Das nackte Leben

dunkelnack4.jpg
Foto: Getty Images/Niko Guido Ohne Kleider, ohne Sattel, ohne Sporen: Was manchen schon in Gedanken Schmerzen bereitet, ist für einige selbstverständlich.

Es gibt fast nichts, was man nicht auch ohne Kleider tun könnte. Und nichts, das nicht tatsächlich nackt getan wird. Vom Reiten übers Radfahren bis zum Gärtnern und sogar Schneeschuhwandern.

Wenn Ihnen Ihr Nachbar demnächst mit nichts als einem Schlauch und einer Gartenkralle in den Händen aus seiner Thujenhecke entgegentritt, wundern Sie sich  nicht und seien Sie auch nicht empört. Möglicherweise ist er am 3. Mai so richtig auf den Geschmack gekommen. Das war nämlich heuer der „World Naked Gardening Day“ (WNGD),  der seit 2005 an jedem ersten Samstag im Mai  zelebriert wird.
Warum? „In erster Linie, weil’s Spaß macht. Fast jeder kann es tun, es ist familienfreundlich und  kostet nix. Ohne einengende Kleidung kann man an der Verschönerung der Natur arbeiten“, sagen die Verfechter dieser Bewegung, die sich, ausgehend vom  Gärtnerparadies Großbritannien, weltweit verbreitet hat.

teil2

Naked Gardeners
Foto: Getty Images/John Rogers

teil3

Nacktheit liegt offenbar im Trend, und es ist längst nicht mehr nur der Strand der Platz, an dem die Hüllen fallen. Zum Beispiel beim Reiten. Es funktioniert, auch wenn geübte bekleidete – männliche – Reiter allein beim Gedanken daran, was ohne schützende Kleidung mit heiklen Körperteilen passieren könnte, ihr Gesicht  prophylaktisch vor Schmerz verziehen. „Alles kein Problem.  Nur beim Pferdeputzen müssen wir drauf achten, dass sie einem nicht auf die Füße treten“, sagt der begeisterte Nacktreiter Michael. Ansonsten: Auf geht’s. Ohne Sattel, ohne Schuhe, ohne Sporen – und ohne Gewand auf dem Rücken des Pferdes, das nur Zaumzeug trägt. Falls keine helfende Hand fürs Aufsitzen zur Stelle ist, dann tut es ein Stockerl oder eine Kiste auch. Ulrike, die das Nacktreiten zum ersten Mal probiert, ist jedenfalls begeistert. „Das ist ein viel engerer Kontakt zum Pferd als sonst.“  Das Pferd sollte halt womöglich Brennnesselstauden oder stachelige Sträucher meiden.
 

teil4

Was auf dem Rücken des Pferdes geht,  klappt  auch auf dem Fahrrad. Auch wenn hier Protest das Motiv für den 2001 in Saragossa, Spanien, ins  Leben gerufenen „World Naked Bike Ride“ war. Devise: „Komm so nackt, wie du dich traust.“ Aus Protest gegen die Umweltverschmutzung durch den Autoverkehr und zur Propagierung des Fahrrads als  Verkehrsmittel.
Dagegen ist das Nacktwandern nahezu schon Alltag. Franz Rutar, der erst im Februar 91-jährig verstorbene Pionier, stammt aus Österreich. Er richtete vor mittlerweile 30 Jahren in der Nähe von Klagenfurt den ersten, drei Kilometer langen Nacktwanderweg ein. In Deutschland gibt es erst seit 2010 den Harzer Naturistenstieg, immerhin 18 Kilometer lang. Statt Hemd und Hose tragen die Wanderer  Gelsenspray und viel Sonnencreme auf der  nackten Haut. Kleider werden nur auf Asphaltstraßen, in Ortschaft und in Gasthöfen getragen. So ist dafür gesorgt, dass Konflikte mit Angezogenen ausbleiben und es zu keiner „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ kommt.
Sogar die Behörden drücken mitunter ein Auge zu. Die  Schweizer Lokalzeitung „Prättigauer Bote“ berichtete etwa vor einiger Zeit von vier „Zipfel-Stürmern“, die nur mit Schneeschuhen bekleidet bei sonnigem Wetter in den Bergen unterwegs waren. Sie grüßten die bekleideten Bergkameraden höflich, und als Kinder ihren Weg kreuzten,  bedeckten sie ihre Blöße. Nacktwandern darf in der Schweiz allerdings dennoch  bestraft werden, ein einschlägiges Urteil des Kantons  Appenzell wurde jüngst bestätigt. Bezahlen mussten die Nackerpatzeln aber nicht. Ihre Tat war verjährt.
 

video

4155 / Wanderer
Foto: M. Henley / Visum / picturedesk.com
(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?