© Jeff Mangione

freizeit
10/28/2014

Dirk Stermann: Der Gschichtldrucker

Eine Geschichte von beinahe zeitloser Schönheit. Dirk Stermann hat immer irgendeine Premiere. Die nächste am 5. November mit dem neuen Satireprogramm „Für die Eltern was Perverses“.

von Ro Raftl

Willkommen. Stermann im Café Ansari. Wer’s nicht kennt: Praterstraße 15. Auf diesem intimen idyllischen Platz unter hohen alten Bäumen im angesagtesten Viertel der Stadt. „Das Döbling der letzten Jahrhundertwende“, erklärt der eingewienerte Duisburger. Und. Dass hundert Quadratmeter Altbau im Zweiten leicht 2.000 Euro kosten. Weshalb er einen Altbau am Rudolfsplatz im Ersten bewohnt, weil der Erste aus der Wohnmode gekommen ist. Aber. Von seiner Terrasse schaut er aus der Hängematte auf den Stephansturm. TiVi hat er nicht, der TiVi-Kabarettist, doch ein Hochbeet angelegt. Frei nach Fiona Grassers Empfehlung an die Menschheit. Hm. Die hat der Pointenschleuderer vergessen. Schwärmt einfach. Dass er eigenes Gemüse erntet. Und Zwetschken. Und Erdbeeren: „Plötzlich sind die in den Ritzen zwischen den Steinen aufgetaucht, genug, um Marmelade draus zu machen. Unkraut mannshoch, Dschungel zuhaus’, als ich vor zwei Jahren aus den Dschungeln von Costa Rica heimkam. Abends ist es so ruhig. Mein glücklichster Ort.“ Er wohnt alleine dort, seit der Trennung von seiner Frau. „Koch’ auch für mich alleine, Ofengemüse und so. Bin gern’ zu Hause, nach zumindest hundert Abenden pro Jahr auf Tour.“ Der Donaukanal, der Karmelitermarkt, die Gasthäuser im angesagten Zweiten liegen fußfreundlich nah. Café Ansari also. Auch, weil er das Personal kennt. Es hat beim Dreh der Filmkomödie „Verliebt in eine Leiche“ gecatert. Großartig. „Organic food“, so gesund, so fantasievoll gewürzt. Stermann, dem bei richtig gutem Essen Glückstränen die Wangen runterkullern können, ehrt das.

„Verliebt in eine Leiche“ kommt im Frühling ins Kino, wahrscheinlich unter einem anderen Titel, bloß weiß noch keiner genau, unter welchem. Geht um drei midlifekrisengekerbte Kerle aus einem Saxofonkurs, die einem elternlosen afrikanischen Einwanderer zu seinem Lebenslied verhelfen. Wär’ er nicht Waise, hätt’ er’s einem afrikanischen Märchen zufolge von seinen Eltern geschenkt bekommen. Es wird ein Welthit, so viel ist klar. Stermann gibt das Haarmodel Barney, ergraut und folglich blond gefärbt. Gut für Schlagzeilen, als er blondiert in „Willkommen Österreich“, erschien. Nun: Antonin Svoboda, der ihn, Christoph Grissemann und den Hamburger Comedian Heinz Strunk schon 2007 mit dem Film „Immer nie am Meer“ ins Kino brachte, führt wieder Regie. Stermann sagt, dass sie mit Martin Gschlacht ein Genie an der Kamera hatten, was ihn froh macht. Dass in Tschechien und in der Wiener Kattus-Villa in Döbling gedreht wurde, wo er angesichts des düster verfallenden 900-Quadratmeter-Jahrhundertwende-Baus in staunenden Trübsinn verfiel, als sie Tage und Nächte dort verbrachten: „Tja. Der letzte Erbe hat sich umgebracht ...“ Dass sie im Dezember noch in Tansania drehen werden, und: „Wenn wir Ebola überleben, am 1. Jänner mit Heinz Strunk ein Hotel in Gran Canaria beziehen, um zu schreiben. Das wird schön. Jeder arbeitet für sich, und dann trifft man sich zum Essen, Trinken und inspirierendem Reden.“ Grünes Licht. Ironische Untertöne seien bei der Beschreibung eines Radikal-Unterhalters nicht nötig. Ehrlichkeit die beste Waffe: „Wenn mir jemand was Echtes erzählt. Von einem geglückten Leben, von Dingen, die ihm gelungen sind. Das Geraunze, dass alles g’schissen ist, interessiert mich nicht. Der satirische Zugang ist in Wahrheit eine Waffe der Schwachen.“

„Christoph weiß fast alles von mir. Unsere Beziehung verändert sich natürlich auch, je nachdem, wie viel Stress wir beruflich haben.“

