Burning Man

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Foto: /TASCHEN VERLAG Fata Morgana oder die erste, lange erwartete Sichtung von Frank Zappas "Muffin Man"? Bei "Burning Man" in der Wüste von Nevada muss man auf alles gefasst sein

In zwei Wochen findet in der Wüste von Nevada wieder das schrägste Festival der Welt statt – „Burning Man“. Hippies, Freaks und Computer-Millionäre aus dem Silicon Valley reichen einander dabei die Hand.

Eine Fata Morgana? Ein seltsamer Traum? Oder ist es eher der pure Wahnsinn? Menschen in merkwürdigen Kostümen ziehen durch den Sand,   mechanische Kreaturen  im  Mad-Max-Stil sowie riesige Holzfiguren im Gefolge – und  das ausgerechnet dort, wo außer Hitze wenig existiert: Im Niemandsland  von Black Rock im nördlichen Nevada.


Willkommen beim „Burning Man“-Festival. Seit nunmehr 25 Jahren wird im weit entfernten Hinterhof des  Silicon Valley an acht Tagen im Jahr die Sau rausgelassen. Techno-Party, Hippie-Happening, Woodstock in der Wüste. Der ausgelassene Trubel hat  ein bisschen  was von alledem und ist doch einzigartig: Immerhin findet sich da in zwei Wochen  eine schräge Gemeinschaft von fast   70.000 Besuchern auf nichts als heißem Wüstenboden ein.

Ein gigantischer Spaß. Dabei hat alles nur begonnen, weil einer großen Kummer hatte – Larry Harvey. Der bald 70-jährige Landschaftsarchitekt und Freigeist trommelte 1986 knapp zwei Dutzend Freunde zusammen, um am Baker Beach bei der Golden Gate Bridge in San Francisco nach einer verflossenen Liebe  neuen Lebensmut zu schöpfen.

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Gut, seien  wir ehrlich, im Wesentlichen wurde viel Bier getrunken. Der Höhepunkt  des Wochenendes aber war wirklich sensationell –  das Abfackeln eines hölzernen Mannes. „Burning Man“.

Die Action sprach sich herum wie ein Lauffeuer, und die   Party wurde größer und größer, bis sie 1990 in die  Black Rock Desert übersiedelte. Anfangs folgten ein paar Hundert Teilnehmer dem Ruf der lebenslustigen Kreativen. Zehn Jahre später war die Zahl der Festival-Gäste bereits auf mehr als 25.000 angewachsen.


„,Burning Man ist eine jener Geburtstagspartys, bei der du es nicht schaffst, sämtliche  Kerzen auszublasen", sagt Larry Harvey am Vorabend der  großen Feierlichkeiten. 25 Jahre „Burning Man“. Wow! Eine respektable Leistung für ein Ereignis, das als Experiment startete und bis heute keines jener  Merkmale aufweist, die man gemeinhin mit einem Festival verbindet.

  

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„Es gibt keine Hauptbühne, keinen Starkult, keine muskelbepackten Ordner in schwarzen Security-Hemden. Burning Man ist eine ephemere (dt. kurzlebige)  Stadt, die eine Woche lang dort besteht, wo eigentlich keine Stadt sein sollte“, heißt es im Vorwort eines opulenten Bildbandes, der  zum Jubiläum dieser Tage im Taschen-Verlag erscheint.


Mehr noch. Nicht erst seit dem vorjährigen Motto „Karawanserei“ gilt: „Die Gäste hinterlassen  Black Rock Desert nach dem Festival ebenso unberührt, wie sie die Wüste vorgefunden haben.“    Ein   Glück also, dass der kanadische Autor und Fotograf NK Guy für  „Burning Man – Kunst und Kult“ das ganze Drumherum und die besten Kunstwerke aus den letzten Jahren zusammengestellt hat.

Viele davon leuchten ab Einbruch der Dunkelheit, erhellen auf fast gespenstische Weise die umliegende  Wüstenszenerie und sorgen so  für den magischen Zauber des Festivals. 

