© IAN EHM

Wein
04/09/2019

Die steirischen Winzerrebellen

Einst als Spinner verschrien, heute gefeiert. Christina Fieber über fünf Winzer, die zu Wegbereitern eines neuen Weinstils wurden.

Es war ein brütend heißer Sommer. In den meisten heimischen Weinregionen klagten die Winzer über extreme Temperaturen und Trockenheit. Nur in der Südsteiermark verzeichnete man 2018 Rekordniederschläge. Tagsüber herrschte Hitze, abends sintflutartiger Regen, erzählt Ewald Tscheppe: „Es hat gedampft wie im tropischen Regenwald.“  

Das schwierigste Jahr

Hohe Temperaturen und Feuchtigkeit sind der ideale Nährboden für Pilzerkrankungen der Trauben. Es sei das schwierigste Weinjahr gewesen, an das er sich erinnere. Als Biowinzer ist er von Pilzkrankheiten besonders bedroht, darf er doch nicht, wie im konventionellen Weinbau, akut mit Chemie eingreifen. Es ging glimpflich aus: Die Rebstöcke seien durch die langjährige ökologische Bewirtschaftung robuster gegenüber Krankheiten geworden.

Ewald Tscheppe ist Mitglied von „Schmecke das Leben“, einer Gruppe fünf steirischer Winzer, die schon vor 20 Jahren auf Bio-Weinbau und Zurückhaltung im Keller schwören. Ein gallisches Dorf in einer Zeit, wo synthetisch chemische Spritzmittel und moderne Kellertechnologie ihre Hochblüte erlebten, wo man die Weine gerne je nach Mode auffrisierte und sie einander immer ähnlicher wurden.

Keine süßen Fruchtbomben

Die rebellischen Winzer wollten hingegen unverfälschte und einzigartige Gewächse machen – anders als alles, was man bislang für gut und richtig befand. Weine, die nicht am Reißbrett entworfen werden, sondern möglichst natürlich entstehen. Lichtjahre entfernt von den süßen Fruchtbomben, die den Markt beherrschten.
Fremd, wild und zuweilen verstörend. Nichts für ängstliche Gaumen. Wagemutigen hingegen eröffneten sich neue, aufregende Geschmackswelten. Hierzulande wurden sie dafür belächelt, international waren ihre unorthodoxen Weine dagegen heiß begehrt.

Der weitgehende Verzicht auf Eingriffe und Zusätze bei der Traubenverarbeitung macht die Weine purer und eindringlicher. So wird etwa nicht mit künstlichen, sondern mit natürlichen Hefen spontan vergoren, also ohne Kontrolle. Schwefel, der Weine haltbar machen soll, setzt man, wenn überhaupt, nur in Minimengen zu. Ein Sakrileg für Weintechniker, sind sie doch überzeugt, dass Weine ohne Schwefel dem Tode geweiht sind.

Orange Wines

So viel Laisser-faire im Keller ist umstritten und wird in der Fachwelt leidenschaftlich diskutiert. Auch die sogenannte „Orange Wines“ erhitzen die Gemüter: ein uraltes Verfahren, bei dem weiße Trauben wie rote mit der Schale vergoren werden. In den Schalen befinden sich Gerbstoffe und Farbpigmente, die den Wein prägen. Weißweine sind dann nicht mehr weiß, sondern orange und schmecken auch nicht mehr nach exotischen Früchten, sondern nach Kräutern oder Gemüse. Für die einen eine sensorische Zumutung, für andere der Inbegriff puren Geschmacks.

Die rebellische Winzergruppe wagte sich als eine der ersten an die unkonventionelle Weinverarbeitung – dafür wurden sie hierzulande fast gesteinigt. Im Ausland hingegen fand man Gefallen an den wilden steirischen Weinen – sie wurden in den trendigsten Gourmettempeln von Helsinki bis Chicago gelistet. Epizentrum des Naturweinhypes war Kopenhagen: Die sogenannte „Nordic Cuisine“ mit dem Kultrestaurant Noma als Flaggschiff lechzte schon vor Jahren nach schrägen und puristischen Weinen abseits des Mainstreams – bei den fünf Steirern wurden sie fündig.

"Wein der Stille"

Franz Strohmeier sicherte die enorme internationale Nachfrage das Überleben: Seine Gewächse mit so poetischen Namen wie „Wein der Stille“ kommen ohne Schwefelzugabe und andere Kellertorturen aus – in Österreich bekrittelten konservative Trinker sie als fehlerhaft – in den Metropolen der Welt wurden sie Kult. Der visionäre Winzer hat einen Exportanteil von knapp 90 Prozent,  verteilt auf 23 Länder. Strohmeier gilt als zurückhaltender Mensch – keiner der in die Welt schreit, wie gut seine Weine sind – die Welt kommt zu ihm: Jedes Jahr pilgert eine Delegation japanischer Sommeliers in das weststeirische Dorf, um orange Sauvignon Blancs und sprudelnde Schilcher zu verkosten. Das manische Streben der japanischen Spitzenküche nach hochqualitativen Produkten und puristischer Zubereitung verlangte nach ebensolchen Weinen.

Auch Sepp Muster wird in der internationalen Naturweinszene wie ein Popstar gefeiert. Zu Beginn seiner Karriere produzierte auch er noch Weine nach gängigen Kriterien mit Hilfe all der Raffinessen moderner Kellertechnologie.  „Geschmeckt haben sie mir nie“, gesteht er heute. Auf einer längeren Auslandsreise kam er dann 1998 mit ökologischer Landwirtschaft in Berührung, besuchte Kurse und war begeistert. Zurück in der Steiermark bewirtschaftete er seine Weinberge biodynamisch, griff immer weniger in die Weinwerdung ein – und, siehe da, die Weine wurden spannender, oder wie Muster glaubt, lebendiger.
In seinem Umfeld sahen das freilich einige anders: „Man riet mir, die Weine in den Kanal zu leeren, weil sie nicht den herrschenden Geschmacksnormen entsprächen!“, erzählt er.
 Doch Muster setzte noch eins drauf: 2003 kostete er erstmals die maischevergorenen Weißweine des Friulaners Josko Gravner, der die alte Methode wieder entdeckte. Muster schmeckten die herben Tropfen auf Anhieb, also probierte er es selbst aus: Heute ist er ein Meister maischevergorener Weine: Sein Sauvignon „Gräfin“ zählt zu den feinsten und charaktervollsten Weinen der Steiermark.

Allmählich scheint sich das auch bei uns herumzusprechen: Immer mehr, vor allem junge Weintrinker, möchten sich nicht mehr önologisch belehren lassen, sondern selbst entscheiden, was ihnen schmeckt. Sie wollen sensorisch etwas erleben – unkonventionelle Tropfen wie die der fünf Steirer empfinden sie nicht als bedrohlich, sondern aufregend.

Der weltweite Trend nach unverwechselbaren Gewächsen, die ihre Herkunft zeigen, scheint auch hierzulande zu greifen. Gewächse wie sie etwa Andreas Tscheppe erzeugt, der schon mal ein volles Fass in der Erde vergräbt, um den Wein ungestört reifen zu lassen. Oder auch Roland Tauss, der neben den gängigen steirischen Sorten einen Blaufränkisch erzeugt – so fein und eindringlich, wie ihn nur wenige Burgenländer hinkriegen. Uniforme Weine gäbe es genug, befindet er. Die Welt brauche mutige Weine.

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