1,87 Meter. 48 Jahre alt. Seit 26 Jahren Berufswitziger, in der Methode Satire bis zum Holzhammerschwung dem um ein halbes Jahr jüngeren Grissemann verbunden. Wir rekapitulieren: Stermann hat Theaterwissenschaften und Geschichte studiert, kam als Numerus-Clausus-Flüchtling nach Wien, wollte um keinen Preis Lehrer werden, eventuell Dramaturg. Doch schöner, dass 1991 „Salon Helga“ im ORF-Radio FM4 zum Kult gedieh, ab 2007 „Willkommen Österreich“ folgte. Anfangs als explizit schwarzgemalte Persiflage der althergebrachten lieblichbiederen Fernseh-Illustrierten: Die ersten zehn Folgen thematisierten düster grundgetönt Ängste aller Art, die Experten wurden mit Sinnlosfragen torpediert. Ein Relaunch, ein zweiter, und wir haben WKÖ heute vorm Aug’, jeden Dienstag in der ORF-Comedy-Leiste „Die. NACHT“. Unverblümt, frech, pointiert, politisch, bisweilen untergriffig, mitsamt Rückziehern und Entschuldigungen, immer Lachen, manchmal bis zum Seitenstechen. „Der Witz von WKÖ besteht im Verhältnis der beiden zueinander. Ihr Dasein als altes Ehepaar schamloser Unterhaltung breiten sie genüsslich aus“, konstatierte „Die Presse“ bei Gelegenheit. „Akzeptanz durch Penetranz“, heißt das in Stermanns Diktion. Er gibt den Außenminister, wortkeusch nur in Privatangelegenheiten. Kompagnon Grissemann schweigt grundsätzlich lieber. „Christoph weiß fast alles von mir“, sagt sein Unzertrennlicher. „Unsere Beziehung verändert sich natürlich auch. Je nachdem, wie viel Stress wir beruflich haben. Er kann ganz viel machen, was ich nicht kann. Ist der deutlich bessere Darsteller und wesentlich radikaler in seiner Verweigerungshaltung der Öffentlichkeit gegenüber. Er glaubt, wenn ich Interviews gebe, ich dränge an die Öffentlichkeit. Wenn ich U-Bahn fahre, tu’ ich das, um gesehen zu werden. Glaubt nicht, dass man ein neues Programm bewerben muss. Hat angedeutet, dass er keine PR für den Film machen will.“ Na ja. Wenn sie ablehnen, den Songcontest 2015 zu moderieren, wird halt Stermann angerufen und im Namen des Duos zeitungsauf-zeitungsab zitiert: Oscarpreisträger Christoph Waltz sei besser geeignet, das mit Conchita Wurst zu machen, schließlich seien beide Bartträger: „Die Bärte passen zu Österreich“. Boing. „Nein, nein“, antwortet er auf die Frage, ob er die WKÖ-Gäste niemals hasst oder beißen will, „im Prinzip mögen wir die meisten, sind darauf programmiert, nachher mit ihnen einen trinken zu gehen. Freut uns, wenn Elke Heidenreich ihrer Freundin Senta Berger, die nicht zu uns kommen wollte, nach der Sendung eine Mail schickt, dass wir okay sind.“ Eh klar. Trotzdem: Was täte der „Metzgerssohn aus Duisburg“ ohne den „Mehlspeisen und Pornos“ liebenden Grissemann? „Inzwischen könnt’ ich ja schreiben“, meint er, „Kolumnen zu schreiben, macht großen Spaß.“ Im „Wiener“ tut er’s und in den „Salzburger Nachrichten“. Wer die nicht liest, hat sich vielleicht seinen Roman einer Entpiefkenisierung reingezogen: „6 Österreicher unter den ersten 5“. Wurde ein Bestseller vor vier Jahren, wirklich lustig. Kam vergangenen Mai verkürzt, verdichtet, dramatisiert im „Rabenhof Theater“ auf die Bühne.