Video

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Burning Man 2014: Caravansary

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Heuer lautet das Motto "Carnival of Mirrors"

Dass hier alles eine Tendenz zum Monumentalen und Spektakulären aufweist, erkennt  man leicht an den Dimensionen der Hauptattraktion der ganzen Veranstaltung – „Burning Man“. Von einer  lediglich  drei Meter hohen Figur  hat sich die hölzerne Skulptur  zu einer imposanten, mehr als fünfzehn Meter hohen, feuerspeienden Special-effect-Maschine gemausert.  Im Vorjahr folgte ein gewaltiger Sprung: Der „Man“ wuchs auf eine nie dagewesene Größe von 32 Metern an. Das Abfackeln dieser Pracht ist vielen noch heute in guter Erinnerung.


Dabei ist der namenspendende Fixpunkt  beileibe nicht alles, was die  Blicke der Abertausenden Besucher auf sich zieht. Unter großen Anstrengungen wurde schon alles Mögliche in die Wüste gekarrt: Ein mechanischer, feuerspuckender Tintenfisch genauso wie ausladende, aufwendig geschnitzte Holztempel,  überdimensionale  Fahrräder und sogar von einem Elektromotor betriebene  lebensgroße  Muffins, die mit ausgewachsenen Mannsbildern an Bord   über den Wüstenboden fegen.    Wenn man nur will, kann also Kunst im öffentlichen Raum durchaus mächtig Spaß machen ...


Heuer steht das gesamte Fest unter dem Motto „Carnival of Mirrors“. Larry Harvey, Mastermind von „Burning Man“,  möchte damit den klassischen, altmodischen  Jahrmarkt mit Gauklern, Wahrsagern und der kindlichen Faszination des Spiegelkabinetts  wieder aufleben lassen: „Ob wir in den Spiegel schauen oder ein Selfie von uns machen,  es geht seit  Jahrhunderten um dieselbe Frage: Wer bin ich eigentlich?“   

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Aha! Der allererste Google-"Doodle" war der "Man" von "Burning Man"

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Foto: Grafik: Google

Selbstreflexion wie diese kommt an der US-Westküste besonders gut an. So kann es auch kein Zufall sein, dass das allererste „Doodle“ der Internet-Suchmaschine Google ausgerechnet die Holzfigur des eher schlichten „Man“ dargestellt hat. Im Jahr 1998 war das. Die Erklärung: Die Google-Gründer  Larry Page und Sergey Brin wollten damit  schlicht ihre Anwesenheit beim Festival „Burning Man“ ausreichend ausdrücken und dokumentieren.

Wer jetzt Gusto bekommen hat, braucht sich nicht zu grämen: Die heiß begehrten Karten für den befristeten Eintritt in eine andere, eine wirklich komplett andere Welt sind längst vergeben.

Für nächstes Jahr dürfen Unerschrockene, die sich selbst von Wüstenstürmen, Wetterextremen und wahnsinnigen Künstlern nicht vom Träumen abhalten lassen,  vielleicht  auf Restplätze hoffen. Billig ist das Ganze sowieso nicht. Ein VIP-Ticket für die komplette Woche kommt auf 800 US-Dollar, eine normale Karte auf 390 US-Dollar. Ohne Unterkunft und ohne Verpflegung, selbstverständlich. Weil  Wüste.

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Foto: /TASCHEN VERLAG

Eine Kategorie von "Burning Man" lautet: "Die Kunst des Tempels". Bitte schön, der hier ist ein wirkliches Schmuckstück. Davor und daneben: Fahrräder en masse, da der gewöhnliche Autoverkehr hier strikt untersagt ist

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Bis dahin bleiben die Fotos des Kanadiers  NK Guy. David Best, erfahrener Designer von aufwendigen  „Burning Man“-Tempeln, sagt über sie:  „In ihnen zeigt er die wilde, verrückte Kunst, die Möglichkeit für Schönheit und Vergebung, die wir zu Werken wie den Tempeln verbauen. Das Kunstwerk ist vielleicht hinterher verschwunden, aber seine Bilder halten fest, was wir dort draußen in der Wüste gemacht haben und warum die Kunst von Burning Man einzigartig ist.

(KURIER-freizeit am Samstag) Erstellt am
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