© Andreas Teich

Klaus Maria Brandauer ist 70
11/12/2013

Auch ein Mensch

Elvis Presley, Vogelbeerschnaps und „Jedermanns Fest“: Zu Besuch in Klaus Maria Brandauers Wiener Dachterrassenwohnung. Ein fast normaler Nachmittag.

von Joachim Lottmann

Klaus Maria Brandauer, auch ein gefürchteter Regisseur, überlässt nichts dem Zufall. Schon der Beginn wird eiskalt inszeniert: Der Aufzug sei leider defekt, kichert er fast diabolisch durch die Gegensprechanlage. Der arme Reporter muss 125 massive Stufen bis zum 6. Stock des imperialen Gebäudes erklimmen. Ganz oben, ausgepumpt und fertig, darf er dem strahlend in Pose gesetzten Superstar die Hand geben.

Toller Einstieg. So etwas hat er von Fritz Kortner (1887 bis 1970), seinem prägenden Lehrer. Inzwischen ist er fast so alt wie Kortner damals, aber ist er auch so geworden? Erratisch, streng, undurchschaubar? Nein, wir treffen auf einen alterslosen, vergnügten und in seine junge Frau verliebten Menschen, der Spaß am Dasein hat und Muße. Auch dieses Treffen – für jeden anderen wäre es Business – nimmt er als Gelegenheit, sich zu vergnügen. Die Partnerin sitzt mit am Tisch. Die Getränkefrage geklärt. Was soll es sein? Ich bitte um einen Martini bianco. Den gibt es nicht. Dann einen Vodka? Gibt es nicht. Gin Tonic? Gibt es nicht. Was gibt es denn? Tja … äh … vielleicht eine alte Flasche Vogelbeerschnaps! Gut, die soll es sein. Zur Not wäre mir sogar ein Glas Leitungswasser recht.

Die Flasche kommt, ist aber nicht zu öffnen. Der Bühnengott selbst bohrt an dem unseligen Ding herum, dann seine liebenswerte Frau, sie heißt Natalie, dann ich, dann wieder Brandauer. Das ganze Korkmaterial zerbröselt. Ein Teesieb wird aufgetrieben, damit wird eine Restmenge der Flüssigkeit gerettet. Ich könne auch eine Flasche Lafitte de Clignancourt oder so ähnlich – ich verstehe kein Französisch – aus dem Jahr 1948 haben, meint er. Den müsse er aber erst suchen. Vielleicht sei er in der Bettwäsche versteckt. Ich lehne vorsichtshalber ab.

Ich mag sein Gesicht. Also den Menschen. Nicht eine Sekunde fühle ich mich unwohl, trotz, nein, wegen der Streiche. Dieser Mann ist weder 70 noch 50 oder 40 Jahre alt. Das ist ein Teenager oder ein lustiger Student von Anfang, Mitte zwanzig, wie in dem Stück Emilia Galotti. Das kann man als DVD kaufen, Kortners berühmteste Inszenierung. Klaus, wie seine Frau ihn nennt, spielt da den Fürsten. Aber nicht wie einen Staatsmann oder eine ältliche Respektsperson, sondern wie einen verliebten Kindskopf. Man könnte auch sagen: Er spielt einen jungen Mann, der einen alten Mann spielt. Wie auch immer – es sieht echt aus. Kritiker meinen, Brandauer sei in allen Rollen gleich. Richtig, denke ich, er ist immer er selbst und deshalb so angenehm. Er trägt jeden Film, in dem er mitspielt, egal wie saumäßig das Drehbuch und haarsträubend schlecht der Regisseur ist.

Erst mal ein bisschen Smalltalk. Seine überaus angenehme Frau bietet an, einen Kaffee zu kochen. Das ist nicht schlecht, denn auch Brandauer trinkt rasch und viel von dem Vogelbeerschnaps. Wir reden über den „Jedermann“, dieses grässliche Stück, mit dem jeder schlechte Schauspieler in den Boulevard-Medien prahlt. Sogar Ben Becker, unbestritten der schlechteste Mime aller Zeiten, hat es geschafft, dort aufzutreten. Ich sage also: „Die Aussage des Stücks ist falsch. Sie lautet: ,Die Menschen sind eitel, geldgierig und oberflächlich, und sie denken nicht an den Tod, bis er eines Tages zuschlägt’. In Wirklichkeit sind sie aber verzagt, nachdenklich, zärtlich, denken jeden Tag an den Tod, schreiben Tagebuch und verlieben sich, ziehen Kinder groß und so weiter. Warum haben Sie so lange bei diesem falschen Stück mitgespielt?“ Er senkt den Kopf, lässt sich Zeit, schüttelt sich dann regelrecht und antwortet: „Die Frage überfordert mich.“

