© Kurier/Juerg Christandl

Perlen-Reihe
02/13/2016

Der gute Rat im Kleinformat

Sie gehörten zu unserer Jugend wie Mannerschnitten oder Schwedenbomben: Die Büchlein der Perlen-Reihe mit ihren Ratschlägen für alle Lebenslagen, von praktisch bis banal. Jetzt wurde der Verlag wiederbelebt.

von Eva Gogala

Es gibt Ratschläge, die sind einfach unbezahlbar. Dieser zum Beispiel: „Schlechte Zimmergerüche werden durch einen im Raum aufgestellten Eimer Wasser angezogen. Denselben Dienst leistet eine Schale Salz.“ Oder dieser: „Alte Filzhüte können noch als Einlegsohlen Verwendung finden.“ Oder dieser vielleicht: „Nikotinflecke auf den Fingern sind immer unschön. Man streut auf eine Zitronenscheibe etwas Bimssteinpulver und reinigt damit die gefärbten Stellen.“ Sie stammen aus dem hilfreichen Büchlein „500 Winke, 500 Sachen, die jeder Hausfrau Freude machen“, ein Band aus der „Perlen-Reihe“. „Der gute Rat im Kleinformat“ lautete der Slogan für die handlichen Büchlein, die sich früher in nahezu jedem österreichschen Haushalt fanden. Und die jetzt wieder erscheinen. Google und Wikipedia zum Trotz. Der Mief der 1950er-Jahre ist ausgelüftet.
Gegründet wurde die Perlen-Reihe im Jahr 1948 von Adalbert Pechan, bis dahin Süßwarenhandelsvertreter. Sein Motto: „Praktisches und Wissenswertes für jeden“. Das Angebot reichte von Sportbüchern über Anleitungen zum Patiencenlegen bis Kartenspielen und Gesellschaftstanz. „Perfekt tanzen – Selbstunterricht, 500 Abbildungen“, hieß dieses Bändchen und die Abbildungen hatten es in sich. Wer da hoffte, sich vom Mauerblümchen im Ballsaal zur begehrten Tanzpartnerin zu entwickeln, fand sich vermutlich mit verdrehten Beinen auf dem Popo sitzend wieder.

So kompliziert mutete die Anleitung an, dass sie wohl nur von begnadeten Tänzern befolgt werden konnte.
Auch nicht schlecht, der Erziehungshilfe-Band „Der gute Ton für meinen Sohn“. Ein gewisser Martin Heinzl verfasste da im Jahr 1959 „Ein ABC rechter Lebensart und richtiger Lebensauffassung für Gymnasiasten und ältere Buben“. Bemerkenswert, was er denen auf ihren Lebensweg mitgab. Unter dem Stichwort „Duell“, angesiedelt zwischen „Disziplin“ und „Dünkel“, schrieb er, dieses werde von wirklichen Ehrenmännern als dumm und unfair abgelehnt. Und allen, denen das nicht reicht, schreibt er ins Stammbuch: „Töten ist überhaupt unanständig.“ Genau.
Für Leserinnen war natürlich auch etwas dabei: „Kosmetik von 16 bis 70 ... ja, meine Damen“ hieß dieses Werk von Diplomkosmetikerin Wilma Vorstandlechner. Die geneigte Leserin wird darin auch über mögliche Ursachen von Nasenröte informiert. Die ist „in den meisten Fällen von Zirkulationsstörungen bedingt, in selteneren Fällen kann entweder Alkohol (Rum im Tee) oder Genuss von Kaffee die Ursache sein“. Starker Tobak für Schnapsdrosseln.
Da war das Büchlein mit den „Prüfungsfragen für alle Führerscheingruppen“ schon eher hilfreich. Generationen von Fahrschülern, die ihre Prüfung schon vor dem Computerzeitalter ablegten, werden sich an die gefinkelten Vorrangbeispiele erinnern, die es zu lösen galt. Oder Beispiele zur Berechnung der Überholstrecke.
Oder der von Fahrschülern gefürchtete „Vertrauensgrundsatz“, an den sich nach erfolgreich abgelegter Prüfung kaum noch einer erinnern wird: „Jeder Straßenbenützer darf darauf vertrauen, dass andere Personen die für den Straßenverkehr maßgeblichen Rechtsvorschriften befolgen, außer man müsste annehmen, dass es sich um Kinder, Seh- oder Hörbehinderte mit weißem Stock oder gelber Armbinde handelt ...“ Hätten Sie es gewusst? Das Fahrschulbuch jedenfalls war der Bestseller. Auflage um Auflage erschien, jeweils angepasst an die aktuelle Gesetzeslage, weit mehr als eine Million Exemplare wurden verkauft.
Nach dem Tod von Adalbert Pechan lief der Verlag immer schlechter. Die Hilfe zur Selbsthilfe war nicht so gefragt wie in der Nachkriegszeit. Doch nach mehreren Eigentümerwechseln steht er jetzt auf neuen Beinen. Ulla Harms, eine junge Buchhändlerin, die die Herausforderung nicht scheut – sie gründete am Kriemhildplatz im wenig kulturaffinen Grätzel hinter der Wiener Stadthalle das „Buchkontor“ – ist die neue Herrin der Perlen-Reihe. Pro Jahr erscheinen fünf bis sechs neue Titel, die meisten Büchlein kosten weniger als 10 Euro. „Es gibt gewisse Dinge, die darf man nicht sterben lassen. Das ist wie Schwedenbomben oder Manner-Schnitten ein österreichischer Traditionsbetrieb“, sagt Harms. Dass heutzutage kaum jemand mehr Zaubertricks oder Tanzschritte aus einem Bücherl lernen will, ist ihr klar. „Das Internet ist eine wesentlich größere Konkurrenz für uns als für andere Verlage“, sagt sie. „Es gibt keine Lexika mehr und die Kinder holen sich für die Schule Grillparzer gratis aufs iPhone.
Doch Ulla Harms denkt positiv: „Ich glaube an das Buch. Es tut uns manchmal sehr gut, wenn wir offline sind.“
Und so bringt sie jedes Jahr fünf bis sechs neue Perlen-Reihe-Bände heraus. „Die Titel dürfen kein Ablaufdatum haben.“ Ein Highlight etwa ist das Buch für Schwammerlfreunde mit dem schlichten Titel „Pilze finden“. Das Besondere daran: Es setzt als einziges einschlägiges Buch auf Zeichnung und Fotos zur Bestimmung der Pilze. Denn in Natura können sich die Beutestücke aus dem Wald leicht von allzu perfekten Zeichnungen unterscheiden. Die Fotos in diesem Buch sind die Ausnahme. Sonst gibt es weitestgehend Illustrationen. Die Tradition will es so. Also etwa bei der Neuauflage des „Schusterbuben-Traumbuches“, bei dem jedem Traum eine Zahl aus dem kleinen Lotto zugeordnet wird und wo der Traum vom Glück wörtlich zu nehmen ist. Oder bei den Neuerscheinungen „Der grüne Daumen – Das 1x1 für Balkon und Terrasse“ oder bei „Alles Yoga!“, dem „Rucksackbuch rund ums Wasser“ oder dem „Wegweiser durch die schönsten Wienerlieder“.
Dieser gute Ton hat kein Ablaufdatum.
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