Stermanns Zweitling „Stoß im Himmel“, Untertitel „Schnitzelkrieg der Kulturen“ hingegen ist weniger mundgerecht zubereitet: Vier Handlungsstränge, schöne Details, aber bissl zu viele. Wen wundert’s bei der Überfülle von Pointen, Personen, Begegnungen in seiner Wirklichkeit. Über seinen „seltsamen Beruf“, sagt er, sei er zum Menschen- und Geschichtensammeln gelangt. Zu der 85-jährigen Soziologin Annelie Keil beispielsweise, die er bei einer NDR-Talkshow traf, mit der er bis vier Uhr früh in der Hotelbar übrig blieb, die ihm – nicht ganz unbegründet – zwei Sätze mitgab: „Du musst Brüche wagen im Leben. Jeder Bruch ist ganz wichtig und bringt dich weiter.“ Grad eben hat sie ihm aus Grönland gemailt. „85. Unfassbar.“ Er freut sich wie ein Kind. Seele blinkt. Er weiß mittlerweile, „dass ich zu dem Beruf kam, weil ich meinem Vater mit Witz gefallen wollte“. Der nicht Metzger, sondern Stadtwerksverwalter war, „aber so selten da, und wenn, Zeitung lesen wollte und seine Ruhe haben. Mit acht oder neun hab ich ein Theaterstück verfasst, in dem das Wort Erbaufteilung vorkam – und dafür hat er mich gelobt.“ Kann sein, dass er auch deshalb von Herzen gevatert hat. Bis zum Besuch des Elternabends. „Nichts Schöneres, als dem Kind vorm Einschlafen Geschichten vorzulesen.“ 22 ist Tochter Hannah jetzt, studiert Psychologie und Psychotherapie, und er ist froh, dass sie weiß, was sie will. Für sie kocht er genauso gerne. Erinnert sich an seine Riesensippschaft, die vielen Großonkel und Großtanten, ihre großen Gärten mit Gemüse und Obst, einen Bauernhof mit den schwerintensiven Gerüchen nach Blut, Wurst und Geräuchertem – und an ihr Arbeitsethos. „Reichtum ist mir keine Freude der Seele. Ich brauch’ keine Yacht. Wir sind doch alle so reich. Können essen gehen, wenn wir wollen, können verreisen. Ich find’s okay, Steuern zu zahlen, selbst wenn ich manchmal glaube, dass ich der Einzige bin.“ Gesteht sich nolens volens ein, dass die Zeit ab 50 knapp wird, dass man sorgsamer mit ihr umgehen muss, Dinge tun, die einem am Herzen liegen.“

Im Sommer hat er bei den Impulstanzwochen nackt mit Doris Uhlich getanzt. Neigt dem Tanz zu, seit er bei seinem ersten Wiener Studentenjob Ismael Ivo „beleuchtet“ hat, schaut sich jährlich ein paar Produktionen an, und als Doris, die immer nackt tanzt, mit ihm moderieren sollte, fanden sie’s albern, dass er angezogen bleibt. „Fotografieren war verboten, „Seitenblicke“ durften nicht filmen, aber es hat mir 10.000 Euro Therapiestunden erspart.“ Gefällt ihm auch, dass „Dolly Buster gesimst hat“. Ja, Deutschlands Expertin für Sinnlichkeit. Ex-Porno-Queen mittlerweile, da sie zwei Buster-Pasta-Läden betreibt. Was sie als Gast für „Soul Kitchen“ prädestiniert hat, ein Experiment der NDR-Doku-Abteilung, von Stermann moderiert: „Fünf Leute, die einander nicht kennen, kaufen miteinander ein, kochen und essen, von Mittag bis Mitternacht. „Heikel, weil sich die Leute so nahe kommen, dass sie total intime Dinge zu erzählen beginnen. Nach der Aufzeichnung sind wir noch in die Nebenkneipe gegangen, um weiterzufeiern. Jetzt hat sich Dolly für den schönen Abend bedankt. Spaßig, auch mal in Deutschland zu arbeiten. Ich hab’ mich die Karriereleiter runtergebumst bis zu einer Kochshow, hab’ ich gesagt. Das geht in Deutschland. In Österreich nicht.“ (Gesendet wird Anfang nächsten Jahres). Da läuft auch das Programm „Für die Eltern was Perverses“ schon super, in dem Stermann & Grissemann diesmal mit Oliver Welter, dem Frontman der – laut Pressetext – „legendären Kultband“ Naked Lunch eine Stunde vor dem Auftritt bei der Charity „Gewalttätige Mütter gegen Übergewicht“ über die Abgründe des Showgeschäfts klagen. Auf Stermanns persönlicher Richterskala „spielt man die ersten 50 Vorstellungen eines Programms, „um es richtig gut zu können“, die nächsten 50 sind super, die weiteren 150 bis 250 rangieren unter „fad“ bis „gequält“, dann folgt bei ihm „nur noch Kopfschmerz“. Er braucht einfach immer was Neues, verflucht sich beim Schreiben, weil er arbeiten muss und nicht auf der Couch liegen kann. Aber. Der innere Antrieb. „Grissemann kann gut lange dasselbe spielen“, weshalb mit „Stermann“, ihrem letzten Programm zu zweit, auch nach dem 250. Mal noch nicht Schluss ist. Aber angekommen? „Das bist erst, wenn du im Sarg liegst“, grummelt er ins Dessert. Wobei er’s für fatal hält, wenn Leute in ständiger Sorge leben, dass man stirbt. „So lange ich lebe, ist es mir auch scheißwurscht, ob ich begraben oder verbrannt werde.“ Fromm? „Bin ich nicht. Glaub’ an ein Universum. Dass wir so lange leben, so lang man sich an uns erinnert.“ Andererseits: „Einen Grabstein, auf dem täglich frische Blumen liegen, brauch’ ich nicht.“ Er geht. Auf seine Terrasse. Jetzt. Wohnen.

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