über ihre neue Verantwortungslosigkeit.
08/31/2013

von Polly Adler

Das Kind, so wurde mir kolportiert, postete auf Facebook ein Stillleben unseres nahezu leeren Kühlschranks. Die Statusmeldung zu den drei mürrischen Tomaten an Senfgläsern lautete: „Mami, wann kommst du nach Hause?“ Natürlich sind wir nicht befreundet, in der Gesichtsbücherei, wo käme man denn hin, wenn das Erziehungspersonal jede Bewegungsmeldung auf dem Präsentierteller serviert kriegt. Ja, meine letzten Wochen standen unter dem Slogan einer Kreditkarte: „Die Freiheit nehme ich mir!“ Ich tourte mit einer Sporttasche durch die Länder und deponierte ab und zu bei den Rezeptions-Feen unseres Redaktions-Towers Kuverts mit Geldbeträgen, denen ich Zettelchen mit Variationen folgenden Inhalts „Viel Spaß – Dein Dich immer liebender Bankomat“ beifügte. Nachdem ich im letzten Jahr durch den Abnabelungs-Prozess regelrecht gefetzt wurde und mir dabei die Augen leer und rot geheult hatte, beschloss ich, mit der neuen Verantwortungslosigkeit zu schmusen. Rabenmutter – volle Kraft voraus! Nach 19 Jahren endlich keine Kläff-Tiraden mehr à la „Hast du den Werkkoffer eingepackt?, „Die Französische Revolution inhaliert?“, „Einen Lebensplan angedacht?“ oder „Solange du hier lebst, hast du dich Regeln unterzuordnen“ etc. Jahrelang hatte ich von ihr die Statusmeldung „Ich bin kein kleines Kind mehr und dich geht das alles nichts an“ vor den Latz geknallt bekommen. Jetzt folgte ich ihr endlich. Ich führte also mein spätes Teenager-Leben, steckte ab und zu den Kopf in die Fortpflanz-Behausung, und forderte keine Wir-müssen-dringend-reden-so-geht-das-nicht-weiter-Termine ein. Ich fühlte mich wie Sisi auf Korfu. Das Kind war von all diesem liebevollen Desinteresse dermaßen überrumpelt, dass es auf Facebook die Selbsthilfe-Gruppe „Wir wollen nie erwachsen werden!“ gründete. Polly gefällt das nicht.

www.pollyadler.at

Polly Adler spendet in „Adieu Fortpflanz“ Trost und Ratlosigkeit von der Erziehungsfront und erzählt, warum man sein Kind zwar immer liebt, aber manchmal dennoch nicht leiden kann.

240 Seiten, 22,95 Euro bei www.thalia.at

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