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Gastbeitrag
09/28/2021

Autor Michael Stavarič über seine Leidenschaft Schach

Der erste Griff des Tages gilt dem Handy: Schriftsteller Michael Stavarič über seine Leidenschaft für Schach-Online-Quickies.

von Michael Stavarič 

Schnapp mir also einen jeden Morgen mein Smartphone, während andere vielleicht noch Zähneputzen, Tee und Kaffee zubereiten, sich kämmen, überlegen, was sie bloß anziehen und wie detailliert sie die Wetterapp studieren sollen, sich vielleicht auch nur gepflegt unterhalten.

Ich schnapp mir das Handy morgens nicht etwa, um meinen Social-Media-Posting-Whatever-Status zu managen (das mache ich freilich auch, doch später), nein, ich spiele tatsächlich Schach. Einfach so zum munter werden, was mitunter bedingt, nicht gerade seine bestmögliche Spielleistung abzurufen, allerdings verfügt man gleichzeitig über eine veritable Ausrede, warum ein Spiel nicht gut läuft.

Stur vor mit dem Königsbauern, Springer raus, mit dem Läufer Schach geben, Rochade absolvieren – und immer noch keinen genauen Plan haben. Hat man ohnedies oft genug, also keinen Plan im Leben, endlose Vorsätze und Absichten freilich, doch setzt man sich selbst im Kopf regelmäßig matt.

Hauptsache flott

Ich spiele übrigens nur Blitzschach, für das normale Spiel fehlt morgens (und auch tagsüber) wirklich die Zeit, man muss ja tatsächlich noch die Haare waschen, sich anziehen, ernsthaft Arbeiten, Schreiben etwa, Bücher und all so was. Mein „Morgenschach“ führt allerdings auch dazu, dass ich meine, vormittags meine produktivsten Kreativphasen aufzuweisen, irgendwie regt das Spielen grundsätzlich das Denken an. Geeignete Apps gibt es viele, ich spiele freilich grundsätzlich nur gegen Menschen.

Unlängst schrieb mir ein deutscher Kollege, er spiele nur gegen Maschinen (also Computer). Die spielen eleganter. Sind eine größere Herausforderung. Und es erfährt auch keiner, wenn man Partie um Partie in den Sand setzt. Ich spiele ausschließlich gegen Menschen, weil ihre Art Schach zu spielen, chaotischer ist. Oder auch stereotyper. Und ich habe auch nichts dagegen, zu verlieren.

Ehrlich gesagt verliere ich morgens etwa jede dritte Blitzschachpartie, man hat hierbei ja auch nur eine Minute Zeit, um sich was Sinnvolles zu überlegen – und klar übersieht man einiges, was man besser hätte wissen müssen. Falls man zu oft gewinnt, lost einem die App immer stärker werdende Schachspieler zu, gegen die man ohnehin nur verliert. Was auf Dauer äußerst unbefriedigend ist, ab und zu muss ein jeder, der Schach spielt, auch gewinnen, sonst hält man sich für einen Totalversager. Und eines muss an dieser Stelle in aller Deutlichkeit angemerkt werden: Je öfter man Schach spielt, umso besser wird man.

Ich weiß noch genau, wann ich zum ersten Mal Schach gespielt habe, es war kurz nach der Emigration meiner Eltern nach Österreich. Beide mussten ziemlich viel arbeiten, um unserer kleinen Familie ein annehmbares Leben zu ermöglichen – und ich (sowie auch meine Schwester) wurden von einem benachbarten, älteren Ehepaar beaufsichtigt. D.h. ich wurde von der Schule abgeholt, in den Park mitgenommen, Deutsch konnte ich damals nicht wirklich, also setzte mich mein späterer Firmpate namens Marcellus vor ein Schachbrett (er war ein begeisterter Schachspieler) – und wir unterhielten uns via Schach.

Er brachte mir bei, wie die Figuren handzuhaben waren, welche Züge sich jeweils anboten (vor allem bei der Eröffnung), und welche unter allen Umständen vermieden werden sollten. Also etwa, debil mit allen Bauern gleichzeitig vorzurücken. Schach war meine erste Form von Kommunikation in Österreich, wenn ich es so recht bedenke, ich spielte gegen Marcellus (und andere Männer aus seiner Pensionistenrunde), verlor eine jede Partie – und fühlte mich dennoch zugehörig. Schach macht erwachsen, hat er mir des Öfteren eingebläut, und das Leben sei nichts anderes als Schach.

Sieg gegen den „Weltmeister“

Später an der Handelsakademie spielten wir regelmäßig in den Pausen Schach (bzw. in den Unterrichtsstunden), der Schuldirektor war in einem Schachklub, es konnte also nur von Vorteil sein. Zudem saß damals im einzigen einigermaßen urban wirkenden Kaffeehaus alltäglich ein Mann, den alle nur „Weltmeister“ nannten. Gegen den konnte man immer Schach spielen – und natürlich hochkant verlieren. Wenn er einem Schach gab (was oft vorkam), untermalte er dies mit vermeintlich markigen Sprüchen wie „Schach, bis das die Berg erzittern“ oder „Schach, du Amöbe“.

Unser einziges Ziel war es, ihn einmal nur zu besiegen, was mir tatsächlich auch gelang. Vielleicht hatte er am Vorabend einfach zu viel gesoffen, der Weltmeister galt als gestandener Alkoholiker, jedenfalls verlor er die Partie, was ihn absolut fassungslos machte. Er spielte, so weit ich mich erinnern kann, nie wieder mit mir. Und gegen mich schon gar nicht.

Erinnerung an die Kindheit

Ich besitze im Übrigen immer noch das Schachbrett, das mir Marcellus vor Ewigkeiten geschenkt hatte, holzgeschnitzte Figuren (kein Plastik wohlgemerkt), die ich manchmal einfach nur so zur Hand nehme, um mich an die Kindheit zu erinnern (und auch etwas staune, dass keine von ihnen je verloren ging). Manchmal versuche ich sogar, jemandem Schach beizubringen – freilich nur Menschen, die es überhaupt nicht können. So wie es Marcellus damals mit mir gemacht hat, einfache Grundlagen, wie die Figuren ziehen, was eine Standarderöffnung ist, worauf man achten muss.

Schach ist schließlich ein Gespräch, eine Tanzstunde, man kann es so anlegen, dass immerzu klar ist, was ungefähr die nächsten Züge sein müssten (wenn man sich an den Plan hält). Auch beim Blitzschach erfährt man sofort etwas über die Psychologie seines Gegenübers – ist dieser jemand, der ihm angebotene Figuren schlägt, oder vermeidet er diese Aufforderungen. Ist er aggressiv (was in meiner Schachwelt bedeutet, schnell mal die Dame ins Spiel zu bringen), oder liegt ihm an einem langsamen Aufbau, Absicherung vor Risiko. Selten spiele ich übrigens gegen Westeuropäer – die App, die ich verwende, schlägt mir nahezu immer Gegner aus dem Nahen Osten bzw. Russland vor. Offenbar spielen dort auch mehr Menschen Schach, vor allem morgens. Na ja, oder abends, hängt schließlich von der Zeitverschiebung ab.

Genug getippt, es ist morgens, ich schnapp mir jetzt wieder das Handy, ruhigen Gewissens freilich, da ich hiermit ja schon gearbeitet (also geschrieben habe), ich spiele mal zwei, drei Blitzschachpartien und schaue, was der Tag so bringt. Und – um meinem deutschen Kollegen noch einen kleinen Schachtipp von Stefan Zweig mit auf den Weg zu geben: Für das Schach ist wie für die Liebe ein Partner unentbehrlich.

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