„Lassen Sie mich einfach noch ein bisschen dozieren …“, sage ich. Er ist einverstanden. Ich rede über meine Kindheit, wohl wissend, dass sie der seinen ähnelt, wenn ich sie etwas zurechtbiege. Brandauer war ein Mutterkind, wurde abgöttisch geliebt und immer gelobt. Während meine Mutter mir einredete, ich sei der künftige Kennedy, hielt seine Mutter ihn für fähig, Burgschauspieler zu werden. Er wurde es. Mit so viel Begeisterung und Zukunftsoptimismus aufgezogen, traute er sich alles zu und schaffte es anstrengungslos. Kennedy dagegen wurde ermordet, und im Weißen Haus sitzt heute Obama. Mein Karma geht anders als seins. Endlich unterbricht er mein Psychologisieren und fragt, ob ich den Film „Jedermanns Fest“ kenne. Ich bejahe, denn ich habe mich natürlich optimal vorbereitet. Er will wissen, wie ich ihn finde, und ich gebe ihm die entsprechende Antwort. Daraufhin blickt er schwermütig in die Ferne. Der Zugang zur Dachterrasse ist offen, es ist heiß und die Fenster sind weit auf. Fast alle Häuser sind niedriger, nur die Oper selbst kann mit Brandauers Palais mithalten. Schließlich sagt er: „Hier habe ich oft mit dem Regisseur des Films gesessen. Ich war mir damals sicher, er würde etwas ganz Großes schaffen. Ich hatte so gehofft, der Film würde ein Millionenpublikum haben …“

Tatsächlich ist der Film ungewöhnlich und ohne Beispiel. Fast vier Stunden lang belässt er den Zuschauer in einem Schwebezustand zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen der hinreißenden Schönheit des Lebens und seinen vielen unnötigen Entwertungen. Man ist in einem Sog. Brandauer wiederholt sich nicht, fast glaubt man, sein ganzes langes Leben zu erahnen. Jedoch: kein Mensch wollte den Film im Kino sehen. Erst heute, 13 Jahre später, gewinnt er allmählich Kultstatus. Ich tröste: „Das ist das Gute im Zeitalter des Downloadens: Solche Meisterwerke setzen sich langsam und unbemerkt durch, quasi schleichend. In 50 Jahren hat jeder den Film auf der Festplatte, während ein Schrott wie ,Harry Potter’ längst vergessen sind.“

Welche Musik mögen Sie eigentlich?“ Ein neues Thema. Sehr interessant. Beide sind Fans der Gruppe ZAZ. Sofort springt Natalie auf, holt den Computer und spielt ein paar Stücke. Wir hören noch mehr Musik. Er ist natürlich mehr im klassischen Fach zu Hause. Aber plötzlich greift er zu Elvis Presley. Nun steigt die Stimmung. „Love me tender“, „Hound Dog“ und das erste Album.

Das ist seine Jugend. Das sind seine Pubertätsjahre, die ja immer die bestimmenden für den Musikgeschmack sind. Plötzlich ist er elf, zwölf, dreizehn Jahre alt. Er tanzt um den Computer herum. Auch Natalie wirkt noch mädchenhafter als ohnehin schon. Sie ist begeistert und hat einen roten Kopf gekriegt. Ihr Klaus! Sie kennt ihn, seit sie auf der Welt ist. Sie ist die Enkelin einer guten Freundin des Hauses Brandauer, nämlich der legendären Wirtin des „Gasthaus Krenn“ im 110-Seelen-Dorf Pürgg. In Altaussee, dem Domizil der österreichischen Theaterelite von altersher, ist Brandauer aufgewachsen. Das Gasthaus war die wichtigste Institution der Gegend – und ist es noch immer.

Das Ende naht. Die beiden müssen zum Flughafen. Um 17 Uhr geht ihre Maschine. Tatsächlich haben wir zu zweit die ganze Flasche Vogelbeerschnaps ausgetrunken – eigentlich müssten wir lallen. Doch wir sind sehr klar. Das selbstgebrannte Zeug – ein Freund hat es Klaus überlassen – war richtig gut.

Wir können uns gar nicht trennen. Brandauer interessiert sich auf einmal für die aktuelle Hitparade, wie man früher sagte, also die Top-100-Charts, und ich schreibe ihm die vordersten zehn Plätze auf. Natalie holt die ersten beiden gleich wieder aus dem Netz, also das entsprechende „Pink“-Video und das von „Icona Pop“. Beim ersten fallen Klaus sofort und geradezu zwanghaft bessere Umsetzungsformen ein. Der Regisseur erwacht. Er würde Pink ganz anders rumlaufen und agieren lassen, ganz andere Pirouetten drehen lassen, anders sprechen und singen lassen, mit Kunstpausen und mehr egomaner Theatralik. Wie bei Kortner eben. Oder wie im Max-Reinhard-Seminar, wo Brandauer jahrzehntelang die Nachwuchsschauspieler drillte. Er hat das brutal gemacht, gnadenlos, zynisch. Das war sein Ruf. Nur die wenigsten, die bei ihm anfingen, hielten bis zum Ende durch, aber das waren dann auch spätere Superstars wie Birgit Minichmayr oder Philip Hochmair.

Schlecht spricht keiner über den kompromisslosen Zuchtmeister, im Gegenteil. Jeder sagt, ihm alles zu verdanken. Er sei absolut im Recht gewesen bei allen Ratschlägen und Befehlen, so hart es sich auch angefühlt habe.Hart? Brandauer? Ich sehe einen glücklichen, lieben Menschen winken, lange mir nachwinken, als ich die hohen Treppenstufen wieder hinuntersteige.Bestimmt fahren die beiden kurz danach mit dem Lift hinterher.

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