Dubrovnik besitzt die schönsten und stabilsten Festungsbauten des Mittelmeerraumes – und doch haben die Menschen dieser Stadt auch ihre Verwundbarkeit kennen gelernt.

© Andrea Schraml

Dubrovnik
11/12/2013

Fels in der Brandung

So viele Kostbarkeiten auf einem Fleck: Uralte Mauern, unendliches Meer, strahlende Sonne und ursprüngliches Flair. Dubrovnik, die steinalte Stadt mit schmerzlicher Vergangenheit.

von Jürgen Preusser

Luka ist fünfzehn und kann noch immer auf dem schrägen Steinvorsprung stehen, der in die uralte Mauer gegenüber der Kirche eingearbeitet ist. „Wenn du hier zwanzig Sekunden stehst, bist du entweder noch ein Kind, oder aus Dubrovnik“, sagt er. Alle Touristen versuchen ihr Glück, alle. Und alle müssen sie nach ein paar Sekunden wieder runtersteigen. „Nur wer hier geboren ist, kann auf diesem Stein sein Gleichgewicht halten.“Luka war noch nicht auf der Welt, als die Stadt von der serbischen Armee beschossen wurde. „Die Serben haben meinen Onkel getötet“, erzählt er. „Von dort oben, vom Berg aus.“ Heute ist all das Geschichte, aber längst nicht vergessen. Noch immer arbeiten Restauratoren im uralten Gemäuer des einstigen Ragusa und auf den roten Tondächern der Bürgerhäuser. Doch es geht längst nur noch um den Feinschliff, um Kleinigkeiten, die den Touristen gar nicht auffallen.

Es gibt keinen, der in Dubrovnik lebt und diese Stadt nicht für die schönste des gesamten Mittelmeerraumes hält. Getrübt wird dieser Eindruck oft nur durch schwimmende Fünfsterne-Paläste, die in der Nähe der rund zwei Kilometer langen Stadtmauer vor Anker liegen. Doch die Bestimmungen werden immer schärfer, die Gebühren immer höher. „Wie Hornissen fallen die Menschen aus den Kreuzfahrtschiffen über uns her“, krächzt Ante Pilic und pfeift durch eine Zahnlücke. Der alte Herr war bis vor fünf Jahren Hafenarbeiter und kennt sich aus. „Sie fressen alles auf und blitzen öfter als jedes Schirokko-Gewitter!“ Dann lacht er: „Aber wir leben von ihnen. Meine Tochter hat eine Pizzeria, im Sommer braucht sie sieben Köche! Sieben!“ Ob der Siebzigjährige, der seiner gegerbten Haut wegen wie ein Neunzigjähriger aussieht, auch noch auf dem Stein stehen kann? „Natürlich!“, schnauzt er zurück. „Aber dann müssen Sie mir meinen Bauch halten.“

Danke, nein. So weit geht die Freundschaft nicht. Jetzt lacht er wie ein Russe in einem Spionagefilm: „Cha, cha, cha!“ Aber die Tochter kocht gut. Das sieht man.

Jardinca ist eine Leseratte. Sie hat in Zagreb Geschichte studiert und wünscht sich manchmal das Jahr 1377 herbei. „Damals“, erzählt die Siebenundzwanzigjährige, als wäre sie dabei gewesen, „damals haben sie die Reisenden auf der kleinen Insel Lopud und in der Stadt Ploče vierzig Tage lang in Quarantäne gesperrt. Aus Angst vor der Pest.“ Manche sehen die Touristen noch immer als Pest und wünschen sie zum Teufel. Zumindest, wenn sie sich nicht zu benehmen wissen. „Ich hab einem italienischen Skipper die Landeleinen zurück auf sein Schiff geschmissen“, berichtet Ante. Sind Italiener denn grundsätzlich böse? Die Stadt trug doch einst den prächtigen italienischen Namen Ragusa? „Nein“, lacht Ante. „Aber wenn die unter der alten jugoslawischen Flagge mit dem roten Stern anlegen wollen, dann haben sie hier nichts verloren.“

Einleuchtend. „Cha, cha, cha!“ Dubrovnik hatte in seiner mehr als 2000-jährigen Geschichte viel durchmachen müssen, doch die Wunden des Balkankrieges sind noch immer nicht verheilt. Das liegt einerseits an einem ganz eigenen Lokalpatriotismus, andererseits an einem fast beispiellosen Freiheitsdrang: „Für alles Gold dieser Welt werden wir unsere Freiheit nicht verkaufen“, sagte der Schriftsteller Ivan Gundulić Ende des 16. Jahrhunderts, als die Osmanen im Begriff waren, die Stadt einzunehmen.

„Ich bezweifle, dass wir Dubrovčani heute noch nach diesem Grundsatz leben“, sagt Jardinca mit tiefen Falten auf der Stirn. Ihr Blick fällt ausgerechnet auf eine Gruppe von Wienern, die lärmend aus einer Seitengasse auf die Prachtstraße Stradun kommen. „Natürlich in Sandalen, natürlich schulterfrei, natürlich in kurzen Hosen!“ Die junge Frau mit ihren langen, schwarzen Haaren wirkt nicht besonders konservativ. „Doch die machen mich wütend! Die sollten Strafe zahlen, wenn sie sich so anziehen. Dann brauchen wir alle nichts mehr zu arbeiten.“ Dubrovnik ist ein Literatur- und Theaterzentrum, ist Welt-Kulturerbe, zieht immer mehr die High Society an und kann es sich einfach nicht leisten, verwahrlost und missbraucht zu wirken: In der Nacht wird eine Putzbrigade kommen und den wie Marmor geschliffenen Steinboden von Zigarettenstummeln und einmassierten Kaugummis zu befreien.

In Schlapfen gehen, Kaugummi-Kauen und Tschick austreten… Das alles ist noch gratis, denn die Altstadt wirkt sauber, ist laut Prospekt ein „Schmuckkästchen“. Eine Runde auf der Stadtmauer kostet sehr wohl Geld. Noch sind das Kuna, bald Euro. Ab Juli ist Kroatien bei der EU. Die Gefühle sind gemischt. „Wir haben schon Schlimmeres überlebt.“ Diesen Satz hätte ich von Ante, dem Alten erwartet. Nicht von Luka, dem Altklugen.

Nerven kostet der Spaziergang auf der sechs Meter breiten Mauer übrigens auch: Die Stimme einer kroatischen Reiseführerin, die in der Stahlhütte Deutsch gelernt haben muss, ist barbarisch. Besonders das gekreischte Wort „Fortifikationssystem“. Heißt nicht viel mehr als Stadtmauer. Doch keines der Touristenschafe traut sich, danach zu fragen. Wenn die Gouvernante „Perle der Adria“ sagt, klingt das wie aus einem Leni-Riefenstahl-Film.

Im Abendlicht beginnen die glatt polierten Steine der Straßen zu glänzen. Rotes Licht fällt durch die Säulen des Glockenturms und der Kirche Svet Vlaho. (St. Blasius ist der Schutzpatron der Stadt). Der Sonnenuntergang ist … nein, kitschig wäre gemein. Er scheint von einer leichten Brise aus dem Westen noch angefacht zu werden und nimmt kein Ende. Die ehemalige Felseninsel Ragusa, die im zwölften Jahrhundert mit dem Festland künstlich verbunden wurde, ist zum Meer hin ausgesetzt, ein Sinnbild für die Freiheit und das Selbstbewusstsein dieser Stadt. Es ist, als gehöre die Sonne nur ihr allein.

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