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05/28/2020

Welle der Empörung

Weil die Stadtverwaltung einen geliebten Steg abreißen ließ, stiegen die Bewohner von Port Philip in Australien auf die Barrikaden. Nun soll ein neuer Meerespfad gebaut werden. In Form einer Welle.

Weil die Stadtverwaltung einen geliebten Steg abreißen ließ, stiegen die Bewohner von Port Philip in Australien auf die Barrikaden. Nun soll ein neuer Meerespfad gebaut werden. In Form einer Welle.

Es war einmal ein kleiner Steg am Südstpitz Australiens. Es war kein schöner Steg. Aber es war ein besonderer! Über hundert Jahre diente er Einheimischen und Besuchern von St. Kilda Beach als heimlicher Hotspot. „Brookes Jetty“ nannte man das etwas unförmige Gebilde liebevoll.

Steg der Romantik

Brookes Jetty war also allseits beliebt. Um über das Meer zu schlendern. Um mit der Natur in Kontakt zu kommen. Hier führte man seine Romanze zum Picknick aus. Man sprang ins Wasser und man machte Heiratsanträge. Oder feierte auf dem 1,2 Meter schmalen Steg gleich Hochzeit. Weil: „Hier kann man den schönsten Sonnenuntergang Australiens genießen“, betonte man stets stolz.

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Doch die Sache hatte einen Haken: Die alten Holzpfeiler. Sie wurden morsch und instabil. „Zu gefährlich“ nannte es die Gemeinde der dazugehörigen Stadt Port Philip irgendwann. Und so kam es, wie es kommen musste: Unter lauten Protesten der Bürger wurde „Brookes Jetty“ 2015 abgerissen.

Seither klafft ein Loch am Strand.Und in der Bürgerseele.

Also gründete eine private Gruppe besonders großer „Brookes Jetty“-Fans alsbald eine Initiative, um St. Kilda Beach wieder zu dem zu machen, was er einmal war: Ein Eldorado für Schwimmer, Romantiker und Naturgenießer.

Gewinner aus Portugal

Tatsächlich fand das Unterfangen bei der Stadtregierung Unterstützer. So wurde ein Architektur-Wettbewerb ausgelobt – und nun das Gewinnerkonzept präsentiert:

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Das portugiesische Architekturbüro JJs Arquitectura konnte sich mit einem eleganten Entwurf gegen 105 Mitbewerber durchsetzen.

Altes, neu gedacht

Der Sieger-Vorschlag zielt darauf ab, den einstigen Steg erneut aber modern wieder zu etablieren. Joao Sousa von JJs Architectura sieht sein Konzept in eigenen Worten als „einen schmalen Gang, der sich zu einem ,Wasserplatz‘ öffnet, der die ursprüngliche Funktion des Stegs reaktiviert.“

Er sagt außerdem: „Uns war es wichtig, kulturelle, wirtschaftliche und ökologische Eigenschaften in einer kohärenten Komposition zu vereinen, die Brookes Jetty wieder zu einem bedeutenden städtischen Areal macht und dem Ort neue urbane Vitalität verleiht.“

Amphiteater für Strand-Fans

Deshalb sei der neu gedachte Steg bewusst dem ebenso schmalen Vorgängerobjekt nachempfunden worden, um dann jedoch das große Finale, den Spitz, zu einem bewusst inszenierten Sammelort zu entwickeln. Einer Art zweiseitiges Amphitheater, dessen geneigte Struktur die Besucher vor den vorherrschenden Winden schützen soll.

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Außerdem wurden die versetzten, klingenartigen Platten des gesamten Objekts auf die Nord-Süd-Achse ausgerichtet. Dadurch entstehe eine Art Beziehung zur aufgehenden Sonne (über dem Strand von St. Kilda) und zur untergehenden Sonne (über der Bucht von Port Phillip Bay), wird erläutert. Wir erinnern uns: Der schönste Sonnenuntergang Australiens …

Mach die Welle

Was jedoch abseits jeglicher architektonischer Philosophie jedem Betrachter sogleich auffällt: Der gesamte Bau erinnert frappant an eine Welle (ähnlich dem Projekt HYPERcay). Das Gesamtdesign ist durch und durch von der Meeres(um)welt geprägt und erinnert außerdem an die Formen von Fischen oder Bootskielen.

In Architektur-Sprech klingt das dann so: „Konzeptionell würde der Entwurf versuchen eine am Ufer einlaufende Welle einzufangen, die in der Zeit eingefroren und zu einer sanften Topographie kristallisiert ist.“

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Jedenfalls hat dieser Zugang der Jury offensichtlich besonders gut gefallen, wie der Vorsitzende bei der kürzlich stattgefunden Preisverleihung erklärt. Die Idee würde "einem internationalen Trend zu erfinderischen Neuinterpretationen von Strukturen am Meer folgen“, so Dimity Reed.

(K)ein märchenhaftes Ende?

Was nun aber mit dem Plan geschieht, steht noch in den Sternen. Jedenfalls darf sich das Architekturbüro einmal über ein Preisgeld von (mageren) 5.000 Euro freuen. Doch ob „The Wave“, wie das Projekt nun offiziell heißt, auch wirklich gebaut – oder besser gesagt in See stechen wird – ist noch völlig unklar.

Architekturfotograf John Gollings jedenfalls, der Initiator der gesamten Steg-Rettungs-Mission, hat schon erklärt, keine Ruhe zu geben, ehe die Einwohner von Port Phillip nicht ihren künstlichen Wasserweg wieder zurückbekommen haben.

Bleibt also nur zu hoffen, dass diese Geschichte kein märchenhaftes Ende nimmt. Also keines, das mit diesen Worten schließt: Und wenn er nicht gestorben ist, so kämpft er noch heute um Brookes Jetty …

Text: Johannes StühlingerBilder: JJs Arquitectura; John Gollings

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