten, womit ich mich gerade beschäftige. So habe ich das immer gemacht.

Zu romantischen Verstrickungen kann es auch kommen, wenn man älter ist.

Der Begriff der Liebe ändert sich: In jungen und mittleren Jahren geht es vor allem um sexuelle Gefühle. Sex ist auch eine gute Basis und hat großes romantisches Potenzial. Später jedoch definiert man den Begriff der Liebe anders. Reize von früher gehen verloren, dafür kommen neue Bedürfnisse dazu, wo es nicht primär um Romantik geht.

Glauben Sie an die große Liebe oder zumindest daran, dass es sinnvoll ist, sich langjährig zu binden?

Für mich persönlich ist die Zweierbeziehung der Idealfall. Meine Frau Lisi und ich sind 1985 zusammengekommen. Geheiratet haben wir genau 20 Jahre später. Sie hat einen fünfjährigen Sohn aus erster Ehe in die Beziehung mitgebracht, den wir gemeinsam großgezogen haben. Mittlerweile sind wir sogar schon Großeltern. Für uns ist es gut gelaufen, aber man muss der Typ und die Typin dafür sein. Es gibt viele Hindernisse. Wenn man die überwinden will, muss man gewisse Eigenschaften mitbringen und auf bestimmte Dinge achten.

Welche sind das Ihrer Ansicht?

Man muss gemeinsame Interessen beibehalten und immer wieder neu schaffen, wenn man langfristig zusammenbleiben will. Man darf aber nicht die ganze Zeit aufeinander picken, das ist gar nicht gut. Jeder braucht unbedingt einen gut abgegrenzten, persönlichen Bereich. Und, ganz wichtig: Wer unzufrieden mit sich selbst ist, kann auch keine glückliche Beziehung führen.

Es gibt viele Gründe, warum eine Beziehung klappen, aber oft noch mehr, warum sie schiefgehen kann.

Stimmt. Oft entwickeln sich zwei auseinander, wollen es aber nicht akzeptieren. Manche bleiben auch aus Bequemlichkeit zusammen, oder wegen der Kinder, oder aus Angst, alleine zu sein. Es gibt viele Hürden. Ich finde, es zahlt sich aus, dranzubleiben. Das ist auch mein Lebensprinzip: Ich bin einer, der immer dranbleibt.

Beharrlich bleiben als Erfolgsrezept, auch wenn es um Zwischenmenschliches geht?

Für mich klappt das, beruflich wie privat. Ich mache nicht viele Dinge, aber was ich mache, da bleibe ich dran. Meine Frau und ich betreuen als Paten seit fünf Jahren drei Jungs aus Somalia, Flüchtlinge. Zwei sind 20, einer ist 18 Jahre alt. Wir haben schon einiges mit ihnen durchgemacht, und auch wenn es zwischendurch mühsam war, sind wir drangeblieben. Ich mag sie total gern. Vor Kurzem waren wir mit ihnen in den Bergen wandern. Sie wussten zwar nicht richtig, worin der Sinn liegt, einen Berg zu besteigen, aber sie haben brav mitgemacht und wir hatten es lustig (lacht).

Woran haben Sie noch Freude, wenn Sie Abwechslung zum Schreiben suchen?

Vieles, das ich als Jugendlicher gerne gemacht habe, holt mich wieder ein. Ich gehe zum Beispiel wieder gern auf ein Fußballmatch, zu meinem geliebten Wiener Sport-Club. Und ich bin zur Musik zurückgekehrt. Als Jugendlicher habe ich Gitarre gespielt, mehr gereizt hat mich aber immer schon das Klavier. Also habe ich mir ein Piano gekauft und bei einer Musikerin Unterricht genommen. Heute spiele ich fast jeden Tag eine Stunde. Großer Pianist werde ich keiner mehr. Aber ich habe eine unbändige Lust entdeckt, selber zu komponieren. 15 kurze Stücke habe ich schon beisammen. Strikt für den Privatgebrauch. Wobei: Meiner Nachbarin gefällt es, sagt sie, wenn sie mich Sonntagmorgen am Klavier spielen hört.

Geben Sie Ihren Klavierstücken Namen?

Manchen. Eines heißt „Die Einäugige“. Und zwar deshalb, weil ich vor drei Jahren einen Netzhautriss erlitten habe, operiert werden musste und nur mit einem Auge sehen konnte. Während des Lockdowns habe ich ein kleines, wehmütiges Walzerstück namens „Coronas letzter Walzer“ komponiert. Das meiste ist recht schwermütig, viele Moll-Klänge. Mein Bruder sagt, es klingt wie französische Filmmusik. Die Stücke sind jedenfalls pure Emotion für mich.

So wie früher Ihre Gedichte. Kramen Sie die manchmal noch hervor und sind peinlich berührt?

Beim Übersiedeln vor einem halben Jahr sind mir nach Langem wieder Gedichte und Texte von früher in die Hände gefallen. Ich habe bemerkt, was für ein wahnsinnig nachdenklicher Bursche ich damals war. Gegen diese Tiefgründigkeit von damals bin ich heute geradezu oberflächlich. Ich habe aber auch darunter gelitten, so nachdenklich zu sein. Mir hat der Humor gefehlt, ich war zu ernsthaft, zu verbissen, etwa wenn ich verliebt war  – und das kommt ja bekanntlich gar nicht gut an. Früher hat mir die Leichtigkeit gefehlt.  Die hole ich heute nach. 

Ich habe das Gefühl, Sie erfüllen sich gern Ihre Träume. Ich nehme an, selber Wein zu produzieren, zählt da auch dazu?

Ich liebe den Wein und die Weinlandschaft. Auch Kellergassen haben mich fasziniert. Und so kam es zu einer Ausnahme, nämlich dass ich etwas Bestimmtes besitzen wollte: einen kleinen Weinkeller. Einfach, um davor zu sitzen und Wein zu trinken. Mehr wollte ich nicht.  Wir haben uns dann in einen tollen Weinkeller in Feuersbrunn am Wagram verliebt und den gekauft. Da war ein Weingarten dabei. Was tun damit? Die logische Antwort war: Wein! Wir machen die Gartenarbeit selbst;  Barbara Öhlzelt aus Zöbing keltert uns den Wein. Es ist ein Gemischter Satz, er heißt „Gut gegen Nordwind“. 

Trinkt er sich so, wie sich Ihre Bücher lesen?

Er kommt leicht und locker daher und ist sehr wertvoll für mich. Als ich die erste Weinflasche aus meinem eigenen Weingarten in der Hand halten durfte, war das ein ähnliches Gefühl für mich wie mit dem ersten Buch. Ich finde es schön, wenn es einem im Leben vergönnt ist, Produkte zu schaffen, die andere genießen können. Das gilt für Bücher genauso wie für Wein.

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